
Für die meisten Unternehmen rückt die Frage in den Vordergrund, wie sie Künstliche Intelligenz (KI) einsetzen, damit ein wirtschaftlicher Nutzen entsteht. Die Antworten darauf entstehen nicht allein im Silicon Valley. Sie ergeben sich vor allem dort, wo Unternehmen KI in ihr operatives Geschäft integrieren.
Nach einer ersten Welle von Pilotprojekten und Experimenten rücken Wirtschaftlichkeit und konkreter Nutzen verstärkt in den Fokus. Aktuelle Studien von Bitkom, KPMG und KfW zeigen, dass KI in deutschen Unternehmen zunehmend den Sprung vom Experiment in den praktischen Einsatz schafft. Diese erwarten vor allem Produktivitäts- und Effizienzgewinne sowie Entlastung angesichts des Fachkräftemangels.
Mit wachsenden Investitionen kehrt auch eine klassische betriebswirtschaftliche Logik zurück. Nicht jede technisch beeindruckende Anwendung wird automatisch ein wirtschaftlicher Erfolg. Entscheidend ist, ob der geschaffene Mehrwert die erforderlichen Investitionen rechtfertigt.
Gerade im Finanzbereich wird das Potential von KI sichtbar. In Bereichen wie Finanzplanung, Berichterstattung, Risikomanagement und Prüfungsprozessen wird KI schon punktuell eingesetzt. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Aufsicht, Kontrolle und Verantwortung. Unternehmen müssen sicherstellen, dass Entscheidungen nachvollziehbar bleiben und Verantwortlichkeiten auch dort eindeutig geregelt sind, wo KI den Entscheidungsprozess vorbereitet, unterstützt oder sogar autonom übernimmt.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der von der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft veranstaltete 80. Deutsche Betriebswirtschafter-Tag am 6. Oktober in Düsseldorf im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis mit den Auswirkungen von KI auf Rechnungswesen, Wirtschaftsprüfung und Unternehmenssteuerung. Im Kern geht es um zwei Fragen: Wo schafft KI tatsächlich wirtschaftlichen Mehrwert? Und unter welchen Bedingungen lässt sich ihr Einsatz verantwortungsvoll gestalten?
Wie KI in der Praxis zum Einsatz kommen kann, zeigt das Beispiel des Konsumgüterkonzerns Henkel. KI kommt bei Henkel in mehreren Bereichen zum Einsatz, auch in der Finanzorganisation. Der Finanzbereich eignet sich für eine Betrachtung besonders, denn dort treffen drei entscheidende Voraussetzungen für erfolgreiche KI-Anwendungen zusammen: hohe Datenverfügbarkeit, standardisierte Prozesse sowie definierte Regeln und Kontrollmechanismen.
Der Finanzbereich in Unternehmen ist besonders KI-affin
Im Forderungs- und Reklamationsmanagement etwa kann KI große Fallzahlen automatisiert analysieren und relevante Informationen über Sprach- und Mediengrenzen hinweg identifizieren. Dadurch lassen sich Sachverhalte schneller klären und Forderungen oder Reklamationen zügiger abschließen.
Im Controlling helfen KI-Werkzeuge und -Assistenten, relevantes Wissen aus Datenbanken und Richtlinien gezielt zu erschließen und unter anderem in Abweichungsanalysen, Forecasts oder die Bewertung von Geschäftsentwicklungen einfließen zu lassen. Analysen lassen sich so effizienter vorbereiten, während Mitarbeitern mehr Zeit für ihre Kernaufgaben bleibt, wie die Interpretation und Steuerung der Geschäftsentwicklung zusammen mit den Geschäftsbereichen. Diese Beispiele zeigen exemplarisch drei zentrale Wirkungskategorien von KI im Finanzbereich: höhere Effizienz, höhere Geschwindigkeit und fundiertere Entscheidungsgrundlagen.
Das Potential von KI reicht aber über den Finanzbereich hinaus und eröffnet auch bei Henkel entlang der gesamten Wertschöpfungskette neue Möglichkeiten. So lassen sich etwa Werbespots mithilfe von KI schneller und kostengünstiger produzieren und zugleich hohe Qualitätsansprüche erfüllen. Im direkten Kundenkontakt unterstützen KI-Assistenten eine personalisierte Produktauswahl. So können sie das Kundenerlebnis verbessern und einen Beitrag zum Umsatzwachstum leisten.
Die Praxis zeigt auch, dass der Weg von Pilotprojekten zu skalierbaren, ergebniswirksamen Anwendungen anspruchsvoller ist als häufig angenommen. Datenqualität, schlanke und standardisierte Prozesse sowie die Fähigkeit zur kontinuierlichen Anpassung an die dynamische Entwicklung von KI bleiben entscheidende Voraussetzungen. Dies ist keine Aufgabe der IT-Abteilung allein, sondern eine Gemeinschaftsaufgabe über Geschäfts- und Funktionsbereiche hinweg.
KI wird erst dann zum Wettbewerbsfaktor, wenn sie einen direkten oder indirekten Beitrag zum Unternehmenserfolg leistet, etwa durch höhere Produktivität, schnelleres Wachstum oder fundiertere Entscheidungen. Für das Management bedeutet das zweierlei: Einerseits braucht es Freiraum für Experimente, um neue Möglichkeiten zu erproben und Erfahrungen zu sammeln. Andererseits ist ein klarer Fokus auf Anwendungsfälle erforderlich, die strategisch relevant sind und messbaren wirtschaftlichen Nutzen erwarten lassen.
Eine ebenso entscheidende Rolle spielt der Faktor Mensch. KI verändert Arbeitsweisen, Rollenprofile und Kompetenzanforderungen. Ihr Potential lässt sich nur ausschöpfen, wenn Unternehmen in Weiterbildung investieren, Veränderungsbereitschaft fördern und die Transformation aktiv begleiten. Zudem wächst mit zunehmender Integration von KI die Verantwortung, die Nachvollziehbarkeit von Ergebnissen, angemessene Kontrollmechanismen und klare Zuständigkeiten sicherzustellen.
Marco Swoboda ist Finanzvorstand von Henkel zuständig für Finanzen, zentraler Einkauf, Global Business Solutions, Digital/IT.
Anne d’Arcy ist Professorin für Corporate Governance an der Wirtschaftsuniversität Wien.
Beide sind Mitglieder des Vorstands der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft.
