Es gibt nur wenige Trainer im nordamerikanischen Profi-Eishockey, die eine so erlesene Angriffsreihe aufs Eis schicken können wie der Mann, der seit einigen Wochen bei den Edmonton Oilers hinter der Bande steht. Für die stehen Mike Babcock gleich zwei absolute Ausnahmespieler zur Verfügung – Connor McDavid und Leon Draisaitl, die zwischen 2017 und 2023 das Kunststück fertigbrachten, in jeder Saison in der National Hockey League (NHL) abwechselnd die Liste der Stürmer mit den meisten Scorer-Punkten anzuführen. Glanztaten, für die sie – der Kanadier McDavid dreimal, der Kölner Draisaitl einmal – als wertvollste Spieler der gesamten NHL-Saison ausgezeichnet wurden.
Doch von so etwas hat sich jemand wie Babcock noch nie beeindrucken lassen. Sonst würde er Ausnahmesportler wie die beiden nicht öffentlich wie Schuljungen behandeln – wie am Samstag vor anderthalb Wochen beim ersten Vorbereitungsspiel in eigener Halle gegen die Winnipeg Jets. Da setzte er nach einem Fehlpass von Draisaitl die zwei und ihren russischen Nebenmann Wassili Podkolsin nach nur fünfzehn Sekunden auf die Bank.
Ein wortloser Nachhilfeunterricht für den Fall, dass sie im Trainingslager nicht richtig zugehört hatten, als der 63-Jährige ihnen sein Trickle-Down-Konzept für die Rolle von Stars präsentierte. Sie hätten als Vorbilder zu fungieren und müssten „ihre Aufgaben auf die richtige Weise erledigen“, sagte er. Denn nur so würde die Hingabe zu mehr Perfektion und „viel Liebe zum Detail“, die er dem Team verordnet hatte, auf die anderen im Kader abfärben.
Eine Idee, die Draisaitl, der unter Vorgänger Kris Knoblauch noch schlecht gelaunt auf derartige Maßregelungen reagiert hatte, bislang ohne Murren akzeptiert hat. So sagte er nach der ersten Trainingseinheit: „Es war großartig. Es war intensiv. Er ist voller Energie.“
Marc Messier ist „entsetzt“
Andere Trainer in der NHL würden womöglich ihren neuen Posten etwas gelassener antreten. Aber Babcock, der einzige Coach, der (2008 mit den Detroit Red Wings) den Stanley Cup, mit dem kanadischen Nationalteam zweimal die olympische Goldmedaille (2010 in Vancouver und 2014 in Sotschi) sowie die WM (2004 in Prag) gewonnen hatte, hat seit fast sieben Jahren kein NHL-Team mehr bei einem offiziellen Spiel betreut. Ein kurzes Intermezzo bei den Columbus Blue Jackets endete im September 2023 noch vor den Vorbereitungsspielen auf die Saison, nachdem er sich im Trainingslager bei zahllosen Spielern unbeliebt gemacht hatte, als er sich die privaten Fotosammlungen aus deren Handys zu Gemüte führte.

Der Erwartungsdruck, der auf ihm nun in Edmonton lastet, ist wohl mindestens so groß wie der, mit dem das Team kämpft. Denn die Oilers hatten zwar 2024 und 2025 zweimal nacheinander die Stanley-Cup-Finalserie erreicht, waren aber beide Male knapp an den Florida Panthers gescheitert. In der vergangenen Saison war der Tank dann bereits in der ersten Play-off-Runde leer. Mit den Fingern auf die Spieler zu zeigen, lag nahe. McDavid und Draisaitl waren im ersten Duell gegen die Panthers schwach im Abschluss gewesen. Auch Torwart Stuart Skinner war keine große Hilfe gewesen, hatte aber wiederum seine Vorderleute in der Pflicht gesehen, die sich von ihren leichtfüßigen Gegnern eine Art Eisschnelllauf-Wettbewerb hatten aufzwingen lassen.
Das Oilers-Management sah die entscheidende Schwachstelle allerdings woanders: beim Trainer. Man setzte deshalb Kris Knoblauch vor die Tür, obwohl man erst wenige Monate zuvor eine Vertragsverlängerung über drei Jahre mit ihm ausgemacht hatte – und gab Mike Babcock die Möglichkeit, sich zu rehabilitieren. Ob ihm das gelingt, könnte auch davon abhängen, ob seine alten Methoden als Rekrutenschinder mit einem Hang zu Psychospielchen den gewünschten Effekt haben.
Die Spieler wurden bereits von der Oilers-Legende Mark Messier gewarnt, der inzwischen als Fernsehkommentator arbeitet und „entsetzt“ auf Babcocks Verpflichtung reagiert hatte: „Ich bin absolut schockiert, dass sie ihn eingestellt haben“, sagte er vor einigen Tagen. „Absolut schockiert über die Geschichten, die ich von sehr guten, angesehenen und charakterstarken Menschen darüber gehört habe, wie sie behandelt wurden. Das ist kein Geheimnis.“
Niederlage gegen Vancouver zum Auftakt
Das reichte von jemandem wie Johan Franzen bei den Detroit Red Wings, der damals berichtete, dass die Verbalattacken des Trainers bei ihm zu einem emotionalen Zusammenbruch geführt hatten. Bis hin zum Präsidenten der Toronto Maple Leafs, der nach der Freistellung des Trainers feststellte, dass der Umgang von Babcock mit Spielern nicht „angemessen oder akzeptabel“ gewesen sei.
Besonders eindrücklich war außerdem die Art, wie er mit Mike Modano, dem langjährigen Kapitän der Dallas Stars, am Ende von dessen Karriere umging. Modano hatte gehofft, im Alter von 40 bei den Detroit Red Wings die magische Marke von 1500 Spielen in der regulären Saison zu erreichen. Doch Babcock ließ ihn auf der Bank versauern und fertigte einen der besten amerikanischen Stürmer der vergangenen Jahrzehnte mit den Worten ab: „Ich habe dich nicht hierher geholt, damit du auf 1500 Spiele kommst. Sondern damit du einen Cup gewinnst.“
Oilers-Angreifer Zach Hyman, der unter Babcock bereits in Toronto gespielt hatte, versuchte jetzt der Situation trotz allem etwas Positives abzugewinnen: „Jeder ändert sich, egal wer. Bei ihm sind einige Dinge gleich geblieben: seine Liebe zum Detail, seine Art zu trainieren, seine Struktur. Er ist jemand, der sich wie kein anderer Videos ansieht, Eishockey beobachtet und in der Lage ist, daraus zu lernen und sich anzupassen.“ Es gehört zu Babcocks Philosophie, die Lasten stärker zu verteilen: „Wir werden zwölf Stürmer einsetzen, und jeder wird wichtig sein“, meinte er neulich.
Das war allerdings schon seinem Vorgänger nicht gelungen, und der Kader scheint in der neuen Saison nicht unbedingt besser. Zwischen den Torstangen steht noch immer kein Top-Goalie, und hinter McDavid, Draisaitl und Hyman sackt das spielerische und athletische Niveau deutlich ab. Der 30-jährige Draisaitl hat sich dennoch schon seit einer Weile mit der Idee angefreundet, dass nun ein Typ wie Babcock den Ton angibt. Er pries ihn zwischendurch mit den Worten: „Er weiß, was die Mannschaft braucht. Und er zögert nicht, dir das direkt ins Gesicht zu sagen.“ Denn, so Draisaitl: „Er wird sich nicht groß darum scheren, wer wir sind.“ Es sei denn, sie produzieren zu viele Fehler. Am Dienstag verloren die Oilers das erste Saisonspiel gegen die Vancouver Canucks 5:6 nach Verlängerung.
