
Vergangene Woche hatte Caren Miosga überrascht. Endlich einmal hatte sie keine Politiker in ihre Talkshow eingeladen, sondern mit drei Experten ein Gespräch über den Iran geführt, das die Zuschauer klüger oder zumindest nachdenklicher zurückließ. Diesen Sonntag dagegen bot sie als Kontrast- wieder das Normalprogramm: Mit Tino Chrupalla war einer der umstrittensten deutschen Politiker der Hauptgast der Sendung, und ein Abend der Kreuzverhöre und Grabenkämpfe schien somit vorprogrammiert.
Wie Chrupalla dann auf der Bühne erschien, machte auf einen Blick deutlich, dass die AfD, wenn überhaupt, nur das Biederste und Mittelmäßigste der von ihr angeblich so geschätzten deutschen Tradition vertritt: Mit seiner rechteckigen, halb-randlosen Brille und seinem gegelten Kurzhaarschnitt schien der AfD-Vorsitzende direkt aus den Zweitausendern zu kommen, während der mausgraue Anzug bei dunkelblauem Hemd sich von ebenso mausgrauen Beamtenanzügen nur dadurch unterschied, dass Chrupalla eine leicht überdimensionierte Deutschland-Fahne am Revers trug. Fast sehnte man sich nach Alexander Gaulands Tweed-Sakkos und Hundekrawatten, die – wie vordergründig auch immer – immerhin auf eine bedeutende konservative Geistestradition verwiesen hatten, anstatt einfach nur das Durchschnittsdeutschland von vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren zurückhaben zu wollen.
Bilder wie in Minneapolis vermeiden
Chrupallas biederes Auftreten, das wurde bald klar, war auch inhaltlich Programm. Hier wollte kein Scharfmacher sprechen, kein Feind der „Lügenpresse“ und Verächter der „Kartellparteien“, sondern ein Oppositionsführer, der dem gesunden Menschenverstand mit den besseren Argumenten zum Durchbruch verhilft. Was aber sagt der gesunde Menschenverstand, wenn ein AfD-Landtagsabgeordnete, wie Tobias Rausch in Sachsen-Anhalt, drei Geschwister, seine Partnerin und seinen Schwager von AfD-Kollegen beschäftigen und von Steuergeldern bezahlen lässt? „Ein Geschmäckle“ habe das, gibt Chrupalla zu, sei rechtlich aber nicht zu beanstanden.
Ausgleichend gab sich Chrupalla auch mit Blick auf die Migrationspolitik. Zwar müssten illegalen Einwanderer so schnell wie möglich abgeschoben werden, aber Bilder wie in Minneapolis wolle man in Deutschland natürlich nicht sehen, eine Behörde wie ICE auch gar nicht nötig. Hier wie auch an anderen Stellen des Abends durfte man sich fragen, ob Chrupalla damit wirklich die Parteilinie vertrat oder nur das sagte, was er in den „Mainstream-Medien“ für am ehesten vermittelbar hielt. Der Journalist Michael Bröcker berichtete später in der Sendung jedenfalls, wenn die Kamera aus sei, würden fast alle AfD-Politiker große Bewunderung über Trumps „entschlossenes“ Vorgehen gegen Migranten bekunden.
Hätte Chrupalla mit Hitler Frieden geschlossen?
Selbst beim Thema Verteidigung beschwichtigte Chrupalla zunächst: Aus der NATO wolle seine Partei natürlich nicht austreten. Es sei allerdings fraglich, ob das Verteidigungsbündnis heute noch als Abschreckung gegen Russland gebraucht werde. Und auf beharrliches Nachfragen der Moderatorin ließ sich Chrupalla dann doch zu einer Einschätzung hinreißen, die den meisten Deutschen spätestens seit 2022 als radikal, wenn nicht als weltfremd erscheinen dürfte: „Ich sehe aktuell nicht, dass Deutschland von Russland bedroht ist“. Miosga konterte mit einem Einspieler, in dem Putin die Europäer warnte, russische Waffen könnten auch ihr Gebiet treffen und einen Atomkrieg entfachen. Was, wenn nicht das, ist eine Drohung?
Einmal in Fahrt, gab Chrupalla weitere Tropen des Kreml-Sprechs zum Besten. Beim Ukraine-Krieg, glaubte er, müsse man unbedingt auch die „Ursachen“ betrachten – und meinte damit nicht Putins seit Jahren hinreichend bekundete Großmachtsphantasien, sondern die NATO-Osterweiterung, der Russland, wie Miosga richtig anmerkte, noch 1997 zugestimmt hatte. Ein Premierminister Chrupulla, so konnte man mutmaßen, hätte Hitler-Deutschland vermutlich auch nach 1939 unter Verweis auf den Versailler Vertrag entschuldigen und durch Konzessionen zum Freund machen wollen. Ein in Zukunft vermutlich unumgänglicher Kompromissfrieden mit Russland wird jedoch nur dann halten, wenn sich der Westen keine Illusionen über Putins Ziele macht.
Aber möchte die AfD das gegenwärtige Deutschland überhaupt verteidigen? Björn Höcke hat diese Frage in der Vergangenheit schon einmal verneint: Solange Deutschland für Dragqueens, Massenzuwanderung und „Schuldstolz“ stehe, sei an eine Wehrplicht nicht zu denken. Chrupalla verstrickt sich in Widersprüche: An Höckes Aussagen findet er „nichts Falsches“, doch natürlich lohne es sich, Deutschland zu verteidigen. Eine Wehrpflicht solle eingeführt werden, wenn die AfD regiere. Ist das verteidigungswürdige Deutschland also nur das blaue Deutschland?
So konnte eine gut vorbereitete und erfreulich unaufgeregte Miosga dem AfD-Vorsitzenden im Einzelgespräch mehrere aufschlussreiche Aussagen entlocken. Im zweiten Teil kamen dann allerdings mit der „Wirtschaftsweisen“ Veronika Grimm und dem Table.Briefings-Chefredakteur Michael Bröcker zwei Gäste hinzu, die es sich offensichtlich zur Aufgabe gemacht hatten, Chrupalla deutlich direkter zu stellen.
Besonders Bröcker schien daran gelegen, sich durch resolutes Auftreten als AfD-Gegner zu profilieren, wofür er sich einige markige Sprüche zurechtgelegt hatte: „Ihre Partei ist wie Herr Tur Tur: Je näher man ihr kommt, desto mickriger wird sie.“ Inhaltlich kam die halbstündige Auseinandersetzung über Wirtschaftspolitik dagegen kaum über den hinlänglich bekannten Vorwurf hinaus, die AfD sei gegen Migration und Globalisierung, während die deutsche Wirtschaft sie gerade brauche.
Als Bröcker schließlich Chrupalla, der sich engagiert gegen Attacken von allen Seiten zur Wehr setzte, auch noch jovial den Arm tätschelte („ganz ruhig, Brauner“), konnte man fast mit Mitgefühl mit dem Vorsitzenden der Partei der Gefühlslosen haben. Eine überraschende Schlusswendung – und die Erkenntnis, dass Miosga auf Experten wohl besser verzichten sollte, wenn sie sich nicht wie Experten verhalten.
