
Es ist wie mit den Midterms. Die ganze Welt wartet sehnsüchtig darauf, dass sich eine nennenswerte Zahl von Amerikanern bei den Zwischenwahlen von Donald Trump abwendet, aber der amerikanische Wähler gerät erst nach dem Ende der Sommerferien verlässlich in Wallung. Auch der deutsche Leser schaltet sich dem Deutschen Buchpreis erst mit voller Aufmerksamkeit zu, wenn die Shortlist bekanntgegeben wird. Da hat die Jury im August schon ihre Longlist veröffentlicht und sich gewissenhaft durch 180 Romane gelesen.
Ihr allein obliegt die Entscheidung, welchem Autor sie am Vorabend der Frankfurter Buchmesse den Preis für das zuerkennt, was sie als besten deutschsprachigen Roman des Jahres empfindet oder als Kompromiss auszeichnet. Aber wenn der September ins Land geht, möchten auch Deutschlands verbliebene Buchkäufer wissen, wem die Mitglieder der Jury im Oktober ihre Stimme geben könnten. Oder für wen man selbst votieren würde.
Dass man das am besten prüft, indem man neben den Shortlist-Titeln auch die der Longlist kauft und sie alle miteinander liest, anstatt bloß über sie zu sprechen, steht auf einem anderen Blatt. Aber es hat keine Chance gegen die Logik des Preises, den die Buchbranche vor 21 Jahren erfand, um das Gespräch über Bücher und dadurch die Verkaufszahlen anzukurbeln. Gerade noch rechtzeitig, könnte man sagen, denn in den folgenden Jahren brach der Absatz so richtig tief ein.
Auf der Bühne hat man alle Chancen
Trotzdem steigt Ende September nicht gerade die Spannung, aber doch die freundliche Anteilnahme. Und die Stimmung ist stets exzellent, wenn die Shortlist-Autoren in Frankfurt ihren gemeinsamen Auftritt haben. Zum 18. Mal geschieht das diesmal.
In diesem Jahr ist dabei zur Überreichung der Auszeichnung, anders als sonst, nur noch eine knappe Woche hin. Schon am 5. Oktober wird im Kaisersaal des Frankfurter Römers bekanntgegeben, wem die Jury den Preis zuspricht. Auf der Bühne des Schauspielhauses haben alle Beteiligten noch sämtliche Chancen, auch beim Frankfurter Publikum, das sich gerne amüsiert, aber noch lieber gepackt wird, jedem Autor aufmerksam zuhört und nur in manchen Jahren Favoriten hat, mal einen, mal mehrere.
Nicht aber 2026, einem Jahr des gleichmäßig gespendeten freundlichen Beifalls. Nur vier der sechs Nominierten haben es in das ausverkaufte Schauspielhaus geschafft. Peggy Mädler und Dana Vowinckel fehlen entschuldigt, was aus Proportionsgründen erfreulicherweise dazu führt, dass die drei üblichen Grußworte der Veranstalter, vom Börsenverein über die Stadt bis zum Literaturhaus, auf ein einziges eingedampft werden, das von allen kommt. Das kann so bleiben.
Manchmal gibt es Szenenapplaus
Den Rest des Abends bestreiten Shida Bazyar, Franziska Gänsler, Valeria Gordeev und Elias Hirschl im Gespräch mit den Literaturkritikern Sandra Kegel und Christoph Schröder. Da jedes Gespräch nur gut 20 Minuten dauert und das Anekdotische mit sich führt wie eine Schnecke ihr Haus, berichtet Gänsler als erste der vier, dass in ihrem Roman „Orca“ (Kein & Aber) nicht nur ihre Hauptfigur Cora an der Fleischtheke steht, sondern sie selbst es in Coras Alter auch getan hat, „bei Edeka samstags ab sieben“, wo sie viel Absurdes erlebt habe: „Ich habe mich auf Montag gefreut, weil ich anderen dann von der Fleischtheke erzählten konnte.“ Jetzt haben die Erlebnisse von damals und Gänslers Hang zum Absurden es in einen Roman geschafft, der von Erderwärmung und Klima-Aktivisten erzählt.
Überhaupt widmen die nominierten Romane sich fast all dem, was Deutschland derzeit beschäftigt, von der Klimakrise über Israel und Gaza (Vowinckels „Anton und Alma“, Suhrkamp) sowie Holocaust und Migration (Bazyars „Die Lücken“, Kiepenheuer & Witsch) über Russlands imperiale Ambitionen (Gordeevs „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“, S. Fischer) bis zu DDR und Wiedervereinigung (Mädlers „Selbstregulierung des Herzens“, Galiani Berlin).
Nur der Österreicher Elias Hirschl fällt in „Schleifen“ (Zsolnay) mit seinem Trip durch die Welt einer Frau aus dem Rahmen, die jede Krankheit bekommt, von der sie hört oder liest. Auch wenn die Flucht vor Leid und Sterblichkeit ein Mega-Thema der Gegenwart ist, das Gordeev in ihrem Roman ebenfalls aufgreift. Hirschls Hauptfigur Franziska Denk jedenfalls flüchtet sich in die Welt künstlicher Universalsprachen, was dazu führt, dass Hirschl das Publikum mit seinem Wort für einen Zwerghamster, der im Jahr 1979 in West-Berlin lebt und einer Frau namens Dora gehört, zu Szenenapplaus hinreißt. „Ich liebe solche im Vorhinein zum Scheitern verurteilten Projekte“, sagt er: „So absurd es ist, finde ich es auch sehr bewundernswert. Diese Projekte hatten alle das Ziel der Verständigung.“
Verständigung, von diesem Ziel geht die Literatur nicht ab. Aber absurd, da ist das Wort schon wieder. Kann die Welt des Jahres 2026 nur noch als die Groteske beschrieben werden, in deren Richtung Gordeev ihren Stoff schubst, weil sie sie als „Rettung“ vor dem Grauen der Geschichte empfand? Ernst nimmt die Welt nur Bazyar, die in „Die Lücken“ beschreibt, wie eine Kleinstadt im Hunsrück ihre vertriebenen und ermordeten jüdischen Bürger vergisst, aber zur Zuflucht für iranische Flüchtlinge wird. „Orte ergaunern sich eine Unschuld“, sagt sie. Eines sei bei kleinen Städten klar: „In solchen Orten wissen alle genau, wer was getan hat.“ Es muss dann nur jemand aufschreiben. Manchmal gibt es dafür auch einen Preis.
