Von der U 21 kommen gute Nachrichten für die Frankfurter Eintracht. Außenverteidiger Elias Baum ist nach dem 4:0-Sieg der deutschen Auswahl in Lettland am Samstagabend von Trainer Antonio Di Salvo ausdrücklich gelobt worden, und Noel Aseko hatte einige ausgesprochen gute Szenen im Mittelfeld. Was wichtiger als seine Leistung ist: Der 20 Jahre alte Berliner Junge spielte 69 Minuten engagierten Fußball, bevor er aus dem Spiel genommen wurde, und lieferte keinerlei Hinweise darauf, dass mit seinem Knie etwas nicht in Ordnung sein könnte.
Genau diese Befürchtung wird seit Monaten in den sozialen Medien der Eintracht-Fans in unterschiedlich starken Formulierungen ausgedrückt. Die „Schwarzseher“ sahen sich bestätigt, als Aseko am Samstag vor einer Woche im Bundesligaspiel gegen den SC Freiburg schon nach 45 Minuten vom Platz genommen worden war. Spielte Aseko nicht gut genug, oder spielte das Knie nicht mit?
In der vergangenen Saison, als Leihspieler des FC Bayern bei Hannover 96, litt der Junioren-Nationalspieler unter anhaltenden Kniebeschwerden, die weitere medizinische Behandlungen über den Saisonschluss hinaus nötig machten. Nach seinem Wechsel zur Eintracht verpasste er einen Teil der Vorbereitung, erst Ende August stieg der Sohn äquatorialguineischer Eltern ins Frankfurter Mannschaftstraining ein. Sein Debüt im Trikot mit dem Adler verlief vielversprechend. An der Seite von Raphael Onyedika bot Aseko beim 3:1 in Mainz im defensiven Mittelfeld quasi aus dem Stand eine beeindruckende Vorstellung. Eintracht-Trainer Hütter sparte nicht mit lobenden Worten.
Dass er den Mittelfeldspieler in Mainz schon nach 59 Minuten auswechselte, löste keinen Verdacht aus – nicht gleich mit der Belastung übertreiben nach über vier Monaten Spielpause. Dann kehrte jedoch nach dem Freiburg-Spiel mancher Zweifel zurück.
Aseko überragt bei Hannover 96
Trainer Hütter ist frei von jeder Skepsis. Auch aus Hannover ist von Vereinsseite zu hören, dass Aseko zwar Belastungsschmerzen hatte, aber unter keinen chronischen Beschwerden litt. Wofür spricht, dass der Jungprofi 33 Pflichtspiele für die Niedersachsen bestreiten konnte. Und wie! Nicht wenige behaupteten, dass Aseko in der vergangenen Saison der beste Zweitligaspieler gewesen sei. Drei Tore und sechs Torvorlagen als defensiver Mann im zentralen Mittelfeld stechen in den Statistiken heraus, genauso wie sein Topspeed von über 34 Kilometern pro Stunde, die Anzahl der intensiven Läufe, die Gesamtzahl der abgerissenen Kilometer und die Zweikampfwerte.
Kein Wunder, dass nach dieser eindrucksvollen Saison Hannover 96 gegenüber dem FC Bayern die Kaufoption in Höhe von etwa einer Million Euro zog, kein Wunder, dass die Münchner daraufhin ihre Rückkaufoption in Höhe von etwa 1,5 Millionen Euro aktivierten.
Die Vertragsmodalitäten geben einen Hinweis darauf, wie die Münchner Asekos Talent zum Jahreswechsel 2024/25 einschätzten, als die Leihe in die zweite Liga anstand: Großes Potential mit einem großen Fragezeichen dahinter. Die Vertragsmodalitäten mit der Eintracht geben Rückschluss auf die Einschätzung der Bayern im Frühsommer 2026. Sie ließen Aseko für eine Ablöse von etwa 13 Millionen Euro an den Main ziehen – ohne Rückkaufoption, ohne Weiterverkaufsbeteiligung. Asekos Hoffnung, Leon Goretzkas Nachfolger im Münchner Mittelfeld werden zu können, teilten die Bayern offensichtlich nicht. „Ich hatte ein offenes und ehrliches Gespräch mit Trainer Kompany“, berichtete Aseko auf seiner Vorstellungspressekonferenz in Frankfurt. Danach ging der Wechsel vonstatten.

Für die Bayern stellen die 13 Millionen Ablöse den Spatz in der Hand dar, für die Eintracht die Taube auf dem Dach. Wieder einmal hofft sie auf eine hochfliegende Rendite. Auch bei Hannover 96 wird Aseko eine internationale Karriere zugetraut. Trainer Christian Titz, mittlerweile entlassen, war geradezu ein Fan von dessen Spielweise. Titz machte ihn vom zweiten Spieltag an zum Führungsspieler, nachdem er Aseko beim Saisonstart gegen Kaiserslautern zur zweiten Halbzeit einwechselte und der Eleve den Siegtreffer zum 1:0 erzielte. Vorgänger André Breitenreiter hatte die Begabung nicht erkannt und den Teenager zur zweiten Mannschaft geschickt.
Vielleicht hatte es damit zu tun, dass Aseko manchmal noch etwas unreif wirkte. In einem frühen Interview mit der „Hannoverschen Neuen Presse“ bekannte er zum Beispiel freimütig: „Mein Handy ist mein zweites Ich, so wie mein bester Freund.“ Seine Smartphonezeit soll in jenen Tagen oft bei mehr als zehn Stunden gelegen haben.
Der Mittelfeldspieler lernt dazu
Mittlerweile hat der Berliner dazugelernt, ohne seine offene Art abgelegt zu haben: Selbstbewusst vergleicht er sich mit dem französischen Weltmeister N’Golo Kanté, ungeniert bekennt er, dass er „es hasst, dem Ball hinterherzulaufen“. Das sei der Grund, warum er bei Ballverlust sofort ins Gegenpressing gehe. Eine Eigenschaft, die Trainer Hütter ausgesprochen mag. Genauso wie seine Gewinnermentalität. Die habe er sich in den Fußball-Käfigen in Neukölln angeeignet. „Die Verlierer-Mannschaft musste vom Platz, die Gewinner durften bleiben. Ich war viel zu ungeduldig, um zu warten, das hat meinen Ehrgeiz geprägt.“
Aseko hat die Stärken eines Straßenfußballers und ein bisschen auch die coole Attitüde. Was nicht ausschließt, seriös über seinen Beruf zu reflektieren. Auf seine Rolle im Eintracht-Mittelfeld angesprochen, führte er den Medien detailliert aus, dass es auch auf seinen Partner ankomme, wie er sein Spiel gestalte. Offensiver, wenn der Nebenmann Onyedika heißt, defensiver, wenn es Götze oder Chaïbi ist.
Statistiken seien nicht so wichtig für ihn: „Wichtiger ist es, meine eigenen Szenen zu analysieren und zu schauen, was ich verbessern kann.“ Dafür nutze er ausgiebig Videoanalysen: „Im Video sieht man oft Dinge, die man auf dem Platz gar nicht wahrnimmt. Man erkennt zum Beispiel, wo vielleicht ein Mitspieler frei war oder wo man eine Situation anders hätte lösen können.“ Dies helfe für das nächste Spiel, die Lösungsfindung zu optimieren.
Im Moment suche er vor allem eines: „Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus.“ Deshalb ist Noel Aseko gerade bei der U 21 gut aufgehoben. Am nächsten Mittwoch geht die Kampagne weiter mit der Begegnung gegen Malta, am Dienstag darauf kommt es zum nächsten EM-Qualifikationsspiel gegen Georgien. Vielleicht ist Aseko dann schon so weit, auch einmal über 90 Minuten zu spielen.
