Und während die deutsche Nationalmannschaft Turnier für Turnier auch deswegen frühzeitig ausgeschieden ist, weil ihr im Mittelfeld die Stabilität fehlte, hat Vitaly Janelt aus Hamburg weiter das Mittelfeld des FC Brentford stabilisiert, mit dem er 2021 in die Premier League aufgestiegen ist und mit dem er dort mittlerweile die sechste Saison spielt. Er hat auch nichts geändert, im Gegenteil. Er hat in der besten Fußballliga der Welt Spiel für Spiel für Spiel das Gleiche gemacht – bis ein Bundestrainer etwas anders machen musste.
Am Dienstagvormittag steht Janelt in Herzogenaurach in einem vom Deutschen Fußball-Bund eingerichteten Medienraum, in den Reporter und Reporterinnen drängen, um mit ihm über das zu sprechen, was er selbst dort seine „letzte Chance“ nennt. Er ist 28 Jahre alt. Bei der nächsten Europameisterschaft wird er 30 Jahre alt sein, bei der nächsten Weltmeisterschaft 32. Und auch wenn er in der Premier League 166 Spiele gemacht hat – es gibt nur sieben deutsche Spieler, die mehr haben –, beginnt er in der Nationalmannschaft bei null.
Tor gegen Klopps Liverpool
Er ist in Brentford schon mal von einem Bundestrainer besucht worden (Hansi Flick), aber Jürgen Klopp ist der erste, der ihn nominiert hat. Und obwohl der ihn nicht nur will, sondern möglicherweise sogar braucht, kann man es mit Blick auf sein Alter schon so sehen: dass seine erste Chance schon seine letzte ist.

Immerhin stehen die Chancen gut, dass er am Donnerstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und im ZDF) in München (gegen Serbien) und am Sonntag in Thessaloniki (gegen Griechenland) spielen wird. In dem zweiten Kader, mit dem Klopp das dritte und vierte Vorrundenspiel der Nations League angeht, ist mit Aleksandar Pavlović nur ein Mittelfeldspieler, der in der Hierarchie über ihm steht. Mit seiner Spielweise ordnet sich Janelt seinen Mannschaften ohnehin unter. „Ich mache die Drecksarbeit“, sagt er am Dienstag. Wer sehr optimistisch sein will, könnte sagen, dass da einer doch noch zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
Was man sicher sagen kann: Er ist einer, der davon profitiert, dass der neue Bundestrainer nach England schaut. In seinem ersten Spiel gegen den FC Liverpool von Jürgen Klopp hat Janelt mit dem FC Brentford nicht nur als Aufsteiger ein 3:3 geschafft, er selbst hat sogar ein Tor geschossen. Doch Klopp dürfte in dem Duell und in denen, die folgten, etwas anderes gefallen haben: dass da ein Mittelfeldspieler ist, der im Pressing und Gegenpressing zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein kann.
„Ich glaube, dass ich relativ präsent bin“, sagt Janelt über sich selbst
In den vergangenen Tagen musste der neue Bundestrainer auf so viele Fragen antworten, dass eine der interessantesten Aussagen etwas untergegangen ist. Am Tag vor dem Spiel gegen Griechenland hat er drei Kriterien definiert, die einen Einfluss darauf haben, welche Spieler auch im November Teil seines Nationalteams sein werden. Erstens: Wie gut hat ein Spieler in der Nationalmannschaft gespielt? Zweitens: Wie gut wird der Spieler in seiner Klubmannschaft spielen? Drittens: Wie gut passt der Spieler zu dem Fußball, „den wir spielen wollen oder vielleicht sogar spielen müssen“?
Das Interessante sind die letzten zwei Wörter. Spielen müssen? Sollte das bedeuten, dass Klopp glaubt, dass er mit den Spielern, die er hat, nur auf eine Art spielen kann, wenn er gegen die großen Gegner eine Chance haben will? Und wenn es das bedeuten sollte, was bedeutet das dann für Vitaly Janelt?
Es dürfte seine Chancen erhöhen. Am Dienstag deutet er an, dass er das, was Klopp will, aus Brentford kennt. Er sagt: „Wir spielen so ähnlich, sehr aktiv gegen den Ball, aktiv nach vorne verteidigen, egal welcher Gegner.“ Und er sagt: „Ich glaube, dass ich relativ präsent bin.“ Über die Mittelfeldspieler Joshua Kimmich und Felix Nmecha, die gegen die Niederlande (1:1) und Griechenland (0:1) zur ersten Elf gehörten, konnte man das nicht unbedingt sagen.
Es gibt, wenn man etwas weniger optimistisch sein will, aber schon auch Gründe, warum Janelt in dieser Nationalmannschaftswoche bei null beginnt (und die haben eher nichts damit zu tun, dass er als Spieler der deutschen U19 mal heimgeschickt wurde, weil er und ein Mitspieler auf dem Hotelzimmer Shisha geraucht haben). Er hat 166 Spiele in der Premier League gemacht, aber noch nicht eins in der Champions League. Und auch wenn spätestens seit diesem Dienstag mehr über ihn geredet wird, wird daher zu sehen sein, ob wirklich zu wenig über ihn geredet wurde.
