Alles wird immer teurer: An dieser Klage ist in Deutschland aktuell kein Vorbeikommen. Beim Bezahlen an der Kasse, in Talkshows, auf Wahlplakaten – überall herrscht der Preis-Blues. Und es stimmt ja auch. Die Benzinpreise bleiben trotz Tankrabatt hoch, das Deutschlandticket wird teurer, und die Inflation ist im September auf 3,3 Prozent gestiegen.
Die gestiegenen Preise sind die Sorge Nummer eins der Deutschen. 73 Prozent sind deswegen beunruhigt, zeigte eine repräsentative Allensbach-Umfrage kürzlich. Krieg, Klima oder Donald Trump können da nicht mithalten. Und laut einer Umfrage für die R+V-Versicherung haben 59 Prozent der Menschen hierzulande Angst, dass ihr Geld auf Dauer nicht mehr zum Leben reicht.
Die Parteien der Ränder haben mit diesem Gefühl erfolgreich Landtagswahlkämpfe bestritten. Die AfD schob schon im Frühjahr die Schuld an den gestiegenen Spritpreisen dem Kanzler zu. Die Linke suggerierte mit dem Slogan „Berlin bezahlbar machen“, dass die Stadt es aktuell nicht ist. Getrieben von den Rändern versprechen auch die Regierungsparteien einen günstigeren Alltag. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sah an den Zapfsäulen die „Belastungsgrenze“ erreicht und gab einem Tankrabatt grünes Licht, der die Steuerzahler 2,5 Milliarden Euro kosten wird.
Seit 2024 steigen die Löhne schneller als die Preise
So einig sich Bürger und Politik in der Problemwahrnehmung sind – die Zahlen zeigen ein anderes Bild. Die Deutschen fühlen sich ärmer, als sie sind. Zu diesem Fazit kamen im Juni Jan Behringer und Lukas Endres, zwei Forscher des gewerkschaftsnahen Instituts IMK, das einer Beschönigung der Einkommenssituation unverdächtig ist.
Die Forscher rechnen vor, dass die Deutschen nach der Pandemie und dem russischen Angriff auf die Ukraine den Gürtel enger schnallen mussten, weil die Inflation nach oben schoss. Die realen Einkommensverluste aus den Jahren 2021 bis 2023 seien aber schon Ende 2024 wieder aufgeholt gewesen. Seitdem sind die Löhne stärker gestiegen als die Preise. Dennoch sagten in einer Umfrage Ende vergangenen Jahres 60 Prozent der Befragten, dass sie sich weniger leisten könnten als vor fünf Jahren.
Die wegen des Irankriegs sprunghaft gestiegenen Benzinpreise dürften diese Wahrnehmung noch befeuert haben. Sie ändern allerdings nichts an dem grundsätzlichen Befund, dass die Deutschen keineswegs massenhaft verarmen. Zwar sind die Verbraucherpreise seit dem Jahr 2020 um rund ein Viertel gestiegen, Lebensmittel und Energie sogar noch deutlich stärker als der Durchschnittswert. Die Einkommen haben aber laut Statistischem Bundesamt im Schnitt noch etwas stärker zugelegt – es bleibt also mehr Geld in der Tasche, nicht weniger.
50 Prozent mehr Mindestlohn
Richtig ist, dass ärmere Menschen von der Inflation besonders stark betroffen sind, weil sie große Teile ihres Budgets fürs Wohnen und für Lebensmittel ausgeben müssen. Gerade in Ostdeutschland mit dem höheren Anteil an Geringverdienern spielt das eine Rolle. Dem steht aber gegenüber, dass beispielsweise der Mindestlohn seit 2020 um fast 50 Prozent gestiegen ist. Die Lohnsteigerungen entfielen also keineswegs nur auf die Besserverdiener.
Was steckt also hinter dieser Diskrepanz zwischen den Zahlen und der Stimmung im Land? Matthias Sutter, Verhaltensökonom und Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn, nennt im F.A.Z.-Videopodcast „Löhr & Pennekamp“ zwei Gründe. Erstens wisse man aus der Forschung, dass Preise, denen Menschen im Alltag häufig begegnen, unverhältnismäßig starke Wirkung hinterlassen. „Man fährt täglich an der Tankstelle vorbei, sieht täglich im Supermarkt, dass das Gemüse teurer wird, während man in der Regel einmal im Monat seine Gehaltsüberweisung bekommt – und das merkt man gar nicht so stark“, sagt Sutter. Zweitens würden Preissteigerungen wegen der tief in den Menschen verwurzelten Verlustängste stärker wahrgenommen als Preissenkungen, die es in den vergangenen Jahren auch gab, etwa bei Elektrogeräten. Beides zusammen führe zu einer „Verzerrung der Wahrnehmung“.
Diese Verzerrung hat eine Reihe negativer Folgen. Die Forscher des Instituts IMK halten den gefühlten Verlust der Kaufkraft für eine mögliche Konsumbremse, nach dem Motto: Die Leute halten ihr Geld zusammen, weil sie ihre Einkommenssituation falsch einschätzen. Für das Wirtschaftswachstum in Deutschland wäre das eine Hypothek. Zudem zeigen die Ökonomen, dass Menschen, die ihre Kaufkraft geschmälert sehen, Vertrauen in die Regierung verlieren.
Verhaltensökonom Matthias Sutter kann zwar einerseits nachvollziehen, dass Politiker wie mit dem Tankrabatt gegensteuern, um den Vertrauensverlust zu bremsen. Andererseits seien solche Hilfen aber ein Fehler, weil der Anreiz zum Spritsparen sinke. Sutter fände es gut, wenn Politiker den Bürgern offen sagten, dass sie in den vergangenen Jahren nicht an Kaufkraft verloren haben. Allerdings sei zu befürchten, dass dies „überhört“ werde.
Der Druck auf die Regierungen, stark steigende Preise abzufedern, ist hoch. Das gilt in Deutschland ebenso wie andernorts. Dies hat auch mit dem Krisenmanagement der vergangenen Jahre zu tun. Unter Angela Merkel (CDU) erkaufte sich die Regierung die Zustimmung zu den vergleichsweise langen und strengen Lockdowns in Deutschland, indem sie immer neue Hilfen für die Betreiber geschlossener Geschäfte und Freizeiteinrichtungen schuf. 76 Milliarden Euro an Zuschüssen für Unternehmen und mehr als 42 Milliarden Euro an Kurzarbeitergeld für Arbeitnehmer wurden ausgezahlt.
Als nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 die Energiepreise in die Höhe schossen, ging die Ampelkoalition erneut in die Vollen. Allein für die Gas- und Strompreisbremse gab der Staat rund 30 Milliarden Euro aus, finanziert über Schulden.
Ruf nach dem Staat
Die Erwartungen der Bürger an die Politik sind seitdem nicht kleiner geworden. Auf die Frage, ob die Preise für lebensnotwendige Güter wie Strom oder Nahrung staatlich reguliert werden sollten, antwortete in einer Umfrage der Arbeitgeberinitiative INSM mehr als jeder zweite Befragte mit „Ja“.
Weil der Tankrabatt auf drei Monate befristet ist, macht das SPD-geführte Finanzministerium in Berlin nun Druck auf das CDU-geführte Wirtschaftsministerium, den jüngst in der Koalition vereinbarten Preisdeckel für Kraftstoffe in die Tat umzusetzen. 69 Prozent der Bürger wollen laut den Marktforschern von Forsa einen solchen Deckel. Solche Zustimmungswerte hätten Union und SPD auch gern.
