
Bevor er sich an diesem Montag in Lothringen an ganz Europa richtet, hat Papst Leo XIV. Frankreich für sich gewonnen. Der Erfolg lässt sich nicht nur in Zahlen messen. Selbst für die in Großereignissen erprobte Hauptstadt Paris war der Zustrom zur Freiluftmesse des Papstes auf dem Concorde-Platz und auf den Champs-Élysées eindrucksvoll. 800.000 Menschen jubelten dem vorbeifahrenden Papamobil zu und feierten anschließend die Messe. Zum Vergleich: 2008 waren es beim Besuch von Papst Benedikt XVI. vor dem Invalidendom 260.000 gewesen.
Im Stade de France erlebten 80.000 junge Menschen einen Abend mit dem Papst, den sie nicht vergessen werden. Die „Generation Leo“ spiegelt die französische Einwanderungsgesellschaft in ihrer Vielfalt wider. Ein katholischer Komiker mit algerischen Wurzeln brachte die jungen Leute mit Klischees frömmelnder, vor Vorurteilen strotzender „Cathos“ zum Lachen. Die Bühnenshow mit Pferden und aufwendigen historischen Kostümen, bei der Frankreichs Geschichte entlang der Heiligen erzählt wurde, war von einem Anhänger der traditionalistischen Bewegung Notre-Dame-de-Chrétienté entworfen worden.
Aus dem fröhlichen, friedlichen Miteinander der gegensätzlichen kirchlichen Strömungen entstand eine Kraft, die sich in enthusiastischen „Leo, Leo“-Rufen entlud. Das Sportstadion liegt im Norden von Paris im „jüngsten und kosmopolitischsten Département Frankreichs“, wie der Bischof von Saint-Denis, Etienne Guillot, betonte. Zu der hohen Zahl von Erwachsenentaufen trägt auch dieses Département bei, in dem Evangelisierung kein Fremdwort mehr ist.
Im Wallfahrtsort Lourdes zog der Heilige Vater abermals Hunderttausende Gläubige an. Die antiklerikal geprägte Presse widmet dem Besuch ungewöhnlich große Aufmerksamkeit. Dazu tragen auch die katholischen Influencer bei, die in großer Zahl in den sozialen Medien ein überwiegend junges Publikum ansprechen.
Dem Papst ist es gelungen, mit seiner Botschaft in die zutiefst säkularisierte französische Gesellschaft vorzudringen. Weit über den Kreis der Gläubigen hinaus entfaltet sein Wort Wirkung in Frankreich. Etwas ist in Bewegung geraten in dem politisch zerrissenen Land, auch wenn noch unklar ist, wie weit die Botschaft des Papstes trägt.
Hoffnung in einen Papst, der Demokratie, Frieden und Recht stärkt
„Johannes Paul II. hat den Osten wachgerüttelt, Leo XIV. könnte den Westen wachrütteln“, bemerkte Kardinal François-Xavier Bustillo, Bischof von Ajaccio. Das trifft die französische Wahrnehmung, dass der Westen neue Orientierung braucht, seit die Vereinigten Staaten sich ihrer Schutzmachtrolle für Europa entledigen wollen. Der amerikanische Papst bildet ein moralisches Gegengewicht zum amerikanischen Präsidenten, dessen Politik der Kriege, der Absage an den Multilateralismus und der Deregulierung der Künstlichen Intelligenz die Welt nur weiter aus den Fugen geraten lässt.
Wie der polnische Papst seinerzeit entscheidend dazu beitrug, den Kommunismus zu Fall zu bringen, so besteht die Hoffnung, dass der amerikanische Papst in seiner Heimat und im Westen jene Kräfte stärken könnte, die für Demokratie, Frieden und Recht einstehen. Zugleich ist Leo XIV. der Konfrontation mit Vizepräsident J. D. Vance nicht aus dem Weg gegangen, der ihn zur Lehre des heiligen Augustinus vom gerechten Krieg belehren wollte.
In der französischen Wahrnehmung erfüllte der Papst damit die Aufgabe des Widerspruchs, die sich viele Politiker in der westlichen Welt nicht zutrauen. Die gaullistische Tradition, der amerikanischen Weltmacht die Stirn zu bieten, ist wacher denn je. Das zeigt auch der große Erfolg der beiden Kinofilme, die Charles de Gaulle gewidmet sind. Frankreich dürstet nach Vorbildern.
Spaltungen und Ausgrenzungen in der Politik
Sieben Monate vor dem ersten Wahlgang der Präsidentenwahlen war auf den Straßen für jeden zu sehen, wie sehr sich die Franzosen zudem nach Gemeinsamkeit sehnen. So viel Fröhlichkeit und Hilfsbereitschaft gab es seit den Olympischen Sommerspielen nicht mehr in der Hauptstadt. 14.000 freiwillige Helfer engagierten sich für die tadellose Organisation.
Die Politik aber bietet den Franzosen überwiegend Spaltungen und Ausgrenzungen an. Das zeigte sich selbst bei der Sitzordnung bei der Messe, bei der Präsidentschaftskandidat Edouard Philippe nicht neben seinem Herausforderer Gabriel Attal sitzen wollte. Marine Le Pen und ihr rechtsextremer Konkurrent Eric Zemmour wohnten der Messe bei.
Der Papst hatte schon zuvor unmissverständlich das Vorhaben der Rechtspopulisten verurteilt, das islamische Kopftuch im öffentlichen Raum zu verbieten. Bei einem Besuch bei der katholischen Flüchtlingshilfeeinrichtung Bakhita in Paris plädierte er dafür, „in Würde zusammenzuleben“.
Ob der Papstbesuch zu einem katholischen Revival führt, ist ungewiss. Die gesetzlich verankerte Trennung von Kirche und Staat entlässt jedes Jahr Generationen von Schulabgängern, die keinerlei Religionsunterricht genossen haben. Der Weg zu einer „Erneuerung der Nation aus ihren vom Glauben durchdrungenen Wurzeln“, wie der Papst sie predigte, ist noch weit. Aber eine erste Etappe ist zurückgelegt.
