
„Ab wann gerät auch der Euro ins Wanken?“ Diese Frage wählten die Analysten der Commerzbank am Donnerstag für ihren Kommentar zum Devisenmarkt. Anlass für die Frage sind die stark steigenden Staatsanleihenrenditen und die Parlamentswahlen, die in Frankreich, Spanien und Italien im kommenden Jahr anstehen. „In Frankreich werden bereits jetzt wieder die Probleme offensichtlich, sich überhaupt auf ein Budget zu einigen“, stellen die Commerzbank-Analysten an dem Tag fest, in dessen Verlauf das in Frankreich „Bercy“ genannte Finanzministerium in Paris den Haushalt für 2027 vorstellt.
Die Nervosität am Anleihemarkt war schon vorher groß. Der Zinsaufschlag („Spread“) der französischen Staatsanleihen zu Bundesanleihen wuchs in dieser Woche auf nahezu 130 Basispunkte. Das heißt: Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit rentieren mit 3,6 Prozent, französische Staatsanleihen mit 4,9 Prozent. Frankreichs Verschuldung im Verhältnis zum BIP beläuft sich aktuell auf rund 115 Prozent, der Regierung fehle „jeglicher Spielraum für antizyklische Entlastungen“, stellt Holger Schmieding fest. Der Chefvolkswirt der Berenberg Bank spricht von einer „Zerreißprobe an der Seine“. Politische Lähmung treffe auf einen Haushaltsschock.
Dax fällt unter 25.000 Punkte
Am Aktienmarkt kommen die Sorgen der Anleger am Anleihemarkt auch an. Der Dax fiel am Donnerstag erstmals seit Juli unter die Marke von 25.000 Punkten. Der Abschlag von 1,3 Prozent ist im frühen Vormittagshandel Wesentlichen auf die größten Tagesverlierer Deutsche Bank, Heidelberg Materials und Bayer zurückzuführen. Unter den größten drei Tagesverlierern im europäischen Aktienindex Euro Stoxx 50 waren zwei französische Aktien: der Baukonzern Saint Gobain und die Bank BNP Paribas, deren Aktie mit fast vier Prozent stärker verlor als die der Deutschen Bank mit drei Prozent.
Banken halten viele Staatsanleihen vor allem ihres Heimatlandes in ihrem Liquiditätsbestand. Wenn die Renditen – wie in den vergangenen Wochen passiert – steigen, fallen im Gegenzug die Kurse der Anleihen. Der Renditeanstieg ist ein globales Phänomen, Wertpapierhändler sprechen sogar von einem „Ausverkauf von Staatsanleihen“. Auf dem wichtigsten Staatsanleihemarkt der Welt, dem amerikanischen, war am Mittwoch die Rendite der zehnjährigen Treasuries mit 5,342 Prozent auf dem höchsten Stand seit 24 Jahren.
Im Hintergrund machen sich Anleger Sorgen um die Schuldentragfähigkeit der immer höher verschuldeten Staaten und verlangen für das riskanter erscheinende Geldleihen höhere Zinsen. Vordergründig aber werden oft Inflationssorgen angeführt, die Notenbanker der amerikanischen Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank zu weiteren Leitzinserhöhungen treiben könnten. Hier stehen die Energiepreise im Fokus, allen voran der Ölpreis. Die Nordsee-Sorte Brent und US-Öl der Sorte WTI legten am Donnerstag um jeweils gut zwei Prozent auf 100,20 und 92,60 Dollar je 159 Liter zu.
159 Liter Brent kosten wieder mehr als 100 Dollar
Am Ölmarkt schwanken die Preise wegen der unklaren Nahost-Konflikte stark. Die für die globalen Öl- und Gaslieferungen wichtige Wasserstraße von Hormus bleibt ein zentraler Streitpunkt zwischen den USA und Iran. Die US-Regierung hat eine Wirtschaftsblockade gegen Iran verhängt, um Teheran zur Aufhebung der Blockade der Meerenge zu zwingen. Noch ist keine Verhandlungslösung in Sicht.
Am Aktienmarkt gab es aber auch positive Nachrichten. Der amerikanische Halbleiterhersteller Micron schob mit seinem Bericht über ein Rekordquartal und einem optimistischen Ausblick zur Nachfrage nach Speicherchips auch die Kurse der deutschen Halbleiterwerte an. Infineon gehörte zu den Tagesgewinnern im Dax, Aixtron lag im M-Dax und Suss im Tec-Dax vorn. Gegen Mittag drehte die SAP-Aktie vom Minus ins Plus. Der am höchsten gewichtete Wert im Dax zog auch den deutschen Leitindex wieder über 25.000 Punkte.
Und der Euro? Die von den Analysten der Commerzbank aufgeworfene Frage könnte man für diesen Donnerstag so beantworten: Es zieht ihn nach unten, aber er wankt nicht. Erstmals seit Mai 2025 kostete ein Euro am Donnerstag weniger als 1,13 Dollar. Vor einer Woche waren es 1,14 Dollar, im April 1,18 Dollar.
