Den Aufschwung im Museumswesen verdankt die Hansestadt vor allem der Possehl-Stiftung, die das Hansemuseum betreibt und das St. Annen-Museum mit der Kunsthalle zum Museumsquartier ergänzte. EU, Bund und Land finanzieren die gegenwärtige Sanierung und Erweiterung des Buddenbrookhauses zum Bildungs- und Veranstaltungsort.
Doch es ist wiederum die Possehl-Stiftung, die der Stadt gerade ein weiteres kulturelles Highlight beschert hat. Freunde der darstellenden Künste können ihre Schritte nun wieder in den Kolk lenken, um im neuen Haus des Figurentheaters den Barbier von Sevilla, den Schimmelreiter, die Mausefalle und natürlich die Prinzessin auf der Blume und Jim Knopf zu sehen, aufgeführt mit Marionetten, Stabfiguren, Schattenfiguren und Handpuppen. 120 Sitzplätze fasst der funktional vielseitige Saal, ein Dreispartentheater sozusagen, das nun alle technischen Möglichkeiten hat und zu den bedeutendsten Figurentheatern in Deutschland zählt.

Die 1977 von Puppenspieler Fritz Fey gegründete, heute „KOLK 17 Figurentheater & Museum“ genannte Einrichtung ist in zwei Gruppen von insgesamt neun Häusern untergebracht, die sich im dichtesten Altstadtquartier an der Petrikirche drängeln.
Einen 2017 von der Stiftung ausgelobten Architektenwettbewerb zur Neuordnung des Ensembles hatten die Lübecker Architekten Konermann Siegmund gewonnen. Sie schlugen vor, das nicht unter Denkmalschutz stehenden Museumsgebäude abzureißen, ein neues Theater zu bauen und die Sammlung nebenan ins ehemalige Theater zu verlegen. Dadurch gewannen sie für den Bühnenbau viele Freiheiten.
Dennoch ist das Gesamtprojekt von stupender Komplexität, was die Anforderungen an die Funktionen und deren Verbindungen untereinander, die Verbindung von sieben Alt- und zwei Neubauten, die geforderte Barrierefreiheit sowie die enormen Statik- und Brandschutzprobleme betrifft. Und schließlich hatten die Denkmalschützer ein gewichtiges Wort mitzureden.

Es wurde geprüft, ob man die beiden durch die Kleine Petersgrube getrennten Hausgruppen durch einen unterirdischen Gang verbinden könne. Der Statiker winkte ab. Zu unsicher der Baugrund, der hier vom Lehmhügel des Petrikirchhofs zur Torfmudde zur Trave hin abfällt. Ein solcher Eingriff hätte das gesamte Projekt gefährdet.
Im historischen Dielenhaus Kolk 14 öffnet sich das überraschend großzügige Foyer. Die zweigeschossige Diele war von Einbauten befreit, das gotische Tor freigelegt und restauriert worden. Linkerhand schließt sich der Neubau des Theaters an. Er fällt durch weite Bogenfensteröffnungen auf, ein in Lübeck unbekanntes Motiv, das sich dennoch in das historische Ambiente einfügt. Die Bogenöffnungen bieten im Erdgeschoss Einblick in das multifunktionale Forum. Oben im Giebel öffnet sich hinter dem Halbrund eine Loggia als Außenbühne, deren Zuschauer dann auf dem höher gelegenen Kirchhof sitzen können. Die Neubauteile setzen sich durch das moderne Format der Ziegel bewusst von den in Klosterformat gemauerten Altbauten ab und bilden mit den mittelalterlichen Nachbarn ein harmonisches Ensemble.
Beim Haus Kolk 20 war nur die Fassade geschützt. Es konnte ausgekernt werden. Die Architekten setzten für das Museum nach dem Haus-im-Haus-Prinzip einen Betonbau hinein und führten im Zwischenraum die Erschließungsgänge und Treppen nach oben. Der neue Einbau hält Abstand zu den historischen Außenwänden und zu den Brandwänden, die zum Teil romanischen Ursprungs sind und von den Denkmalpflegern mit Argusaugen gehütet wurden. Man erlebt den Bau, wandert von Ebene zu Ebene, betritt immer wieder die Innenräume und wird von den Inszenierungen der zauberhaften und künstlerisch faszinierenden Figuren eingenommen.
Fritz Fey hatte eine weithin einzigartige Sammlung von 20.000 unterschiedlichsten Figuren aus aller Welt zusammengetragen, die eines gemeinsam haben: Sie sind zum szenischen Spielen da. Entsprechend wird die Auswahl von 800 Exponaten im Museum effektvoll theatralisch beleuchtet oder in szenischen Rahmen präsentiert und vermag nicht nur Kinder zu begeistern.
Architekturfreunde werden auch Augen für die gestalterischen Feinheiten des Gebäudes haben, für die unerwarteten Durchblicke und Perspektiven, für die Wandmalereien, die beim Bau entdeckt wurden und nun in einem Sanitärraum hinter Glas präsent sind. Und für die außergewöhnliche Qualität der Betonoberflächen, für das ausgeklügelte Fugenbild, das die Architekten präzise vorgegeben haben oder für die Schreinerarbeit der sorgsam detaillierten Einbauten.
Das gesamte Ensemble atmet jahrhundertealte Geschichte. Die Zweckbestimmung als Museum und Spielstätte für die Welt der Theaterfiguren macht es darüberhinaus zur attraktiven Sehenswürdigkeit, nur ein paar Schritte entfernt vom Holstentor.
