
Der Industriekonzern Thyssenkrupp sucht Investoren für seine Stahlsparte, die seit Jahren als Unternehmens-Sorgenkind gilt und unter wirtschaftlichem Druck steht, zuletzt aber einige deutliche Restrukturierungsschritte gegangen ist. Über diesen Umbau und die weiteren Zukunftspläne hat Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE), wie der Stahlbereich offiziell heißt, an diesem Montag auf einem Kapitalmarkttag in London informiert.
Dort nannte die Stahlsparte als mittelfristiges Ziel einen bereinigten Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (bereinigtes Ebitda) von mindestens 1,2 Milliarden Euro. Zuletzt, Ende des Geschäftsjahrs 2024/2025, hatte dieser Wert bei 384 Millionen Euro gelegen. Unter der mittleren Frist versteht der Markt in der Regel die kommenden drei bis fünf Jahre. Die bereinigte Ebitda-Marge solle dann bei mindestens elf Prozent liegen und der Free Cashflow positiv werden. Es soll also mehr Geld dem Unternehmen zufließen, als aus ihm abfließt. Der Großteil der erwarteten Ergebnisverbesserung (mehr als 800 Millionen Euro) solle aus Maßnahmen kommen, die TKSE selbst umsetzen kann.
Die milliardenteure Grünstahlanlage soll weitergebaut werden
Der Stahlbereich strebt an, verglichen mit dem Jahr 2024, als noch rund 27.000 Mitarbeiter für die Sparte tätig waren, rund 11.000 Stellen abzubauen oder auszugliedern. Nach Angaben vom Montag ist dies Stand jetzt schon für rund 4000 Stellen geglückt. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete auch der Verkauf der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) an den Konkurrenten Salzgitter. HKM gehörte Thyssenkrupp Steel noch bis zu diesem Juni zur Hälfte; mit der Veräußerung wurden rund 1500 Stellen eingespart, die TKSE zuzuordnen waren.
Zugleich seien Zukunftsinvestitionen nicht zu kurz gekommen, hieß es auf dem Kapitalmarkttag. „In den vergangenen Jahren haben wir mehr als eine Milliarde Euro in die Modernisierung unseres Produktionsnetzwerks investiert und verfügen heute über einige der innovativsten und modernsten Produktionsanlagen der europäischen Stahlindustrie“, sagte Marco Richrath, der im TKSE-Vorstand für das operative Geschäft verantwortlich ist. Der Stahlbereich baut gerade in Duisburg an einer mehr als drei Milliarden Euro teuren Grünstahlanlage; der Staat hat für Bau und Betrieb rund zwei Milliarden Euro Fördergeld zugesagt. Zwischenzeitlich stand im Zweifel, ob die Anlage wirklich zu Ende errichtet werden soll. Nun aber bekräftigte Richrath vor den Investoren, das Prestigeprojekt sei weiter im Bau.
Ferner betonte das Unternehmen, dass sich das Marktumfeld für Stahl verbessert habe. Die Nachfrage in den Endmärkten entwickele sich „insgesamt stabil“. Durch die seit Juli 2026 geltenden europäischen Handelsschutzmaßnahmen gewinne der europäische Markt „deutlich an Momentum“.
Umbau der Stahlsparte ist Teil eines größeren Konzernumbaus
Thyssenkrupp-Chef Miguel López steckt mitten im Umbau des Industriekonzerns, der bislang einer Art Gemischtwarenladen gleicht, zu einer strategisch gesteuerten Holding mit eigenständiger aufgestellten Geschäftseinheiten. Im Oktober 2025 wurde die Marinesparte TKMS nach der Abspaltung eines 49-prozentigen Anteils an die bisherigen Thyssenkrupp-Aktionäre an der Frankfurter Börse notiert. Thyssenkrupp behielt die Mehrheit von 51 Prozent. Bei der früheren Materials-Services-Sparte, die heute TK Accelis heißt, stimmten die Aktionäre in diesem August der Abspaltung eines 49-prozentigen Anteils zu. Die Börsennotierung von TK Accelis ist noch für dieses Kalenderjahr geplant. Mit dem Kapitalmarkttag stehen nun alle Zeichen darauf, dass der Stahl als nächste Sparte an der Reihe ist.
Der Industriekonzern sucht schon lange nach Partnern für seine Stahltochtergesellschaft, doch zuletzt scheiterte der Versuch, sie an den indischen Jindal-Konzern zu veräußern. Auch zuvor waren Pläne, ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Holding des tschechischen Milliardärs Daniel Křetínský zu formen, wieder zurückgedreht worden. Anders als in den Fällen von TKMS und TK Accelis will Thyssenkrupp als Konzernmuttergesellschaft nicht zwingend an einer Mehrheitsbeteiligung an der Stahltochtergesellschaft festhalten.
