Guten Tag, Anastacia. Wir erwischen Sie kurz vor einem Auftritt in Dänemark. Interviews gehören aber nicht zu Ihren üblichen Routinen vor einem Konzert?
Wir haben den Soundcheck schon hinter uns gebracht, und normalerweise habe ich dann noch etwas Zeit für mich, bevor es zum Make-up und zum Haarstyling geht. Ich spreche an solchen Tagen nicht viel, außer vielleicht mit mir selbst und dann hoffentlich nicht zu laut (lacht). Aber für Sie will ich eine Ausnahme machen.
Das ist sehr freundlich. Sie machen also kein Vokaltraining vor einem Auftritt oder singen sich ein?
So etwas habe ich früher tatsächlich nicht gemacht, sondern einfach eine Tour begonnen. Mit dem Älterwerden habe ich aber festgestellt, dass meine Gesangsmuskeln abbauen, wenn ich nicht regelmäßig singe. Und so habe ich mir angewöhnt, jeden Tag 15 oder 20 Minuten lang einige meiner Songs sehr laut zu singen, auch wenn ich nicht auf Tournee bin. So bleiben die Muskeln im Training.
Sie sind für Ihre kraftvolle Stimme berühmt. Arbeiten Sie mit einem Gesangscoach?
Meine Stimme war schon immer so, ich hatte auch nie Gesangsunterricht. Aber ich habe mir einige Übungen zeigen lassen. Bisher hatte ich allerdings noch keine Zeit, die anzuwenden.
Sie touren gerade durch Europa. Auf Ihrem letzten Album „Our Songs“ haben Sie ausschließlich Lieder deutscher Künstler und Bands interpretiert. Haben Sie einige davon auch in Ihr aktuelles Liveprogramm aufgenommen? Auch in Italien, Spanien, Großbritannien oder Dänemark?
Aber ja. Das zweite Lied auf meiner Setlist ist immer und überall „Now or Never“, meine englische Version von Johannes Oerdings „An guten Tagen“. Das ist ein toller Song. Das Publikum liebt ihn, ob es ihn nun kennt oder nicht. Beim zweiten Refrain singen die Leute schon mit. Und bei den Konzerten in Deutschland werde ich gewiss „Best Days“, also „Tage wie diese“ von den Toten Hosen, spielen.
Wer ist denn auf die Idee zu diesem Album gekommen? Und haben Sie die Songs ausgewählt, weil Sie diese alle bereits kannten? Oder gab es eine Liste, von der Sie dann wählten?
Ich wurde von einem Produzenten angesprochen, der sagte, er wolle liebend gerne ein Album mit mir auf Deutsch aufnehmen. Ich sagte ihm: Das wollen Sie nicht, weil ich nicht auf Deutsch singen werde. Nun habe ich ja als Künstlerin eine enge Beziehung zu Deutschland und nahm auch an, dass es nicht so schwer sein sollte, die Sprache aufzugreifen. Ich habe es sogar versucht, doch war es zu schwierig. Und da kam der Vorschlag, ich solle doch Lieder deutscher Künstler auf Englisch singen. Und dann hörte ich „Best Days“, also „Tage wie diese“. Campino hatte es selbst übersetzt.
Ja, seine Mutter war Engländerin. Er ist zweisprachig aufgewachsen.
Das Lied ist auf Deutsch schon erstaunlich. Und auf Englisch ist es wundervoll. Es fühlte sich an, als sei es mein Song. Und da dachte ich, wenn ich dies auch anderen Songs geben könnte, wäre das doch großartig. Also hörte ich mir tonnenweise Musik an und wählte aus. Dann ging es darum, die Texte zu übersetzen. Da geht es nicht nur darum, ob Metaphern noch Sinn ergeben. Alliterationen müssen stimmig sein, Silben auf den Rhythmus passen und reimen soll es sich auch.
Wie lief es eigentlich mit Rechten an den Liedern? War das einfach, weil jeder sich freute, dass Anastacia einen Song covern möchte? Oder war das ein längerer Prozess?
Hier mussten ja nicht die Interpreten, sondern die Songschreiber und Produzenten angefragt werden, was zeitaufwendig sein kann, wenn mehrere Personen an einem Song beteiligt waren. Wir fingen also immer gleich mit dem Übersetzen und Aufnehmen an, wenn wir eine Zusage hatten, derweil wir noch auf andere Reaktionen warteten.
Normalerweise schreiben Sie die meisten Ihrer Songs ja selbst. Arbeiten Sie schon an neuem Material?
Oh ja, wir haben auch schon einiges aufgenommen. Eigentlich nehme ich kontinuierlich auf.
Haben Sie dafür ein Heimstudio?
Nein, ich gehe nach Nashville. Oder nach London. Auch nach Deutschland. Es hängt eigentlich davon ab, wo ich gerade bin und wo ich mit einem Produzenten zusammenarbeiten kann.
Gibt es schon Veröffentlichungspläne?
Im November werde ich erst einmal das Album „Symphonic Revolution“ veröffentlichen. Das ist in Zusammenarbeit mit einem Sinfonieorchester entstanden und präsentiert eine Auswahl meiner Songs im sinfonischen Gewand. Und dann haben wir Anfang dieses Jahres ja ein Livealbum zur aktuellen Tour herausgebracht. Wer zu unseren Konzerten kommt, wird feststellen, dass wir auf der Bühne genauso klingen.
Ihre Karriere dauert nun schon etwas mehr als ein Vierteljahrhundert. Fühlen Sie sich manchmal als eine Art Pionierin, wenn Sie auf die Anfänge zurückblicken? Sie waren Anfang der Nullerjahre ja eine der ersten weißen Sängerinnen, die wieder eine Soul-orientierte Popmusik boten, einige Jahre vor dem großen Retro-Soul-Revival mit Stars wie Adele. Haben Sie mal daran gedacht, auch auf diesen Zug aufzuspringen und diese Art von Soul zu interpretieren?
Ich glaube, dass ich mich immer auf dem schmalen Grat zwischen Soul, Pop und Rock bewegt habe, wollte aber nie nur in eine ganz bestimmte Richtung gehen. Denn was würden beispielsweise die Rockfans sagen, wenn ich auf einmal mit Retro-Soul ankäme? Adele wird von ihren Fans für ihren Stil geliebt. Punkt. Aber würden sie die Fans auch lieben, wenn sie ihnen ein Dance-Album vorsetzte? Ich denke, man sollte dem treu bleiben, was man ist. Aber wie Sie sagen, ich war damals definitiv vor meiner Zeit, weshalb es auch so schwer war, einen Vertrag zu bekommen.
Trotz Ihrer mächtigen Stimme?
Ja. Zum Glück gefiel es der Plattenfirma schließlich, dass ich mit meinen Brillen und meinem Look anders aussah, was zuvor ja immer ein Problem gewesen war, weil ich eben nicht wie die anderen aussah. Ich war ja nicht das Mädchen, das an Kylie-Minogue-Videos erinnerte. Indem ich aber mein Ding machte, war ich gewiss eine Vorreiterin so wie andere, Pink etwa, die zu jener Zeit ihr Ding machten. Wenn man uns auf eine gemeinsame Playlist setzte, klängen wir zwar musikalisch unterschiedlich, doch würde man den ähnlichen Vibe spüren.
Auf ihrer aktuellen Tour spielt Anastacia am 30. September in Hannover, am 2. Oktober in Düsseldorf, am 3. Oktober in der Jahrhunderthalle Frankfurt, am 6. Oktober in Zürich, am 12. Oktober in Wien und am 16. Oktober in Berlin.
Zur Person
Anastacia Lyn Newkirk, Jahrgang 1968, ist eine amerikanische Sängerin und Songwriterin. Bereits mit ihrem im Jahr 2000 veröffentlichten Debütalbum „Not That Kind“ gelang ihr dank des Hits „I’m Outta Love“ der internationale Durchbruch. Auch ihr zweites Album „Freak of Nature“ mit dem Hit „Paid My Dues“ verkaufte sich millionenfach. 2003 wurde bei ihr zum ersten Mal Brustkrebs diagnostiziert. Mit ihrer im selben Jahr gegründeten Stiftung Anastacia Fund setzt sie sich seither für die Krebsfrüherkennung bei Frauen ein. Trotz weiterer gesundheitlicher Beeinträchtigungen veröffentlicht Anastacia noch regelmäßig Alben und tritt in Fernsehshows auf. Mit ihrer aktuellen Welttournee „Not That Kind“ feiert sie ihre nun 25 Jahre während Karriere.
