Der Wahlkampf in Berlin war anders als zuvor der in Sachsen-Anhalt oder gleichzeitig der in Mecklenburg-Vorpommern einer, bei dem sich alles an einem ganz konkreten lokalen Thema entschied: der Wohnungsfrage. Wie lebe ich in der Stadt? Das trieb vor allem die jungen Berliner um und sie der Linkspartei zu, die mit der Ankündigung dirigistischer Maßnahmen lockte – bis hin zur Verstaatlichung von Wohnungsbauunternehmen und zur Enteignung von leer stehendem Wohnraum. Ideologie profitiert von Desillusionierung.
Die Erkundung des eigenen gesellschaftlichen Umfelds beginnt gemeinhin mit dem Schulweg, sobald dieser eigenständig bestritten wird, unbegleitet von den Eltern, also üblicherweise im Teenageralter. So war es auch bei den beiden Söhnen von Ellen Schindler aus Rotterdam. Die Neugier der beiden Jungen, die sich bisweilen bei der Rückkehr von der Schule auf Abwege begeben und dadurch ihre Heimatstadt zu erkunden begonnen hatten, gab der Mutter, die Managing Partner bei einem Planungsbüro ist, einen Gedanken ein: Man müsste solchen Jugendlichen etwas an die Hand geben, das sie über ihre Umgebung informiert und damit Interesse für das Gemeinwesen weckt. „Wer eine Stadt kennenlernt, fängt an, sie zu lieben, und wenn man etwas liebt, wird man dafür Sorge tragen.“ Für Ellen Schindler sind alle Stadtbewohner potentiell das, was sie mit einem englischen Begriff „city maker“ nennt – Stadtmacher.

Das ist etwas anderes als Stadtplaner, viel unmittelbarer und praktischer. „Wir als Stadtplaner arbeiten ständig an Transformationsprojekten, und die sind immer größer geworden, aber das gilt auch für den Abstand dieser Projekte zu den Menschen.“ Aus ihrer Sicht werden die Stadtmacher zu wenig ermutigt. Schindler fragte sich deshalb: „Können wir auf eine andere Weise über die Stadt reden?“ Auf eine, die Jugendliche erreicht, aber auch Erwachsene interessiert. Der Hebel dazu schien ihr Stadtgeschichte zu sein, anschaulich erzählt, orientiert an heutigen Problemen und bezogen auf die räumliche Entwicklung als dasjenige, was man bei Wegen durch die eigene Stadt vorrangig wahrnimmt. Beim Abendessen mit einem Nachbarn und einer Flasche Wein als Doping entstand die Idee eines Buchs. Das erschien im November 2022 und macht seitdem Furore. Nicht nur in Rotterdam, sondern in den ganzen Niederlanden und darüber hinaus. Es gewann Preise und wurde auf internationalen Kongressen gefeiert.
Der uneinheitliche Stil ist hier Programm
„Metro 010“ heißt es (nach der Telefonvorwahl von Rotterdam), und beim Aufblättern könnte man es für einen Comic halten, denn der Großteil besteht aus einer Stadtgeschichte Rotterdams, die als gezeichnete Zeitreise zweier junger Protagonisten erzählt wird. „Aber das Projekt ist viel mehr als eine Graphic Novel“, korrigiert Schindler. Das fängt damit an, dass sie als Koordinatorin und Gestalterin des Buchs gleich zwölf Illustratoren auf einmal gewonnen hat, um eine große Stilbandbreite zu bekommen und damit für jeden Geschmack etwas zu bieten. Diesen Zeichnern wies sie dann jeweils eine Episode zu, deren historisches Setting zu ihren graphischen Vorlieben passte. Und die Ausweitung des Konzepts einer Graphic Novel findet ihre Fortsetzung im Bemühen, so viele Erzählformen wie möglich zu bieten. „Metro 010“ besteht deshalb neben den Comickapiteln aus historischen Abrissen, Stadtplänen, Fotostrecken, Illustrationen, Gedichten und ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Faktenhäppchen. Nur eine Gemeinsamkeit gibt es bei dieser Formenvielfalt: Alle dreißig am Buch Beteiligten leben in Rotterdam. „Das Geld, das dieses Projekt gekostet hat und dann einbringt, soll in der Stadt bleiben.“

Dabei kam Schindler zupass, dass sie eine von zehn Partnern des Rotterdamer Planungsbüros De Zwarte Hond (der schwarze Hund) ist, das seit seiner Gründung im Jahr 1985 auf nunmehr 130 Mitarbeiter angewachsen und in der Stadt fest etabliert ist mit Architektur-, Strategie- und Stadtentwicklungsprojekten. Das Büro machte sich die Buchidee zu eigen, und Schindler als Koordinatorin genoss das nötige Vertrauen, als sie wegen der Finanzierung in der städtischen Abteilung für Architekturkultur vorstellig wurde, einer nach der Zerstörung Rotterdams beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 fürs dortige Selbstverständnis immens wichtigen Institution. Sie beschloss, ihr für Allgemeinbildung verfügbares Budget einmal nicht wie sonst üblich aufzuteilen, sondern komplett auf „Metro 010“ zu verwenden. Dass damals gerade Corona-Lockdown herrschte, mag diese Entscheidung erleichtert haben; städtische Fördermittel zur Unterstützung der von den Pandemiemaßnahmen gebeutelten Kreativbranche flossen zusätzlich ins lokal verankerte Vorhaben. So wurde „Metro 010“ in kurzer Zeit fertig, und die erste Auflage von 2500 Exemplaren war binnen eines Monats ausverkauft.
Aber dann ging es erst richtig los. Es sollte ja ein Buch sein, das Jugendliche für die eigene Stadt fasziniert, doch wie viele von ihnen würden dreißig Euro dafür ausgeben? Deshalb nahm Ellen Schindler Kontakt zu den Rotterdamer Schulen auf, um ihnen anzubieten, allen Siebtklässlern in der Stadt eine broschierte Ausgabe von „Metro 010“ zu schenken. Die Resonanz darauf war so überwältigend, dass De Zwarte Hond beschloss, diese Aktion fünf Jahre lang durchzuführen – jährlich gibt es in Rotterdam über alle Schulformen hinweg etwa achttausend Siebtklässler. Vor allem an den Sonderschulen wurde das Buchgeschenk begeistert aufgenommen, weil sich die Schüler und deren Familien endlich einmal genauso wertgeschätzt fühlen konnten wie die Gymnasiasten. Zudem wurden die an den Schulen verteilten Exemplare um einen Fragebogen erweitert, der nicht nur den Buchinhalt, sondern auch gesellschaftliche Themen aufnimmt und dadurch das Interesse der Jugendlichen an der Stadtentwicklung vertieft. Die Schulen wiederum bekommen zusätzliche Lernmaterialien als PDF-Dateien zur Verfügung gestellt. Und eine englische Ausgabe des Buchs wurde außerdem herausgebracht, um in der internationalen Stadt Rotterdam auch Zugezogene zu erreichen, die kein Niederländisch sprechen.
Beteiligung ist immer wieder das Schlüsselerlebnis
„Metro 010“ erweist sich so auf mehreren Ebenen als Integrationselement. „Es ist aber kein Geschichtsbuch, es ist ein Geschichtenbuch“, sagt Schindler. Das war das Erfolgsrezept; den Anspruch, eine lückenlose Chronologie der Stadt Rotterdam zu liefern, hatte sie nie. Schindler geht es um markante, aussagekräftige Ereignisse aus der Vergangenheit, deren Folgen im heutigen städtischen Leben noch sichtbar sind. So etwa der weltumspannende Seehandel und Fischfang von Rotterdam aus, aber auch die politischen Selbstbehauptungsbemühungen der Stadt und natürlich die verheerende Kriegszerstörung. „Ich habe mir das Buch immer vorgestellt wie eine perfekte Lasagne“, so Schindler, „Schicht auf Schicht ergibt erst den Gesamtgenuss.“

Mit diesen historischen Episoden organisch verbunden sind Fragen zu gesellschaftlicher Oppression wie Kolonialismus oder Autoritarismus, die heutige junge Leser interessieren. Der historische Parcours endet aber hoffnungsfroh: mit den Protestbewegungen gegen die innerstädtische Verödung in den Siebzigerjahren. Sie löste Rotterdams architektonische Renaissance aus, die der Stadt für ihre Bauvorhaben weltweiten Ruhm eingebracht hat. Zusammengehalten werden all diese Geschichten durch eine Rahmenerzählung, die der als Kind aus Marokko nach Rotterdam gelangte Schriftsteller Abdelkader Benali ersonnen hat. In ihr reist die junge Franny mit ihrer Zufallsbekanntschaft Joey durch die Zeit, und beide partizipieren an den jeweiligen Ereignissen. Beteiligung erweist sich immer wieder als Schlüsselerlebnis. Auch in der Rezeption der beschenkten Schüler.
Dieses Erfolgsrezept war zu gut, um es dabei bewenden zu lassen. Weil De Zwarte Hond eine Niederlassung in Groningen hat, war es naheliegend, auch für diese mit einer Viertelmillion Einwohnern deutlich kleinere, aber historisch ähnlich bedeutende niederländische Stadt ein solches Buch zu produzieren. „Stad 050“ wird es heißen (050 ist die Vorwahl von Groningen), und genau vier Jahre nach dem Band über Rotterdam im November herauskommen. Entstanden ist es aber in nur einem Jahr, nachdem die Finanzierung gesichert war, und das unter Beteiligung von diesmal insgesamt einundzwanzig Zeichnern, die Geschichten aus der Vergangenheit der Universitätsstadt Groningen bebildern. Ergänzt werden diese Comicelemente von zahlreichen dort ansässigen Autoren, Historikern, Fotografen und Stadtplanern um weitere Worte und Bilder, mit denen die Genese des heutigen Groningens anschaulich gemacht wird. Und auch dort werden alle Siebtklässler fünf Jahre lang mit dem Buch beschenkt; dreitausend werden das jeweils sein.
Warum Berlin sein eigenes Stadtgeschichtenbuch noch nicht bekommt
De Zwarte Hond hat mittlerweile aber auch in Deutschland zwei Filialen: in Köln und Berlin. Besonders in der deutschen Hauptstadt zeigte man sich interessiert am Vorbild des Rotterdam-Buchs; in der Berlinischen Galerie fand unter dem Titel „Berlin, wer bist du?“ eine eigens organisierte Zusammenkunft von vierzig Experten statt, die über die Themenauswahl für eine dortige Ausgabe debattierten – „ein angesichts der Größe der Stadt und des Ereignisreichtums ihrer Geschichte heikleres Unterfangen als in Rotterdam“, erinnert sich Ellen Schindler, „denken Sie nur an die Ost-West-Problematik: Wer kommt da wie intensiv zum Zuge?“
In Berlin hätte die Gratisverteilung an alle siebten Schulklassen pro Jahr 38.000 Bücher erfordert. Aber man war sich mit dem Senat einig und der Vertrag unterschriftsreif, als zwei Tage vor dessen Unterzeichnung die Berliner Haushaltssperre für das Jahr 2025 verhängt wurde und damit alles obsolet wurde. Dabei waren mittlerweile bereits Geschichten festgelegt, Zeichner ausgesucht, Beiträger aus anderen Sparten gewonnen, sodass Ellen Schindler heute immer noch hofft, dass das Berlin-Buch nur aufgeschoben ist.
Die unfreiwillig gewonnene Zeit hat sie unterdessen zur Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzepts genutzt: Ein begleitendes Arbeitsbuch zu den Rotterdam- und Groningen-Bänden steht kurz vor dem Abschluss. Darin soll „Stadterklärung“ stattfinden: Wem gehört die Stadt? Wer bezahlt für sie? Wer entwickelt sie? Alles Fragen, die junge Menschen weltweit umtreiben, und Schindler will deren Beteiligung an den Stadtentwicklungsvorhaben forciert sehen – „das muss für junge Leute, aber auch für Erwachsene so selbstverständlich werden wie das regelmäßige Zähneputzen“. Damit die Älteren dieses Beteiligungsprinzip zugunsten der Jungen nicht vergessen, hat De Zwarte Hond auch gleich noch ein entsprechendes Manifest in Gestalt eines Wandposters entwerfen lassen, das die Leitgedanken der Initiative, für die eigens eine Stiftung mit dem schönen Namen YOU (für „Young Optimistic Urbanists“) geschaffen wurde, öffentlich vor Augen führen soll. Ein Handbuch zur Partizipation im Planungsprozess wird es bald auch noch geben.
Aus dem Rotterdam-Geschichtenbuch von 2022 ist so eine programmatische Aktion geworden, die dabei ist, selbst Geschichte zu machen. Womöglich ja doch irgendwann einmal auch noch in Berlin. „Und natürlich sind ebenfalls Städte willkommen, in denen wir keine Niederlassung haben“, sagt Ellen Schindler. Denn Bürgerbegeisterung für die eigene Kommune dürfte es Ideologen schwerer machen, die bekanntlich auf enttäuschte Bürger setzen.
