Kurze Recherche im allwissenden Internet: Was findet sich unter dem Begriff Kismet? Erster Treffer: Im islamischen Kulturraum beschreibt Kismet die Vorstellung eines vorherbestimmten, unabwendbaren Schicksals. Zweiter Treffer: Kismet ist eine majestätische und zeitlose 122-Meter-Superyacht, die für einen langjährigen Kunden der Bremer Lürssen Werft gebaut wurde und um die 350 Millionen Euro gekostet hat.
Dritter Treffer: „Kismet“ ist ein Frankfurter Bistro, das moderne, südindische Küche bietet und dabei auf saisonale und regionale Bioprodukte setzt. Na also, da haben wir ja, was wir wollten. Was interessieren uns das unabwendbare Schicksal oder irgendeine Superyacht irgendeines Superreichen? Wir wollen lieber etwas mehr über das kleine, unscheinbare Restaurant wissen, das seit gut einem Jahr eine ganz andere Art indischer Küche serviert, als man es in Frankfurt oder sonst in Deutschland so gewohnt ist. Aber dafür müssen wir schon etwas tun, was für manchen Online-Junkie inzwischen fast undenkbar erscheint: die digitale Welt verlassen und im „Kismet“ Platz nehmen.

Viel gibt es davon in dem Lokal an der Ecke von Rat-Beil-Straße und Spohrstraße allerdings nicht. In dem kleinen Gastraum finden an den großen Fensterscheiben zwölf, vielleicht 15 Gäste Platz, draußen auf dem Gehweg können bei gutem Wetter noch einmal so viele Leute sitzen. Mehr Platz ist nicht. Im Gastraum ist außer für die wenigen Tische nur noch Platz für die auch nicht allzu große Theke – die Küche und ein weiter Raum mit einer großen Tafel für besondere Events befinden sich nebenan, in einem anderen, nur über den Gehweg erreichbaren Teil des Eckhauses.
Spätestens wenn die ersten Teller von nebenan gebracht werden, fragt irgendein Gast: „Und wie macht ihr das bei Regen?“ „Immer schön an der Wand lang“, sagt der Mann mit den Wuschelhaaren und den großen Ohrringen. Ansonsten hätten sie für ganz schlechtes Wetter aber auch ein paar Gloschen für die Teller. Es kann also nichts passieren, selbst wenn draußen mal die Welt untergeht.
Mit einem indischen Restaurant klassischer Machart hat das „Kismet“ nichts zu tun. Keine schwülstige Inneneinrichtung, keine ellenlange Karte, keine Mega-Portionen mit Bergen von Reis. Stattdessen ein Gastraum, der in seiner hellen Schlichtheit eher an ein Stadtteilcafé als ein Restaurant erinnert, eine Karte mit nicht einmal einem Dutzend vegetarischer und veganer Gerichte und überschaubare, sehr zeitgemäß angerichtete Teller, die ideal zum gerade überall extrem angesagten Teilen geeignet sind.
Wer Klassiker der indischen Küche wie Dal, Tandoori Chicken oder Masala Dosa erwartet, der wird im „Kismet“ enttäuscht. Hier wird keine südindische Küche serviert, sondern eher eine von südindischen Traditionen inspirierte Küche, die viele europäische und andere Einflüsse aufnimmt und zu einer ganz eigenen Mischung vereint.
Ein typisches Beispiel ist schon das Sauerteigbrot, das mit Tandoori-Butter an den Tisch kommt (sechs Euro). Oder die Lemon Rice Fritters: kleine frittierte Reisbällchen, die den italienischen Arancini ähneln, aber mit ihrem currygewürzten Inneren und dem begleitenden Pfirsich-Chutney eine ganz andere Aromatik bekommen (zwölf Euro). Oder der Cheela mit Sommerbohnen (13 Euro): ein klassischer indischer Pfannkuchen aus Kichererbsenmehl, dick und fluffig, mit einem Belag aus Chili-Honig-Joghurt, leicht scharf angemachten, breiten Bohnen und eingelegten Radieschen – und eine wunderbar mund- und magenfüllende, aromatische Speise, wie man sie mit diesem Geschmacksbild selten bekommt.
Vielleicht lässt sich das „Kismet“-Konzept am bestens als moderne Bistro-Sharing-Küche mit südindischen Grundlagen beschreiben. Und dann verwundert es auch nicht, dass hausgemachte Cocktails und Drinks ebenso dazugehören wie ein paar schöne regionale Weine. Und eine sehr angenehme, entspannte, nachbarschaftliche Großstadtatmosphäre, die es in Frankfurt in dieser Form leider viel zu selten gibt.
