
Am „Starship“ hängt so einiges: die Zukunft von Elon Musks inzwischen börsennotiertem Raumfahrtunternehmen SpaceX, das bemannte Mondprogramm der NASA und in gewissem Sinn die Zukunft der Raumfahrt überhaupt. Als erstes vollständig wiederverwendbares Trägersystem könnte das Starship die Raumfahrtbranche insbesondere dort, wo sie besonders groß denkt, auf eine völlig neue ökonomische Grundlage stellen.
Der 14. Teststart des Ungetüms Montagnachmittag um 14:48 Uhr deutscher Zeit vom SpaceX-Startgelände am Südzipfel von Texas war dabei von besonderer Bedeutung. Zum ersten Mal sollte die Oberstufe, das Starship im engeren Sinne, eine Erdumlaufbahn erreichen und dabei reale Satelliten aussetzen. Alle bisherigen Flüge waren, sofern sie nicht in ungeplanten Explosionen endeten, nur auf suborbitalen Bahnen geflogen und hatten allenfalls Satellitenattrappen an Bord, um das Auswurfsystem zu testen.
Zögern vor dem „Go for orbit“
Der aktuelle 14. Start selbst glückte, und anders als beim 13. Testflug am 24. Juli schwebte auch die Unterstufe planmäßig auf den Strahlen ihrer erneut gezündeten Triebwerke auf den Golf von Mexiko herab. Den Ausfall eines der 33 Unterstufen-Triebwerke hatten die übrigen Strahlmotoren gut kompensieren können. Einen Versuch, die Unterstufe an ihrer Rampe aufzufangen, wie es zuvor bereits in drei Testflügen gelungen war, hatte man diesmal von vornherein nicht geplant.
Nur Minuten nach dem Start allerdings fiel auch eines der sechs Triebwerke der Oberstufe aus. Es war nicht zwingend notwendig, um wie vorgesehen eine Erdumlaufbahn in 275 Kilometern zu erreichen, doch gab es bei SpaceX offenbar Sorgen, ob diese Unregelmäßigkeit einen korrekten Wiedereintritt gefährden könnte. Einen unkontrollierten Rücksturz des um die 100 Tonnen schweren Edelstahlrumpfes galt es unbedingt zu vermeiden. Etliche Minuten lang herrschte auch bei den SpaceX-Mitarbeitern, die den Livestream des Unternehmens kommentierend begleiteten, Unklarheit, ob die Ingenieure den kritischen Orbitalflug trotzdem wagen würden. Schließlich kam 22 Minuten nach dem Start doch das „Go for orbit“.
Zusätzliche 26 Terabit pro Sekunde
So konnte das Aussetzen von 26 Satelliten planmäßig durchgeführt werden. Im Minutentakt verließen die metergroßen Einheiten die Rakete durch eine schlitzförmige Öffnung. Es handelt sich um Komponenten des unternehmenseigenen Kommunikationsnetzwerks „Starlink“, das seinen Kunden satellitengestützte Internetverbindungen ermöglicht und heute das wichtigste wirtschaftliche Standbein von SpaceX darstellt.
Die heute ausgesetzten Satelliten gehören zu dem neuen Modell V3, das zu groß ist, um von den Raketen des bisher verwendeten Typs Falcon 9 ins All transportiert zu werden – sie erfordern das Starship. Gleichzeitig fügt jede dieser Einheiten dem Starlink-Netz eine Übertragungskapazität von einem Terabit pro Sekunde hinzu. Für den Kapazitätszuwachs, den V3-Satelliten eines einzigen Starship-Fluges liefern – so erklärte der Sprecher von SpaceX – müssten acht Falcon-9-Raketen starten. Schon deswegen ist die neue Rakete von größter Bedeutung für das Unternehmen.
Völlig sicher waren sich die Verantwortlichen bei SpaceX ihrer Sache nach dem Triebwerksausfall an der Oberstufe aber dann doch nicht. Nach dem erfolgreichen Aussetzen der 26 neuen Satelliten kürzte man den Testflug ab. Statt nach den eigentlich geplanten sechs Erdumkreisungen und einer Wasserung im Südostpazifik vor Chile gab man der Rakete das Signal zum Wiedereintritt bereits während der zweiten Umrundung und veranlasste eine Landung im Nordpazifik in der Gegend von Hawaii.
Diese Option war aber von vornherein vorgesehen gewesen. Zumindest Drohnen waren vor Ort und lieferten Bilder der planmäßigen weichen Landung auf der Meeresoberfläche. Diese endete, aber auch das war so vorgesehen, nach dem Umkippen der Rakete mit der Explosion des Resttreibstoffs und der Zerstörung des Raumfahrzeugs. Nur bei dem Test im Juli war diese Explosion unverhoffterweise unterblieben, und die Oberstufe konnte relativ unversehrt von der Landestelle westlich von Australien bis zur Weihnachtsinsel südlich von Java geschleppt werden, wo man sie barg. Momentan wird sie nach Texas transportiert, um weitere Daten zu gewinnen.
Insgesamt hat das Starship am Montag wieder eine wichtige Hürde auf dem Weg zur ersten komplett wiederverwendbaren Rakete genommen. Vielleicht wird man es bereits beim nächsten Testflug wagen, beide Stufen zu Starttürmen zurückkehren zu lassen, um sie dort aufzufangen. Es war allerdings abermals ein Erfolg mit Abstrichen, immerhin auf den Tag genau 18 Jahre, nachdem zum ersten Mal eine SpaceX-Rakete – damals eine Falcon 1 – eine Nutzlast im Erdorbit hatte aussetzen können. Neun Jahre später war die Firma mit der Nachfolgerin Falcon 9 zum Marktführer im Geschäft mit kommerziellen Raketenstarts aufgestiegen.
