Eigentlich wollte die Sittenpolizei der Taliban verhindern, dass Fawzia Yawari an der internationalen Landwirtschaftsmesse in Kabul teilnimmt. Die Behörden hatten afghanischen Frauen verboten, Verkaufsstände zu mieten. Deshalb schlich sich die Unternehmerin Yawari einfach mit den Iranerinnen ins Gebäude. Für sie galt das Verbot nicht. Sonst hätten Unternehmen aus dem Nachbarland vermutlich gar nicht erst an der Messe teilgenommen.
So kommt es, dass die 21 Jahre alte Yawari an einem Freitag im August die einzige afghanische Geschäftsfrau auf dem Messegelände ist. Stolz präsentiert sie an ihrem Stand den Honig, den ihre Familie in der Provinz Bamiyan herstellt. „Ich mag Bienen, weil sie hart arbeiten“, sagt die junge Frau im Tschador, einem Umhang, wie man ihn sonst eher aus Iran kennt.
Eigentlich wollte sie Anwältin werden. Aber als sie in der elften Klasse war, schlossen die Taliban die Mädchengymnasien. Um der Perspektivlosigkeit zu entkommen, hat sie in diesem Jahr eine eigene Firma gegründet. „Das ist das Einzige, was Frauen unter den Taliban noch tun können.“
Tatsächlich erlauben die Islamisten Frauen, Unternehmen zu führen, während sie ihnen verbieten, Organisationen zu leiten. Es gibt Leute, die glauben, das habe mit dem Propheten Mohammed zu tun hat. Dessen erste Frau war eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Die Taliban behaupten, einen Staat nach den Überlieferungen des Propheten aufzubauen. Da können sie Mohammeds Frau schlecht ignorieren.

„Wenn die Messebesucher mich sehen, gehen sie einfach weiter“
Nach Angaben der afghanischen Industrie- und Handelskammer hat sich die Zahl der Firmenlizenzen für Unternehmerinnen unter der Herrschaft der Taliban mehr als verzehnfacht. Im vergangenen Jahr waren es laut einem Bericht der International Crisis Group rund 13.500. Noch größer ist die Zahl der Kleinunternehmen im informellen Sektor. Die Frauenhandelskammer schätzt sie auf 130.000 – fast dreimal so viele wie vor dem Machtwechsel.
Die Gründe: Versperrte Bildungswege, Verbote bestimmter Berufe für Frauen, Entlassungen und Armut. Oft arbeiten die Frauen von zu Hause aus in traditionellen Sektoren wie Teppichknüpferei, Tierhaltung, Lebensmittel-, Kleidungs- und Schmuckproduktion. Junge Frauen verkaufen ihre Produkte oft online, auch um den Auflagen im Umgang mit männlichen Händlern aus dem Weg zu gehen.
Trotz ihrer Lizenzen werden Geschäftsfrauen gegenüber männlichen Wettbewerbern durch die Taliban systematisch benachteiligt. So brauchen Frauen, die an Messen im Ausland teilnehmen wollen, neuerdings eine Genehmigung des Staates. Auch das Frauenverbot auf der Landwirtschaftsmesse in Kabul ist ein Novum. Es ist unklar, ob es dauerhaft gilt. Einige internationale Organisationen boykottierten die Veranstaltung. Auch die Landwirtschaftskammer versuchte, die Behörden umzustimmen – und vermietete der Honigverkäuferin Yawari ihren Stand.
Yawari hofft, dass sie sich mit ihren Einnahmen irgendwann ein Studium im Ausland finanzieren kann. Aber noch macht sie kaum Gewinn. Das liegt nicht nur an den Taliban, sondern auch an der konservativen Haltung der Kunden. „Mein Onkel hat den Messestand an den ersten drei Tagen betreut und hat am Tag 3000 Afghani (umgerechnet gut 40 Euro) eingenommen.“ Als sie übernahm, sank der Umsatz auf 600 Afghani am Tag. „Wenn die Besucher mich sehen, gehen sie einfach weiter.“ Oder sie wenden sich an ihren Bruder, der gerade neben ihr steht.
Ihr Mann war früher Soldat und findet deshalb keine Arbeit
Viele Frauen sind aus purer Not Unternehmerinnen geworden. So wie Golalai Sabet in der nordafghanischen Stadt Kundus. Ihr Mann war Soldat unter der früheren vom Westen gestützten Regierung. Für Leute wie ihn gibt es keine Arbeit mehr in Afghanistan. Also muss Sabet doppelt arbeiten. Ihr Gehalt als Lehrerin, umgerechnet rund 120 Euro, reicht nicht. Früher hat sie noch für eine japanische Hilfsorganisation Teppichknüpferinnen ausgebildet. Jetzt beschäftigt Sabet selbst zwanzig Mitarbeiterinnen in den Dörfern.

Mithilfe eines Bankkredits in Höhe von knapp 7000 Euro hat sie fünf Webstühle und Materialien gekauft. Möglich war das dank einer Ausfallbürgschaft der Afghanischen Kreditgarantiestiftung (ACGF) mit Sitz in Köln. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres hat die Organisation Kredite für etwa 4700 Afghaninnen im Volumen von 9,9 Millionen Dollar abgesichert.
Unter ihnen ist auch eine Frau, bei der man Mühe hat mitzuschreiben, wenn sie ihre Firmen aufzählt. Sie betreibt dreizehn Privatschulen, eine Recyclingfirma, eine Müllsammelfirma, ein Bauunternehmen, ein Hochzeitshotel, eine Mineralwasserfirma, eine Schneiderei, eine Privatklinik. Ihr Sohn habe ihr neulich eine Chipstüte aus der Hand genommen und gesagt, sie solle bloß nicht auch noch eine Fabrik für Chips aufmachen, erzählt die Unternehmerin. Weil ihr richtiger Name nicht genannt werden soll, nennen wir sie Aziza Mohammadi. Sie sitzt im Direktorinnenzimmer einer ihrer Mädchenschulen, und die Ideen sprudeln nur so aus ihr heraus. Als Nächstes will sie eine Biogasanlage importieren. Neben ihr sitzt ihr Bankberater und nickt.
„Ich habe einen sehr organisierten Arbeitstag und sehr gute Geschäftsführer, die ich selbst ausgebildet habe“, sagt Mohammadi. Die Männer nehmen ihr die Gespräche mit den Behörden ab, bei denen sie als Frau allein nicht empfangen werden würde. Nach eigenen Angaben hat sie 570 Angestellte. „Ich gebe niemals etwas umsonst. Die Leute müssen arbeiten“, umschreibt sie ihre Philosophie.
Mohammadi war schon immer eine Ausnahmeerscheinung. In der Schule hat sie zwei Klassen übersprungen. Mit 22 Jahren stellte ihre Universität sie als Literaturdozentin ein. Heute ist sie 34. Nach der Machtübernahme der Taliban hatte sie zu kämpfen. „Am Anfang hatten wir einen starken Einbruch, aber inzwischen wachsen wir wieder.“ Die Islamisten wollten ihr Recyclingunternehmen schließen und ihre Schulen. Irgendwie hat sie es geschafft, das zu verhindern. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich unter jeder Regierung arbeite und das Land nicht verlassen will.“ In einer Ecke des Büros steht eine große Fahne des Emirats der Taliban. Ihr Ehrgeiz ist noch längst nicht gestillt. „Wenn ich 20.000 Angestellte habe, kann ich sagen, dass ich gearbeitet habe.“
In Kandahar haben die Taliban ein Frauenhaus genehmigt
Viele westliche Geber fördern jetzt Unternehmerinnen in Afghanistan. So können sie Frauen unterstützen, ohne allzu sehr mit den Taliban-Behörden zusammenzuarbeiten. Es bleibt eine Gratwanderung. Die Schweiz hat als erstes westliches Land wieder eine Präsenz in Kabul eröffnet. Das humanitäre Kooperationsbüro fördert Unternehmerinnen, aber auch Journalistinnen, Rechtsberaterinnen und sogar ein Frauenhaus in Kandahar. Projekte also, von denen man von außen vermuten würde, dass es sie unter den Taliban gar nicht mehr geben kann. „Es ist ein großer Vorteil, vor Ort zu sein“, sagt die stellvertretende Büroleiterin Pamela Stathakis. „So können wir Spielräume besser identifizieren.“
Die unterstützten Rechtsberaterinnen würden beispielsweise Frauen helfen, die häusliche Gewalt erleben. Solche Gewaltopfer finden auch Zuflucht in dem Frauenhaus in Kandahar, das Stathakis zufolge von den örtlichen Talibanbehörden bewilligt wurde – nachdem die Islamisten bei ihrer Machtergreifung viele Frauenhäuser geschlossen hatten. „Dieses Frauenhaus würden wir nie finanzieren, wenn wir nicht vor Ort wären und von lokalen Akteuren erfahren würden, wo Nischen sind“, sagt Stathakis.
Das Vorgehen der Taliban ist widersprüchlich. Ihre Auflagen werden von Provinz zu Provinz unterschiedlich strikt ausgelegt. Hilfsprojekte für Frauen dürfen nicht so heißen. Unter anderem Namen werden sie von lokalen Behörden aber oft geduldet. Auch wehren sich die Frauen dagegen, dass ihre Spielräume immer weiter eingeschränkt werden. Schon vor vier Jahren verhängten die Taliban ein Beschäftigungsverbot für Frauen in internationalen Organisationen. Sie arbeiten trotzdem weiter dort.
