
Sei Montagabend, 18.24 Uhr, hat Hanau einen neuen Oberbürgermeister: Zu dieser Zeit legt Maximilian Bieri den Amtseid ab und wird zum Stichtag 1. Oktober Nachfolger von Claus Kaminski (beide SPD). Ein Wechsel der Generationen nach 23 Jahren: Der 66 Jahre alte Kaminsky tritt in den Ruhestand, der 36 Jahre alte Bieri, bis dahin schon Bürgermeister, wird neuer Chef der Hanauer Stadtverwaltung. Zwei Begriffe will er zum Leitbild seines Dienstes machen: Brücken bauen und Vertrauen schaffen.
Schon die Einladung hatte klargemacht, dass am Montag keine normale Stadtverordnetensitzung auf dem Kalender steht: Wegen der Amtseinführung Bieris tagte das Gremium nicht in seinem Sitzungssaal, sondern im deutliche größeren Congress Park Hanau. Der bietet um die 800 Sitzplätze, und die werden am Montag auch gebraucht, der Amtswechsel ist in der Stadt das Ereignis des Tages.
An den Anfang stellt die Hessische Gemeindeordnung die Formalien. Mit 59,4 Prozent wählten die Hanauer Ende März Bieri zum neuen Oberbürgermeister, mit der Übergabe der Urkunde durch den Amtsvorgänger und die Vereidigung durch Stadtverordnetenvorsteherin Claudia Borowski (SPD) wird der Wählerwille in die Tat umgesetzt. Den Applaus nach der Eidesformel wertet Bieri als einen Vertrauensvorschuss, und Vertrauen ist einer der beiden zentralen Begriffen seiner Antrittsrede.
Was man von amerikanischen Präsidenten lernen kann
Für deren Rahmenbedingungen beruft sich Bieri auf die Vereinigten Staaten von Amerika, der ältesten Demokratie. Dort habe der frisch gewählte Präsident William Henry Harrison im Jahr 1841 eine besonders lange Antrittsrede gehalten, zwei Stunden bei nasskaltem Märzwetter. Einen Monat später sei Harrison an einer Lungenentzündung gestorben, die er sich vielleicht während seiner Rede eingehandelt habe. George Washington dagegen beließ es nach seiner Wiederwahl bei 135 Worten. Er habe sich, sagt Bieri, für einen Mittelweg entschieden.
Der führt erst einmal zum Dank an die Hanauer, die ihn gewählt haben, und dann zu seinem Vorgänger: Ohne Kaminsky wäre er weder zur Kommunalpolitik, noch zur SPD gekommen, sagt Bieri. Er zählt die Wegmarken der Amtszeit seines Vorgängers auf: Die Konversion der Flächen der US Army, den Umbau der Innenstadt, die Kreisfreiheit Hanaus. Und natürlich Kaminskys Auftreten nach dem rassistischen Attentat vom 19. Februar 2019.
Dann spricht Bieri länger über das Wort Brücken. Das meinte er einerseits ganz wörtlich, im Sinne der Sanierung der Übergänge in der Stadt an Main und Kinzig, aber ihm liegt die übertragene Bedeutung besonders am Herzen. Man müsse Brücken bauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Männern und Frauen, zwischen Umwelt und Wirtschaft, zwischen Stadt und Land, zwischen den Konfessionen und zwischen den Generationen: „Mit denen, die Menschen nach ihrer Herkunft sortieren, die spalten und hetzen, baue ich keine Brücken.“
Bieri, der auch die Kämmerei der Stadtverwaltung leitet, macht klar, dass bei dieser Aufgabe die Finanzen der Stadt nicht aus den Augen verloren werden dürften: Wo Schwimmbäder oder Krankenhäuser geschlossen werden müssten, da verschwinde Vertrauen: „Wer sich über manches Wahlergebnis der vergangenen Wochen wundert, sollte sich auch den Zustand vieler Kommunen in Deutschland ansehen.“ Deshalb fordere er Bund und Land auf, den Kommunen eine Finanzausstattung zu gewähren, die zu ihren Aufgaben passe.
Hanau nimmt Dinge selbst in die Hand
Vor Bieris Antrittsrede hat das Protokoll die Grußworte gesetzt. Für die Bundespolitik erledigt das der CDU-Bundestagsabgeordnete (und Hanauer Stadtverordnete) Pascal Reddig. Mit Blick auf die Entwicklung der Stadt in den vergangenen Jahren sagt er, dass „wir mehr Hanau im Bund brauchen“. Das meine den Willen zur Zusammenarbeit, um das Beste für die Stadt zu tun. Christoph Degen, der hessische Kultur-Staatssekretär, ergänzte das um den Willen in der Stadt, „Dinge selbst in die Hand zu nehmen“. Auf das Merkmal der Hanauer Kommunalpolitik, Entscheidungen über die Grenzen von Parteien und Koalitionen zu fällen, hoben auch CDU-Fraktionschef Jens Böhringer, sein SPD-Pendant Kevin Kuntz, und FDP-Mann Henrik Statz ab. Dass Bieri sich an Absprachen verlässlich halte, darauf verwies für die Grünen Sascha Feldes: „Das schafft Vertrauen.“
Einen hübschen Akzent setzte die Linke mit ihren Geschenken an den neuen Oberbürgermeister, zum einen mit einem (natürlich roten) Volleyball für den ehemaligen Regionalliga-Spieler Bieri, und einem Rechenschieber für den promovierten Mathematiker. Den Aspekt der parteiübergreifenden Zusammenarbeit griff auch der AfD-Fraktionsvorsitzende Christian Marx auf, der auf die schwierigen Bedingungen in einer „Zeit des Umbruchs und der schwindenden Finanzen“ verwies.
