„Wir werden es aber auch nicht übertreiben“ – dieser Satz stammt von Zinédine Zidanes offizieller Vorstellung als neuem Nationaltrainer Frankreichs am 28. Juli, als der 54-Jährige auf seine künftige Spielphilosophie mit eventuell vier Stürmern angesprochen wurde.
So wird Bayerns Michael Olise vom französischen Trainerstab als rechter Flügelspieler mit extrem vielen Freiheiten ausgestattet, dazu kommt Ousmane Dembélé als Mittelstürmer – die Position, die er auch bei seinem Arbeitgeber Paris Saint-Germain so gerne einnimmt. Die Ernennung von Zidane zum Trainer der „Équipe Tricolore“ steht vor allem für den Willen, den Stammspielern wieder optimale Erfolgsbedingungen zu bieten.

Im Mittelpunkt dieses Vorhabens scheint insbesondere die Positionierung von Kylian Mbappé der erste Eckpfeiler zu sein. Im Gegensatz zu den jüngsten Experimenten, bei denen er zeitweise als Stoßstürmer zum Einsatz kam, plant der neue Trainer der „Bleus“, ihn wieder auf dem linken Flügel aufzustellen. Genau auf dieser Position wurde der Torschützenkönig der vergangenen Weltmeisterschaft bei Zidanes Trainereinstand in der Türkei eingesetzt, bevor er sich am Knie verletzte und vorzeitig abreisen musste.
Das Ziel von Zidane in den nächsten Monaten: dem Kapitän der Franzosen den nötigen Raum zu geben, um dessen Schnelligkeit und Fähigkeit, Gegner auszuspielen, voll auszuschöpfen. Zurückblickend hat der Stürmer von Real Madrid auf dieser Position seine größten Erfolge gefeiert – wie etwa den Gewinn der Weltmeisterschaft 2018 in Russland.
Zidanes Positionsbotschaft
„Ausgerechnet Mbappé, also den wichtigsten Spieler unserer Nationalelf, wieder auf dem linken Flügel einzusetzen, obwohl er sowohl bei Real als auch unter Deschamps in der vordersten Spitze agierte, trägt ein gewisses Risiko bei – aber ‚Zizou‘ war schon immer mutig“, analysierte Frankreichs ehemaliger Nationalspieler Robert Pirès beim Pay-TV-Sender Canal+. „Er will alle Spieler auf ihren jeweiligen Lieblingspositionen spielen lassen. Das ist schon mal eine wichtige Botschaft.“
Ein auf der linken Seite frei agierender Mbappé erfordert eine einwandfreie defensive Absicherung hinter ihm. Dafür kommen zwei Neulinge ins Spiel: Andy Diouf und Adrien Truffert. Seit Saisonbeginn wird Diouf bei Inter Mailand als Schienenspieler auf der rechten Seite benötigt, doch in Zidanes Augen könnte er die ideale Lösung für die Position des linken Außenverteidigers werden.
Der neue Trainerstab möchte sicherstellen, dass die französische Nationalelf in gegnerischen Umschaltphasen nicht überrannt wird, wie etwa bei der vergangenen WM und besonders dem Ausscheiden gegen Spanien (0:2) im Halbfinale. Das Gleiche trifft auf Truffert zu, der bei Trainer Marco Rose in Bournemouth seit Saisonstart aufblüht. Bei der WM galt die Linksverteidigerposition als größte Schwäche der Deschamps-Elf, weil weder Lucas Digne noch Théo Hernandez nachhaltig überzeugten.
Zidanes natürliche Autorität
Über Namen und Positionen hinaus möchte Zidane seine ureigene Arbeitsphilosophie vermitteln: Diejenigen, die seine Karriere als Trainer verfolgt haben, betonen, dass seine größte Stärke nach wie vor die Bescheidenheit ist – ein Wert, den er in den Mittelpunkt seiner Personalführung stellt.
Die ersten taktischen Entscheidungen als Nationaltrainer zeigen einen Mann, der nichts dem Zufall überlässt. Indem er sich auf bewährte Stammspieler stützt und vielseitige Spieler einbindet, um das Kollektiv zu stärken, formt er eine bisher erfolgreiche und disziplinierte französische Nationalmannschaft.
„‚Zizou‘ war immer schon ein akribischer Arbeiter, der sehr fleißig ist und alles dafür tut, dass sich jeder Spieler pudelwohl fühlt“, analysiert der ehemalige französische Nationalspieler Youri Djorkaeff im Gespräch mit der F.A.Z.: „Er strahlt eine natürliche Autorität und einen unglaublichen Charme aus. Seine Spieler folgen ihm blind. Was mich interessiert, ist, wie er seine Ideen und seine Spielvision durchsetzen und was er uns bieten wird. Das ganze Land ist optimistisch, dass seine taktischen Maßnahmen schnell Früchte tragen werden – spätestens dann bei der nächsten Europameisterschaft.“
Der Erfolg dieses taktischen Vorhabens wird darüber entscheiden, ob sich die französische Nationalmannschaft erneut als unangefochtene Referenz im europäischen Fußball etablieren und Spanien entthronen kann.
