
War das noch ein durchsichtiger Trick oder schon kulturelle Aneignung? In jedem Fall erwies sich Markus Söder im wahrsten Sinne des Wortes als Exzentriker, als er eine gedachte Linie durch Deutschlands Mitte zog, nur um festzustellen, dass Bayern dann ja großteils – wo? – im Osten liege.
Söders olympische Dehnübung, nachdem München zum nationalen Bewerber um die Spiele 2036, 2040 oder 2044 gekürt worden war, berührte gleichwohl einen zentralen Punkt: Wie aus dieser Kandidatur, die man mit dem vertrauten Segelpartner von 1972, Kiel, erstmal für eine Retro-Variante aus einer fernen, einfacheren Zeit halten könnte, ein gesamtdeutsches Projekt für die komplizierte Gegenwart werden soll. Eines, das Deutschland eint und womöglich sogar rettet.
So hoch jedenfalls wurde die rhetorische Latte am Samstag in Baden-Baden gelegt, einem Ort, der von Deutschlands Mitte in jeder Hinsicht so weit entfernt ist wie die bundesrepublikanischen Verhältnisse der 1970er Jahre von der Gegenwart.
Was München Berlin voraus hat
Söder, das darf man sagen, nahm beherzt Anlauf. Er wolle nicht nur Spiele für Nord und Süd, für West und Ost, sondern vor allem für die Mitte, egal welcher Couleur. Das sagte er in derart staatsmännischer Manier, dass man gar nicht anders konnte, als auch an Friedrich Merz zu denken, der mit seinem Gratulationsanruf – Söder saß ja auf dem Podium – nicht durchgekommen war.
Und weil Söder, der Ministerpräsident von der CSU, nicht allein da saß, sondern zusammen mit Dominik Krause, dem 36 Jahre jungen Münchner Oberbürgermeister von den Grünen, ergab das ein ziemlich spannendes Doppel, das nun vereint für Deutschland antritt, obwohl es sich – so viel politische Distanz muss sein, selbst wenn man gemeinsam Olympia-Looping auf der Wiesn fährt – noch siezte.
Söder, der mit allen Wassern gewaschene Kopf-Bauch-Politiker (und Gelegenheits-Populist), und Krause, der sachlich-sympathische Politnewcomer von nebenan: Sie können, wenn sie es richtig anpacken, aus der zweitbesten deutschen Kandidatur vielleicht doch noch die beste machen. Weil sie gemeinsam etwas haben, das Berlin, bei aller Geschichte und allen Geschichten, die international konkurrenzlos für Deutschland gestanden hätten, so nicht bieten könnte: eine politische Kraft, von der man zumindest hoffen kann, dass sie etwas in Bewegung bringt.
Argumentationshilfe gegenüber dem Bund
Dafür muss Söder nun beweisen, dass es ihm wirklich um höhere Interessen geht und nicht nur um die eigenen, und dafür muss auch die olympische Botschaft, die in der Baden-Badener Blase so bunt und optimistisch schillerte, draußen bei den Menschen ankommen. Wie das nicht gelingt, konnten die Münchner, wenn auch unter sehr speziellen Bedingungen, in der Hauptstadt selbst studieren.
Der Weg bis zu den Spielen ist jedenfalls noch weit und er wird enormer Anstrengungen bedürfen, nicht zuletzt finanzieller Art. In Berlin unterdessen dürfte sich mancher noch schwarzärgern, nachdem Linke und Grüne ihre Stadt vorzeitig von einer wohl einmaligen Gestaltungschance enteignet haben.
Für die erfolgreichen Bewerber wie für den deutschen Sport ist die politisch-gesellschaftliche Aufladung, die in Baden-Baden auch der Bundespräsident betrieb, nämlich noch an anderer Stelle nützlich: als Argumentationshilfe gegenüber dem Bund. Der kann jetzt gar nicht anders, als voll auf Sieg zu spielen.
Ob sich das am Ende auch wie erhofft auszahlt? Das ist, zugegeben, ungewiss. Aber mit einer besseren Idee muss erstmal jemand kommen.
