Nach seiner Kavaliersreise durch Italien wollte George Clavering Nassau, Graf Cowper, nicht mehr ins „feuchte und bedrückende“ England zurückkehren. Das vermögende Patenkind König Georgs II. ließ sich in einer fürstlichen Villa in Fiesole nieder und etablierte sich in der Florentiner Gesellschaft als Sammler und Mäzen. Dort ließ er sich, wie viele Grandtouristen, von dem gefeierten deutschen Maler Anton Raffael Mengs porträtieren. Bei der zum 34. Mal standfindenden internationalen Antiquitäten-Biennale in Florenz (BIAF) ziert das für 250.000 Euro angebotene Bildnis den Stand des Mailänder Händlers Carlo Orsi, der seit seiner Übernahme von Trinity Fine Art vor zehn Jahren auch eine Londoner Vertretung hat.
Fluch und Segen de Kulturgutschutzes
Die an Renaissanceporträts angelehnte Darstellung des britischen Adeligen in karmesinroter Samtjacke gehört zu den Werken auf der Messe, die wegen ihres kulturellen Werts nicht aus Italien ausgeführt werden können. Für die Aussteller sind die Kulturschutzvorgaben zugleich eine sich mitunter auch auf den Preis niederschlagende Einschränkung wie eine Chance, Objekte von besonderem italienischen Interesse zu präsentieren, die sie wegen der strengen Auflagen anderswo, etwa bei der TEFAF in Maastricht, nicht ausstellen könnten. Auf den über die Repräsentationsräume im Erdgeschoss und das Piano nobile des barocken Palazzo Corsini am Arno-Ufer verteilten Ständen erklingt das Wort „vincolato“ denn auch refrainartig, entweder um hervorzuheben, dass der Gegenstand nicht als geschütztes Kulturgut gilt oder dass es nur für den italienischen Binnenmarkt infrage kommt.

Das gibt der Veranstaltung bei allem Interesse, das sie bei ausländischen Museumskuratoren und Sammlern findet, einen ausgesprochen italienischen Charakter, der dem Ehrgeiz nach Internationalität Schranken setzt. Dazu kommt freilich auch die bisweilen etwas kunterbunte Präsentation, bei der sich exquisite Stücke mit gewöhnlicheren Gegenständen vermengen. Bei der in Florenz und Miami ansässigen Frascione Gallery hängt das als „italienische Schule“ ausgezeichnete Pastell eines Fiat 1100 an einer dicht behängten Wand zwischen einer Madonna des venezianischen Barockmalers Sebastiano Ricci und einer auf 1520 datierten Federzeichnung für den Rahmen einer Altartafel. Die Abschlusswand wird von einem zwei Meter breiten Panoramablick auf Florenz vom Bellosguardo-Hügel aus beherrscht, die der ebenfalls von Grandtouristen favorisierte englische Maler Thomas Patch in verschiedenen Fassungen malte. Eine befindet sich in der Sammlung des britischen Königshauses.
Mit engen Bezügen zur Gastgeberstadt
Die kleineren Florentiner Veduten rund um die große Leinwand spiegeln das Bemühen mehrerer Aussteller, Sujets mit einem Bezug zur Gastgeberstadt mitzubringen. Dazu zählen einige Bronzen von Schülern Giambolognas, die Tomasso für den ersten Auftritt bei der BIAF mitgebracht hat, darunter eine von Giovanni Francesco Susinis Kleinfassungen des „Porcellino“ (150.000 Euro), eines der beliebtesten Denkmäler von Florenz, wie die beriebene Nase des Wildschweines bezeugt.
Imposant ist das mehr als zwei Meter hohe marmorne Standbild des Medici-Großherzogs Cosimo III. mit dem markanten Habsburger Kinn. Die Galerie Walter Padovani hofft, dass eine Institution sich dieser 1694 von einem Günstling des Herrschers für seine Villa in Fiesole in Auftrag gegebenen Skulptur annimmt. Herausragend ist bei Hartford Fina Art und Lampronti Jakob Philip Hackerts aus mehreren auf Leinwand übertragenen Blättern zusammengesetzte Gouache mit dem fast 3,5 Meter breiten Panoramablick auf den Golf von Pozzuoli, um 1780 für das 1943 von Bomben getroffene Casino des Fürsten Aldobrandini in Frascati gemalt. Das Pendant dazu hat den Angriff nicht überlebt. Lange galt dieses von der Hackert-Spezialistin Claudia Nordhoff als das „Meisterwerk“ aus dem Œuvre des deutschen Künstlers bewertete Bild ebenfalls für verschollen.

Bei Alessandra di Castro sticht das Arrangement von 37 unter Glas arrangierten, von hinten beleuchteten Karneolgemmen aus der Sammlung des Fürsten Poniatowski ins Auge. Sie sorgten für einen Skandal, als sie sich als Fälschungen herausstellten, haben inzwischen aber wegen der hohen Kunstfertigkeit der Nachahmungen große Achtung gefunden. Die Bronzefassung von Odoardo Tabacchis Darstellung des von einer Frau getrösteten Dichters Ugo Foscolo hingegen beschwört ebenso den Liebesschmerz der Titelfigur von dessen mit Goethes Werther verglichenem Roman „Letzte Briefe des Jacopo Ortis“ wie er die Bestürzung des italienischen Patrioten über Napoleons Abtretung Venedigs an Österreich beim Frieden von Campo Formio versinnbildlicht.

Das gesamte Ensemble aus Gemälden, Skulpturen und dekorativer Kunst wirkt allerdings eher wie die Saloneinrichtung eines kultivierten Grandtouristen des 18. Jahrhunderts, obgleich das spätere 19. Jahrhundert und vor allem die italienische Kunst des 20. Jahrhunderts stark vertreten ist. Einige Aussteller, wie die Galleria Continua, wagen sich auch an Zeitgenössisches. Wer einen Klassiker der italienischen Moderne begehrt, wie Giorgio de Chirico, dessen gesichtsloses Selbstporträt als malendes Mannequin von 1927 mit 2,9 Millionen Euro bei Tornabuoni eines der teuersten Exponate der Messe ist, kommt hier durchaus auf seine Kosten.
Die Florentiner Kunsthandlung Bacarelli bietet eine große, frei in Tempera und Öl auf Leinwand gemalte Studie Renato Guttusos für die politisch hoch umstrittene Kreuzigung in der römischen Nationalgalerie für moderne und zeitgenössische Kunst aus dem Jahr 1940 an, als der Künstler noch unter dem Einfluss Picassos stand. Von politischem Interesse ist auch eines der fünf großen Gipsmodelle, die Marino Marini 1938 für Marmorreliefs schuf: Sie sollten Teil einer als Großinszenierung faschistischen Heldentums gedachten Fassade des Arengario-Palastes auf dem Mailänder Domplatz sein. Marini aber zog sich von dem Projekt zurück. Bei Copetti Antiquario kostet das Modell 800.000 Euro.

Unter der neuen Präsidentschaft des Florentiner Händlers Bruno Botticelli strebt die Messe eine engere Anknüpfung an die Kultureinrichtungen der Stadt und das Netzwerk des Kunstmarkts an, um das internationale Prestige zu steigern. Beispielhaft dafür ist die Leihgabe eines von Michelangelos nie realisierten Entwurfs für die von Papst Leo X. in Auftrag gegebenen Fassade von San Lorenzo in Florenz aus der Casa Buonarotti, der vor der Restaurierung durch das renommierte Opificio delle Pietre Dure gerade eingehend interdisziplinär untersucht worden ist.
Exemplarisch ist auch die Zusammenarbeit mit dem Palazzo Strozzi, der unter der Leitung von Arturo Galansino in den vergangenen Jahren zu einer führenden internationalen Ausstellungsstätte avanciert ist. Passend zu einer mit Fragmenten bestückten Messe in einer fragmentierten Zeit ist dort gerade die faszinierende Ausstellung „Broken“ eröffnet worden, die Bruchstücke als Zeugnisse vergangener Größe, aber auch von Zerstörung, politischen Umdeutungen oder künstlerischen Neuerfindungen untersucht. Hier wird der internationale Anspruch mit Verve erfüllt.
„BIAF“, Palazzo Corsini, Florenz, bis 4. Oktober, Eintritt 25 Euro
