Der dramatischste Moment an diesem Samstagmittag in der B-Ebene der Hauptwache ist wohl der, als einem kleinen Hund der Analbeutel platzt. Blut und Eiter ergießt sich auf sein Fell – gut, dass die Tierärztin schon da ist. Maja Firlé desinfiziert die Stelle und reinigt das Fell, dann gibt sie der Besitzerin Antibiotika und Schmerzmittel mit. „Das war jetzt aber ein Zufall“, sagt sie kopfschüttelnd. Erst Minuten zuvor hatte ihre Kollegin bei dem Hund die verstopfte Analdrüse diagnostiziert und das Tier für Montag zur fachgerechten Entleerung des Analbeutels in die Praxis einbestellt – dieser Termin hat sich nun erledigt.
Seit 20 Jahren behandelt Firlé als Gründerin des Vereins Soziale-Tier-Not-Hilfe gemeinsam mit einer Kollegin oder einem Kollegen einmal im Monat in der B-Ebene kostenlos die Tiere bedürftiger Menschen. Denn wenn Haustiere krank werden, kann es schnell teuer werden – für manchen zu teuer.
„Ich wollte etwas Gutes tun“, erklärt die Veterinärin, die in Bockenheim ihre eigentliche Praxis betreibt. Dort hatte sie immer wieder Tiere von obdachlosen Menschen behandelt. Sie kannte die Verzweiflung bedürftiger Tierhalter, sich eine veterinärmedizinische Behandlung nicht leisten zu können, und die Hemmschwelle, trotzdem mit dem kranken Tier in eine Praxis zu gehen und um Hilfe zu bitten. Daher entschloss sie sich, Tieren von bedürftigen Menschen eine stark vergünstigte oder sogar unentgeltliche Behandlung zu bieten und dafür einen Ort zu suchen, der mittendrin im Leben ist und bei dem niemand Scheu verspüren muss.
Die meisten Halter zahlen zehn Euro
Seitdem baut die Achtundfünfzigjährige einmal monatlich an einem Samstagmittag eine mobile Tierarztpraxis mitten in der B-Ebene auf. Der kleine Bereich wird mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, für die Behandlungen stehen zwei Tische parat, auf einem weiteren Tisch stapeln sich Medikamente, Impfstoffe und Entwurmungsmittel.
Mehrere Menschen, die meisten von ihnen mit kleinen Hunden, melden sich zunächst an einem Stehtisch an. Dort müssen sie nachweisen, dass sie die Voraussetzungen erfüllen: Behandelt werden ausschließlich Tiere von Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern, die entweder obdachlos sind, Bürgergeld beziehen oder nur über eine geringe Rente verfügen. Maximal zwei Tiere werden behandelt. Diese müssen älter als ein Jahr sein, um aufgenommen zu werden. Am Stehtisch gegenüber zahlen anschließend die meisten Tierhalter den symbolischen Kostenanteil von zehn Euro, nur für die Tiere von Obdachlosen ist die Behandlung komplett unentgeltlich.
In der Warteschlange für die Behandlung steht Gabriele Heyden mit ihrem jungen Pudel Rocky. „Er muss nur geimpft werden“, erklärt die 72 Jahre alte Rentnerin, während der braunhaarige Hund gut gelaunt an ihr hochspringt. Nach dem Tod ihres früheren Hundes hatte sie Rocky von einer älteren Dame übernommen, seitdem war sie mit ihm zweimal bei der kostenlosen Behandlung in der B-Ebene. „Tierarzt ist so teuer geworden, und ich bekomme nur eine kleine Rente“, erklärt sie.

Früher behandelten die Tierärzte pro Samstag etwa 30 bis 40 Tiere, mittlerweile liegt der Schnitt bei mehr als 50. „Seit den weltweiten Krisen ist es deutlich mehr geworden“, sagt die Erste Vorsitzende des Vereins, Simone-Franziska Glaser. Corona sorgte bei vielen für eine Verschärfung der finanziellen Lage, seit Beginn des Ukrainekrieges kommen auch aus diesem Land Flüchtlinge mit ihren Tieren.
Viele der bedürftigen Tierhalter besuchen regelmäßig die Sprechstunde in der B-Ebene, vor allem die Besitzer von älteren Tieren. Sie holen Schmerzmittel und andere Medikamente ab, die gegen die chronischen Krankheiten ihrer Vierbeiner helfen sollen. „Die Medikamente sind teuer“, erklärt Firlé, die viele Hunde- und Katzenhalter schon lange kennt und weiß, dass die Tiere für diese Menschen sehr wichtige, manchmal sogar die einzigen Sozialpartner sind.
Eine ältere Frau hat ihren Hund mitgebracht und zeigt auf kahle Stellen in dessen Fell, sie erhält ein Mittel gegen Pilzbefall. Bei einem anderen Hund sind die Krallen zu lang geworden und werden von der Tierärztin geschnitten. „Er hat Schmerzen beim Laufen“, sagt eine weitere Hundebesitzerin mit trauriger Stimme, als sie an der Reihe ist. Firlé nickt, sie kennt den Patienten bereits und auch seine Diagnose „Patellaluxation“. Dabei springt die Kniescheibe aus dem Gelenk, die Hundebesitzerin erhält für ihren Vierbeiner ein Schmerzmittel.
Kompliziertere Fälle werden für die Folgewoche in die Praxis von Firlé überwiesen, dort können sie etwa mit Röntgengeräten oder Ultraschall eingehender untersucht werden. Auch hierfür übernimmt der Verein einen Großteil der Kosten. Für aufwendige Operationen oder für die Behandlung chronisch kranker Tiere werden zudem Tierpatenschaften vergeben.
Firlé hatte den gemeinnützigen Verein 2008 auch gegründet, um sich rechtlich abzusichern – denn in der Regel dürfen Tierärzte nicht kostenlos behandeln. 2010 wurde der Verein für sein gemeinnütziges Engagement mit dem hessischen Tierschutzpreis ausgezeichnet. Aktuell hat er 17 aktive Mitglieder, er finanziert sich durch Mitgliedsbeiträge und Spenden.
Während die Tierärztinnen untersuchen, spritzen, verbinden und Medikamente aushändigen, gehen daher Mitglieder des Vereins mit Spendenbüchsen in der B-Ebene herum. Viele Passanten geben bereitwillig Münzen und Scheine – ein Mann steckt sogar einen 100-Euro-Schein in den Schlitz.
