
Es war eine Woche mit lauter Premieren in der Vereinsgeschichte des SV Darmstadt 98. Erste Reise nach Fernwest samt erstem Match auf amerikanischem Boden, und auch erstmals hat sich eine „Lilien“-Mannschaft gemeinsam im Stadion ein Spiel im College-Football angeschaut. Beim deutschen Fußballer Kai Klefisch ist beim American Football der Funke direkt übergesprungen. Nicht weil ihn diese Disziplin mit in seinen Augen zu vielen und zu langen Pausen im Spiel gereizt hätte. „Sondern zu sehen, wie bedeutend Sport in der amerikanischen Kultur ist“, so der Sechsundzwanzigjährige am Telefon aus San Antonio.
So ist die texanische Exkursion der Darmstädter auch ein Stück weit eine Auszeit von der heimischen Fußballkultur. Die beinhaltet, dass Profis, deren Teams deutlich unter den Erwartungen bleiben, schon mal reichlich Gegenwind erfahren.
„Den Unmut von einigen Fans kann ich verstehen. Wir sind ja auch nicht zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf. Ganz einfach weil wir Letzter sind und manchmal auch – Pardon – Kacke gespielt haben“, sagt Klefisch. Die Spieler dürften verinnerlicht haben, dass ausgangs der XXL-Länderspielpause von ihrem Publikum eine Trendumkehr erwartet wird. Dafür erhält das kommende Heimspiel gegen Cottbus am 10. Oktober schon eine besondere Bewandtnis.
Der Zeitpunkt der Reise in die Partnerstadt San Antonio vor dem Hintergrund des drohenden Zweitliga-Abstiegskampfes hatte Kritik hervorgerufen. Doch scheint eine solch lang geplante, siebentägige Reise inmitten einer dreiwöchigen Ligapause für Fußballprofis nicht sonderlich beschwerlich, sondern gut verkraftbar zu sein. Und auch eine Luftveränderung mitsamt gemeinsamer Zeit und als Team geteilter Erlebnisse kann der Chemie in einer neu formierten Equipe wie den „Lilien“ zuträglich sein.
Torfestival in San Antonio
Nicht nur wurden die Trainingsbedingungen bei sommerlich-schwülwarmen Temperaturen gelobt. Der von der Deutschen Fußballliga unterstützte Trip hielt am Ende auch ein Erfolgserlebnis für den im heimischen Ligabetrieb zuletzt bei der 1:5-Niederlage in Wolfsburg gerupft daherkommenden SV 98 bereit. Taten sich die Darmstädter in der zweiten Liga bislang mit dem Toreschießen extrem schwer (fünf Treffer in sechs Partien), fielen im Privatspiel gegen den Partnerklub San Antonio FC sieben Tore.
Vor Anpfiff wurde sogar die deutsche Nationalhymne gespielt, was die meisten SVD-Profis bei einem ihrer Spiele noch nie erlebt haben dürften. Und während des Matches gegen den amerikanischen Zweitdivisionär trugen sich beim 7:0-Erfolg sechs verschiedene „Lilien“-Profis in die Torschützenliste ein. Ein Muster ohne großen Wert womöglich vor der am Donnerstag angetretenen Heimreise. Aber mehr als ein Mosaikstein auf dem erhofften Weg der Besserung war es gewiss.
„In meinen Augen fehlt uns als Team nicht viel, nur ist dieser finale Klick-Moment noch nicht passiert“, sagt Klefisch, der mit seiner Laufstärke im zentralen defensiven Mittelfeld nicht nur ein Dauerrenner ist, sondern mit nunmehr über zweijähriger Vereinszugehörigkeit auch schon ein Dauerbrenner im Darmstädter Team. Der gebürtige Rheinländer gehört zu den Führungsspielern, die nach dem großen Umbruch im Sommer in besonderer Weise gefordert sind.
Wogegen sich der 1,90 Meter große Kämpfer auch nicht sträubt. Klefisch: „Ich bin nun schon länger in Darmstadt und habe unser System sehr verinnerlicht. Daraus ergibt sich Verantwortung, die ich gerne übernehme. Den Jungs auf dem Feld zu sagen, was geboten ist; als Sechser in der Mitte über alles im Spiel Bescheid zu wissen; den Mund aufzumachen und viel zu kommunizieren – das gehört für mich dazu.“
Auch Klefischs Spiel haftet etwas Fehlerhaftes an
Klefischs Spiel kann etwas Mitreißendes ausstrahlen, wenn er mit raumgreifenden Schritten zwischen beiden Strafräumen unterwegs ist und sich mit Verve in jeden Zweikampf begibt. Doch haftet auch seinem Spiel in dieser Runde bisher etwas Fehlerhaftes an. Was die ein oder andere Beteiligung an Gegentreffern illustrierte und auch der völlig unnötige Platzverweis (Gelb-Rot) bei der 0:1-Niederlage in Dresden zeigte. Auf der anderen Seite hat der Fleißarbeiter im Zentrum zwei der bisherigen fünf Saisontore vorbereitet.
Das in der vorigen Saison lange stark harmonierende Zusammenwirken auf der „Doppelsechs“ mit Hiroki Akyama kam in dieser Spielzeit bislang kaum zum Tragen. Weil der Japaner überwiegend gesundheitlich bedingt ausfiel und auch Klefisch eine Sperre absaß. An guten Tagen liefert das von Trainer Florian Kohfeldt hochgeschätzte Duo arbeitsteilig ein gutes Maß an strategischem Geschick von Akyama und physisch geprägter Kärrnerarbeit, da Klefisch als gelernter Innenverteidiger vorrangig defensiv denkt.
„Laufen macht mir wirklich Spaß. Ab einem gewissen Punkt ist vieles Wille. Drüber zu gehen über den Punkt, alles rauszuhauen – das ist auch Teil meines Spiels“, sagt Klefisch, der sich nach Jugendjahren bei Bayer Leverkusen über den Drittligaklub Viktoria Köln in die zweite Liga vorarbeitete.
Zwar spricht auch Klefisch davon, dass sich die „Lilien“ noch in der Findungsphase befinden. Doch zieht das Argument zunehmend weniger angesichts von gemeinsamer wochenlanger Sommervorbereitung, sechs Saisonwochen und drei Wochen Länderspielpause. „Dass die Mannschaft Qualität hat, ist unumstritten. Dass wir den Anspruch haben, den Fans mit unserem Spiel was zu bieten auch“, sagt Klefisch. In seinen Augen könne es auch mal ratsam sein, abzurücken von dieser Ambition. „Es kann auch mal geboten sein, dass das ‚Wie‘ egal ist und es mehr auf Grundtugenden ankommt. Selbstvertrauen kommt in erster Linie durch Siege.“ Ob im American Football oder im Fußball.
