
Ohne Gerd Nauhaus wäre die Schumann-Forschung entscheidend ärmer. Am 28. Juli 1942 in Erfurt geboren, steht sein Name für die Qualität der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Robert und Clara Schumann. Und es ist kein Zufall, dass das notwendige „Aufräumen“ in der deutschen Schumann-Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg in Robert Schumanns Geburtsstadt Zwickau begann, wo sich mit dem Schumann-Haus das weltweit größte Schumann-Archiv samt Forschungsstätte und Museum befindet.
Aufräumen war bitter nötig, nachdem die Schumann-Forschung in der NS-Zeit unter tendenziös verkürzenden, ja verfälschenden, auch philologisch vielfach unzureichenden Publikationen gelitten hatte. Wer anhand biographischer Dokumente über Schumanns Wirken forschen wollte, war lange Zeit auf derartige Publikationen (vor allem diejenigen Wolfgang Boettichers) angewiesen. Immerhin konnte Georg Eismann von 1947 an als damaliger Direktor des Schumann-Hauses einige hilfreiche Publikationen vorlegen. Der entscheidende Durchbruch war seine kommentierte Ausgabe von Robert Schumanns Jugendtagebüchern (1971).
Neue Maßstäbe in der Schumann-Forschung
Hier knüpfte Nauhaus an, der an der Universität Halle-Wittenberg Musikerziehung, Musikwissenschaft und Germanistik studiert und bis 1970 in Zwickau als Musikdramaturg gewirkt hatte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Archivleiter und stellvertretender Direktor des Schumann-Hauses legte er 1982 seine Dissertation in Gestalt der Ausgabe von Schumanns Tagesaufzeichnungen („Haushaltbüchern“) vor. An philologischer Akribie und kluger, unideologischer biographischer, künstlerisch-dokumentarischer und historisch-gesellschaftlicher Kommentierung setzte sie neue Maßstäbe dokumentarischer Schumann-Forschung. Ihr folgte 1987 die Edition der restlichen Tagebücher Schumanns einschließlich der zeitweise gemeinsam mit Clara geführten Ehetagebücher. Wie Nauhaus diese Leistung unter den restriktiven Kommunikations- und Reisebedingungen der DDR-Jahrzehnte erbrachte, bleibt bewundernswert.
Aus den Tagebuch-Editionen ließen sich (jenseits von Tagestrivialitäten) unterschiedlichste Erkenntnisse gewinnen. Dies betrifft Robert Schumanns Persönlichkeit einschließlich des gesundheitlichen Befindens und die Entstehung seiner Werke ebenso wie seine Aktivitäten zugunsten der von ihm geleiteten „Neuen Zeitschrift für Musik“. Aber auch die Polarität von künstlerischem Wirken und bürgerlicher Existenz des Ehepaares wird deutlich.
Schon zu DDR-Zeiten gelang es Nauhaus, dessen Persönlichkeit vornehme Zurückhaltung, Kommunikationsgeschick, kollegiale Hilfsbereitschaft, trockenen Humor und Ernsthaftigkeit verband, sich in der internationalen Schumann-Forschung zu vernetzen und die Vernetzung ihrer Mitglieder zu fördern. Von 1993 an war er als Nachfolger Martin Schoppes Direktor des Schumann-Hauses, konnte dessen Archivbestände erweitern und war ebenso für Öffentlichkeitsarbeit, die künstlerische Leitung der Internationalen Schumann-Wettbewerbe 2000 bis 2008 und Tagungen verantwortlich.
Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen bildet die zusammen mit Nancy B. Reich unter Mitarbeit von Kristin Krahe erarbeitete, 2019 veröffentlichte, reichhaltig kommentierte Edition der Jugendtagebücher Clara Schumanns ein großes Spätwerk. Es ist zugleich eine Fundgrube zum damaligen Musikbetrieb und liefert eine bezeichnende Persönlichkeitsstudie von Claras Vater, Lehrer und Manager Friedrich Wieck.
1986 wurde Nauhaus mit dem Robert-Schumann-Preis der Stadt Zwickau geehrt. Von 2006 bis 2012 war er Vorsitzender der Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau und wurde anschließend zu deren Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit gewählt. Er war ein immens belesener, kunstinteressierter Mensch. Seine Veröffentlichungen zeichnen sich durch klare, unprätentiös-eindringliche Sprache aus. Am 25. September ist er in Zwickau gestorben.
