Die Elenden, die über das Meer nach Ostafrika fliehen, sind das sichtbarste Zeichen für das Leid, das die Eskalation des Jemenkonfliktes der Bevölkerung beschert. Von mehr als 3000 Bootsflüchtlingen ist die Rede, und laut Schätzungen der UN könnte die Zahl in den kommenden Monaten auf mehr als 10.000 anwachsen. Ein Ziel der gefährlichen Überfahrt ist Djibouti.
Die Flucht führt über die von den Huthi-Rebellen bedrohte Meerenge Bab al-Mandab, auf die sich vor allem wegen ihrer strategischen Relevanz für die Weltwirtschaft besorgte Blicke richten. Die geflohenen Jemeniten haben ganz andere Sorgen. Viele haben nur wenige Habseligkeiten mitnehmen können, manche nur die Kleider, die sie am Leib tragen.
„Wie könnte ich einfach nur dasitzen, während meine Kinder vor Angst schreien und zittern?“, sagte unlängst ein geflohener Fischer aus einem jemenitischen Küstenort der BBC. Er sei vor den einschlagenden Bomben geflohen.
Unterschlupf in ohnehin überfüllten Lagern
Insgesamt wurden in den vergangenen Wochen laut Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 132.000 Menschen durch die Gewalt vertrieben. Die Zahlen nehmen demnach stetig zu. Laut übereinstimmenden Berichten fliehen sie mehr oder weniger ausschließlich aus dem Kampfgebiet. An mehreren Fronten bekämpfen sich die Huthi-Rebellen und Kräfte der international anerkannten Regierung. Letztere zählen zu einem von Saudi-Arabien angeführten Militärbündnis und erhalten Unterstützung durch die saudische Luftwaffe.
Die bewaffnete Konfrontation war Anfang September wieder voll entflammt. Die Huthi starteten einen Eroberungszug und brachten die jemenitische Westküste unter ihre Kontrolle. Sie eroberten außerdem Inseln im Roten Meer. Derzeit konzentrieren sich die Gefechte in erster Linie auf die verbliebenen Bastionen der Huthi-Gegner im Norden: das strategisch gelegene Bevölkerungszentrum Taizz und Marib, wo ein großer Teil der bescheidenen Ölvorkommen des bitterarmen Jemens liegt.
„Taizz bleibt das Epizentrum der Krise“, heißt es in einem aktuellen Bericht des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Von dort kämen mehr als 60 Prozent aller Vertriebenen. Viele Familien seien gezwungen, innerhalb der Provinz selbst zu verbleiben, weil sie wegen andauernder Kämpfe, gesperrter Straßen oder Mangel an Transportmitteln und Treibstoff nicht an sicherere Orte gelangen könnten. Die UN-Organisation warnt außerdem, dass sich die Lage der Binnenvertriebenen zunehmend verschärft. Sie seien gezwungen, in schon überfüllten Lagern Unterschlupf zu suchen. Schon vor der jetzigen Gewalteskalation gab es im Jemen laut UN mehr als 5,2 Millionen Binnenvertriebene. Hilfsorganisationen und westliche Diplomaten sagen schon lange, die Budgets seien zu knapp, um die humanitären Herausforderungen zu bewältigen.
„Jetzt wird alles noch schwieriger und teurer“
Diese werden immer größer. „Noch sind fast ausschließlich die Frontgegenden direkt von der eskalierten Gewalt betroffen – aber das muss nicht so bleiben, wenn der Konflikt andauert“, warnt ein Vertreter der Organisation „Civilian Impact Monitoring Project“ (CIMP), die sich mit den Auswirkungen des Konfliktes auf die jemenitische Bevölkerung befasst. Namentlich lassen sich Gesprächspartner der Organisation nicht zitieren; sie hat Quellen vor Ort und agiert diskret, weil ihre Arbeit bisweilen politisch heikel ist. „Aber auch die indirekten Auswirkungen auf die Bevölkerung sind groß, zum Beispiel die Folgen für die schon am Boden liegende Wirtschaft, die immer weiter zum Erliegen kommt“, erklärt der CIMP-Fachmann.

Die Preise würden steigen, weil der Transport von Waren durch das Land wegen des Krieges noch schwieriger geworden sei. Gerade die Checkpoints an den inneren Grenzen des Jemens seien immer schwerer zu passieren, weil es nicht mehr vor allem um Bestechungsgelder gehe, sondern um militärische Kontrolle. Die Importe würden ebenfalls immer komplizierter. Auch die Bewegungsfreiheit der Menschen selbst sei enorm eingeschränkt.
Not und Armut waren schon vor der neuen Eskalation groß im Jemen. Die international anerkannte Regierung, die ihren Sitz in der südjemenitischen Hafenstadt Aden hat, war nicht in der Lage, der Bevölkerung einfache Dienstleistungen wie regelmäßige Stromversorgung bereitzustellen. Und auch im nordwestjemenitischen Herrschaftsgebiet der Huthi herrschte riesiger wirtschaftlicher Überlebensdruck. „Die Bedrohung durch Luftangriffe ist überschaubar, man hört allerdings immer wieder Drohnen am Himmel“, sagt ein Geschäftsmann aus der Hauptstadt Sanaa, in der die von Iran unterstützte Rebellenbewegung seit September 2014 herrscht. „Die Leute können noch ihren alltäglichen Geschäften nachgehen.“
Sorge vor der Indoktrinierung einer gesamten Generation
Doch das wirtschaftliche Leben im Herrschaftsgebiet der Huthi habe schon vor dem Krieg in einer heftigen Krise gesteckt. „Jetzt wird alles noch schwieriger und teurer.“ Die Huthi, die mit harter Hand regieren, hören so etwas nicht gern. Ihnen, so heißt es von mehreren Beobachtern, seien die Kriege der vergangenen Jahre ganz recht gekommen, weil sie von dieser Malaise, einer Schwachstelle ihrer paranoiden Herrschaft, ablenkten.
Ein baldiges Ende der Gewalt scheint nicht in Sicht, und jemenitische Beobachter sehen auf beiden Seiten Kräfte am Werk, die kaum Rücksicht auf das Leid der Menschen nehmen. „Die Zivilbevölkerung ist in diesem Konflikt auf Sicht gefangen“, sagt der CIMP-Vertreter. Ein Jemenit aus den gebildeten Kreisen des Landes, der ebenfalls nicht namentlich zitiert werden möchte, sieht ein langfristiges Risiko des nicht enden wollenden Krieges: die fortdauernde Verrohung der Gesellschaft.
Die Huthi-Rebellen indoktrinierten Kinder und Jugendliche in Sommerlagern mit ihrer radikalen, israel- und amerikafeindlichen Ideologie, sagt der Mann. Und auch in den Reihen ihrer Gegner werde Gefolgschaft statt kritischen Denkens gepredigt. Und Hass anstatt Versöhnung in den vielen alten Konflikten des Landes. „Wir drohen eine ganze Generation junger Menschen zu verlieren, die durch von Gewalt getränkte Ideen radikalisiert wird.“
