
Es ist noch nicht allzu lange her, da schien sich in Marburg ein Kreis zu schließen. Als das Mainzer Unternehmen Biontech im September 2020 verkündete, vom Schweizer Konzern Novartis dessen Marburger Produktionsstandort zu übernehmen, um dort in Windeseile die Massenproduktion des Impfstoffs Comirnaty möglich zu machen, erinnerten sich viele an die Tradition der Stadt auf dem Pharmasektor. Schließlich hatte Emil von Behring dort 1904 den Grundstein für einen der bedeutendsten Pharmastandorte Deutschlands gelegt und dafür einen Teil seines Preisgelds investiert, das er 1901 für den ersten Medizin-Nobelpreis erhalten hatte.
Damit stand der Ort, an dem von Behring einst eine wegweisende Serumtherapie gegen Diphtherie entwickelt hat, plötzlich abermals im Zentrum einer medizinischen Revolution. Doch nun wird dieses hoffnungsvolle Kapitel geschlossen. Am Montag gab Biontech bekannt, das hessische Werk aufzugeben, ebenso wie die Produktionsstandorte in Tübingen und Idar-Oberstein.
Es wäre zu einfach, dem Unternehmen vorzuwerfen, es habe während der Pandemie maßlos Kapazitäten aufgebaut. Vielmehr hat Marburg einen großen Teil zum Hochlauf der Impfstoffproduktion beigetragen. Die Investition in Hessen war also kein strategischer Fehler, sondern die notwendige Antwort auf eine historische Ausnahmesituation.
Trotzdem ist die Aufgabe der Werke mehr als nur das Ende einer pandemiebedingten Sonderkonjunktur. Biontech befindet sich seit Jahren in einer Übergangsphase: Das Unternehmen muss sich von der außergewöhnlichen Abhängigkeit vom Covid-Impfstoff lösen und neue Produkte, vor allem in der Krebsmedizin, zur Marktreife bringen. Dieser Prozess braucht Zeit, das ist klar. Dennoch ist es bedauerlich, dass es dem Management nicht gelungen ist, für hochmoderne Produktionskapazitäten eine Brücke in die nächste Phase zu bauen. Die Macher des Biontech-Erfolgs haben es offenbar versäumt, die Frage zu stellen, was nach dem Ende der Pandemie mit den Standorten passiert – und damit die Chance verpasst, diese frühzeitig strategisch abzusichern.
Dass auch externe Investoren offenbar nicht interessiert waren, verweist auf ein grundsätzliches Problem: In Deutschland wird viel über die Bedeutung von Biotechnologie und Pharma gesprochen, doch offenbar reicht das nicht, um Unternehmen für einen modernen Standort mit reichlich Tradition und entsprechend guten Fachkräften zu gewinnen. Für die Stadt Marburg und vor allem für die Beschäftigten ist das traurig. Und für den Pharmastandort Deutschland ein Warnsignal.
