Dürre. Versiegende Flüsse, verdurstende Tiere, verdorrende Ernte. Und Demagogen, die für einfache Lösungen werben: Mendelssohns Oratorium „Elias“, mit dessen Aufführung der Figuralchor Frankfurt am 27. September sein sechzigjähriges Bestehen feiert, ist hochaktuell. Das gilt erst recht für die Hauptfigur. „Elias ist kein Held mit weißer Weste“, sagt Chorleiter Paul Leonard Schäffer vor der Probe im Frankfurter Haus der Chöre. Auch der biblische Prophet gerät ins Zweifeln. Und wo er sich seiner Sache sicher ist, ringt er vergeblich um Anerkennung.
Gemeinsam dem nachzuspüren, was Menschen über Jahrhunderte hinweg bewegt hat, wofür sie schon vor langer Zeit einen musikalischen Ausdruck gefunden haben, in dem man sich auch heute noch wiederfindet, all das sei etwas Großartiges, sagt Silke Jennings. Die Studienrätin ist seit zehn Jahren mit dabei, genauso lange wie Chorleiter Schäffer, und engagiert sich im Vorstand des Ensembles als Schriftführerin.
Der „Elias“, der in wenigen Tagen zusammen mit der Deutschen Philharmonie Merck aufgeführt wird, die in dieser Spielzeit ebenfalls ihren 60. Geburtstag begeht, sei vor einem Jahrzehnt ihr erstes Stück gewesen. Nun freue sie sich über die Wiederbegegnung mit dem Werk, zusammen mit Menschen, die sie von Anfang an offen aufgenommen hätten und ihr viel bedeuteten.
Zusammenarbeit voller Wertschätzung
Das wunderbare Gemeinschaftsgefühl, die große Freude, in durchaus harter gemeinsamer Arbeit die Stimmen verschmelzen zu lassen, betont auch Ilham Chaoui. Sie singt seit 24 Jahren mit im Figuralchor, der damals noch von Alois Ickstadt geleitet wurde.
Der 1930 Geborene hatte den Chor 1966 am Hessischen Rundfunk gegründet, als es dort den großen Willen gab, das Singen nach seinem politischen Missbrauch im Dritten Reich wieder neu zu beleben. 2011 übertrug Ickstadt die Leitung an Martin Lücker. Zu Lückers Orgelschülern an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst gehörte der 1987 in Hannover geborene und im dortigen Knabenchor sozialisierte Schäffer, der auch in den Fächern Komposition und Dirigieren einen sehr guten Eindruck machte.

Lücker stellte ihn dem Chor vor. Die Chemie habe auf Anhieb gestimmt, sagt Chaoui, die in anderen Ensembles auch ganz andere Chorleiter kennengelernt hat: „Er ist mit uns allen auf Augenhöhe, hat hohe Ansprüche und eine angenehme Art, sie zu vermitteln, ohne zu überfordern, und schafft mit viel Humor und Wertschätzung eine Atmosphäre zum Wohlfühlen.“ Als Logopädin kennt Chaoui sich gut mit Stimmgesundheit aus und freut sich, wie viel auch Schäffer von ihr versteht. Er könne gut vormachen, was er sich wie vorstelle.
Vor einigen Jahren, sagt Schäffer, habe er noch befürchtet, der Chor sterbe aus. Doch insbesondere über das Harry-Potter-Projekt, bei dem der Figuralchor 2025 zusammen mit der Neuen Philharmonie Westfalen in der Alten Oper die Musik von John Williams zum Film „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ live lieferte, kamen neue junge Sänger hinzu. Sie brachten auch noch Freunde mit in den Chor.

Die Stimmbildung vor der Chorprobe beginnt Katharina Blattmann mit Dehnübungen. Beim Singen achtet sie auf runde Bewegungsabläufe und einen weichen Vokal- und Registerausgleich. Sobald sich etwas zu verfestigen droht, schiebt sie ein Taschenfalten-Knarren zur Entspannung ein. „Wir benutzen auch Thera-Bänder zum Aufbauen von Körperspannung und blubbern mit dem Lax-Vox-Schlauch, um die Stimmlippen zu massieren“, erzählt Schäffer.
In der Probe wirkt die Stimmgebung leicht und natürlich, Gesungenes bewusst durchgestaltet, etwa durch den Wechsel von „sprechenden“ und „schwingenden“ Passagen im Choral „Wer bis an das Ende beharrt“. Dann sorgt der Korrepetitor James Guey mit präsentem Spiel dafür, dass Schäffer die Hände frei hat, um die einzelnen Stimmen sicher durch das polyphone Gewebe des Eingangschors zu führen.
Geprobt wird immer freitags, jeweils von 19 bis 22 Uhr. Nach einer strammen Arbeitswoche bedeutet das für die Sänger oft Überwindung. „Für mich auch“, sagt Schäffer: „Aber dann macht es so viel Spaß, miteinander zu musizieren, dass ich mich hinterher richtig frisch fühle.“ Auch Chormitglieder finden, dass sie nach jeder Probe aufgebaut ins Wochenende starten. Schäffer hört es. Und sagt dann das wohl Schönste, was ein Chorleiter über seine Sängerinnen und Sänger sagen kann: „Ich bin nichts ohne diesen Chor.“
„Elias“, 27. September, 18 Uhr, Heiliggeistkirche im Dominikanerkloster, Frankfurt
