Tobias Kämmerer weiß, dass er auf einem Gutshof an der Bergstraße angekommen ist. Und Kämmerer weiß, dass er gleich auf Christiane Hartmann treffen wird. Mehr Informationen gibt es für den Moderator des Hessischen Rundfunks nicht. Denn alles, was gleich passiert, soll er im selben Moment erfahren wie die Zuschauer. Er steigt aus dem Auto aus, geht in Richtung eines Geheges, erblickt eine Frau: „Bist du Christiane? Darf ich reinkommen?“
Die beiden kommen schnell ins Plaudern. Es geht um den Hof und die dort lebenden Ziegen, die Kämmerer natürlich auch persönlich grüßt. Kurze Zeit später machen sie sich in Richtung des Gutshofs auf – noch immer schwatzend. Die Tiere, Christiane, der Hof: den Moderator scheint alles zu interessieren, was ihm begegnet.
Kämmerer darf nicht nur überrascht sein, er soll es sogar. Das ist das Prinzip hinter der Sendung „Tobis Städtetrip“, bei der Moderator Tobias Kämmerer hessische Städte und Regionen vorstellt und dabei oft abseits bekannter Pfade unterwegs ist. Kämmerer wird laut Drehplan lediglich der Ort genannt, in den es geht. Was dort konkret passiert, wer ihm begegnet und wie sich die Situation entwickelt, weiß er nicht. Für die Sendung des Hessischen Rundfunks sucht Kämmerer, der vielen auch als Radiomoderator bekannt ist, seit 2016 nach Geheimtipps. Mehr als 70 Folgen haben er und sein Team schon abgedreht. Heute ist er für eine Sonderfolge unterwegs: Statt eines Städtetrips dreht Kämmerer heute an der Bergstraße einen Urlaubstrip.
Mit diesem Format wolle man die Frage beantworten, die sich viele immer wieder aufs Neue stellen würden, wie Kämmerer später im Gespräch sagt: Wo soll es am Wochenende hingehen? Was gibt es zu erleben? „Man braucht einen Grund, woanders hinzufahren. Wir schaffen die Gründe.“ Dabei geht es nicht nur um Sehenswürdigkeiten, sondern auch um die Menschen, die die Orte besonders machen.
Aus einzelnen Begegnungen wird für das Fernsehen ein „Puzzlespiel“
Frank Seckler ist einer der Autoren der Sendung. Er hat die drei Drehtage vorbereitet. Die Drehtermine und die Regionen stehen oft schon Monate zuvor fest. „Das ist aber auch das Einzige“, sagt Seckler. Danach beginnt die Suche. Wofür steht die Region? Welche Menschen haben eine Geschichte zu erzählen?
Seckler trägt an diesem Tag fast ständig ein Klemmbrett bei sich. Er begleitet das Projekt von der ersten Idee bis zur Ausstrahlung. Nach den Drehtagen folgen neun Tage im Schnitt. Dabei setzt er die Folgen nicht unbedingt in der Reihenfolge zusammen, in der die Reise stattgefunden hat. Der heutige Tag markiert laut Sendeplan den letzten Stopp auf der Reise, im fertigen Film kann er trotzdem früher auftauchen. Seckler spricht von einem „Puzzlespiel“: Aus einzelnen Begegnungen muss ein Ablauf entstehen, der sich für die Zuschauer wie eine Reise in Echtzeit anfühlt.

Auch wenn viele Begegnungen und Abläufe schon Monate zuvor festgelegt werden, bleibt der Plan am Drehtag beweglich. „Es gibt immer kleine Änderungen, die sich während des Drehs ergeben“, sagt Seckler.
„Auch die beste Story funktioniert nicht ohne gute Bilder“
Für die drei Drehtage sucht Seckler zunächst etwa 30 Stationen heraus. Durch Telefonate falle ungefähr die Hälfte wieder raus, wie er sagt. Aus den übrigen wird ausgewählt. Rund tausend Kilometer ist Seckler in der Region Bergstraße gefahren, um die Sendung vorzubereiten. Er schaut sich Orte an, spricht mit Menschen und überlegt, wie die einzelnen Begegnungen zusammenpassen könnten.
Eine Faustregel lautet: Die ersten Google-Ergebnisse sind verboten. Die Zuschauer sollen nicht nur das sehen, was ohnehin jeder kennt. Es geht um die Schönheit, die sich auf den zweiten Blick ergibt. So sei die Bergstraße beispielsweise nicht nur für beeindruckende Altstädte bekannt, sondern auch für die Vielzahl an Streuobstwiesen. Auch deshalb, so Seckler, sei die Wahl auf den Gutshof von Christiane Hartmann in Lampertheim gefallen. Um den Hof stehen die Obstbäume, im Hof wartet eine bronzene, meterhohe Brennblase, in der Gin, Whiskey und Obstbrände entstehen. Kämmerer darf testen, Kameramann Lukas Lowack hält drauf. „Die beste Story funktioniert nicht ohne gute Bilder“, sagt Seckler.

Auf dem Gutshof sind Christiane Hartmann und Tobias Kämmerer längst bei den Details angekommen. Beim Gespräch im abgedunkelten Whiskeylager geht es um die richtigen Fässer und den aufwendigen Herstellungsprozess. „Das ist kein Geschäft für Hetzer“, fasst Kämmerer zusammen.
Der Moderator, getrieben durch kindliche Neugier, fragt alles, was ihn in diesem Moment zu interessieren scheint, Hartmann antwortet. Die Nervosität, die sie kurz vor dem Drehstart umgetrieben hat, scheint vergessen. Als die Kamera längst schon wieder verstaut ist, läuft das Gespräch am Tisch bei Kaffee und Kuchen im gleichen Tempo weiter.
„Wer als Kind gerne Verstecken gespielt hat, wird Fernsehautor“
„Es ist mein Job, meine Gesprächspartner ins Plaudern zu bringen“, sagt Kämmerer. Fragen über das, was die Menschen ausmacht oder sie gerne tun, seien dafür das beste Mittel. „Alles, was ich brauche, damit das klappt, ist Neugier“, sagt der Moderator. Dabei spiele er keine Rolle: „Ich verwandele mich nicht in einen Fernseh-Tobi.“
„Tobi ist einfach echt“, sagt auch Lukas Lowack. „Zweieinhalb Sekunden hat man mit ihm zu tun, und man denkt, man kennt ihn ein ganzes Leben.“ Dass die Nähe zu den Zuschauern übertragen wird, ist Lowacks Aufgabe. Dafür arbeitet er mit einer auf den ersten Blick unspektakulär aussehenden Minikamera. Die Osmo Pocket 4p fällt kaum auf, während er filmt. Das sei aber auch ein Vorteil, wie Lowack sagt. Sie liefere hochwertige Bilder und sei klein genug, um von den Menschen, die vor der Kamera stünden, vergessen zu werden, fasst der Kameramann, der das Projekt von Beginn an begleitet, zusammen.

Lowack kann sich mit der Kamera nahezu ungehindert bewegen. Situativ entscheidet er, von wo genau er das Gespräch aufnimmt. Daraus leitet sich die wichtigste Regel am Set ab: Wo Lowack steht, müssen sich die anderen hinter ihm verstecken. Das führt zu teils kuriosen Szenen: Tonfrau, Aufnahmeleiter und Redakteur kommen ganz schön ins Schwitzen bei dem Versuch, dicht auf Lowacks Fersen zu bleiben und trotzdem niemals ins Bild zu geraten. Sie huschen von einer Zimmerecke zur anderen, ducken sich hinter Regalen weg, als Lowack für alle überraschend die Kamera schwenkt. „Wer als Kind gerne Verstecken gespielt hat, wird Fernsehautor“, sagt Seckler.
Unterwegs mit dem „Tobi-Bus“
Der Drehtag schreitet voran, es geht zum Schloss Auerbach bei Bensheim. Dort soll Kämmerer laut Sendeplan von den Mauern die Bergstraße überschauen und an einem Rittermahl teilnehmen. Die Routen bestreitet die „Travelparty“, wie Seckler die Gruppe nennt, mit dem „Tobi-Bus“, einem kleinen Transporter, auf dem das Gesicht des Moderators prangt.

Bevor Kämmerer in den Burghof kommt, schaut Seckler vor Ort nach dem Rechten. „Schloss Auerbach, die Erste“, sagt Aufnahmeleiter Sebastian Binn wenig später, und Kämmerer wird mit dem Bus vorgefahren. Hineinzulaufen fühle sich irgendwie stimmiger an, meint Kämmerer, kurz nachdem die Anfangsszene gedreht ist. Also alle wieder auf Anfang. Klappe, die Zweite. Die Änderung nimmt Seckler gelassen hin. Einen Drehplan zu haben, sei wichtig. Wichtiger sei es aber, dass später in dem Beitrag die Freude am Entdecken zu spüren sei.
Aus Tobi, dem Hungrigen, wird Tobi, der Emsige
Malte Hölzel führt Kämmerer durch die Burg. Oben angekommen, lässt Lowack eine Drohne aufsteigen. Das Team zieht sich unter einen Baum zurück, während Hölzel und Kämmerer sofort ins Gespräch kommen. „Da haben sich wieder zwei gefunden“, sagt Sebastian Binn. Noch vor der Ankunft war Hölzel ein klein wenig verstimmt gewesen. Die Gruppe hatte reichlich Verspätung. Fast normal bei einem Fernsehteam. Von Missmut keine Spur mehr.

Als die Kamera wieder läuft, verschwinden alle hinter den Mauern. Ein französischer Tourist, der eigentlich nur die Aussicht genießen will, duckt sich aus Reflex mit weg.
Später nimmt Kämmerer an einem Rittermahl teil. Gegessen wird mit den Händen. Danach soll er zum Ritter geschlagen werden. Aus Tobi, dem Hungrigen, wird „Sir Tobi, der Emsige“. „Keine Sorge, der wird noch ein paar Urlaubstrips drehen“, sagt Hölzel, als dem Moderator ein Schwert auf den Schultern liegt.
Autor Seckler hat jetzt einen Tag Pause, danach geht es in den Schnitt. Für Kämmerer und den Rest des Teams hingegen steht für morgen der nächste Drehtag auf dem Programm. Diesmal führt ihn der Städtetrip nach Frankfurt, das weiß Tobi schon. Was er noch nicht weiß: Dort wartet ein Helikopterflug auf ihn.
