Was wünschen Sie sich als Finanzunternehmer für Deutschland?
Mehr Mut! Uns haben Erfindergeist, Unternehmertum und Freude an der eigenen Leistung den Wohlstand beschert, von dem heute alle zehren. Aber irgendwie scheint da der Schwung raus, wir haben uns selbst viele Steine in den Weg gelegt, manche haben auch die Lust verloren.
Braucht es auch mehr Mut bei der Geldanlage?
Viele Deutsche legen zum Entsetzen von Experten ihr Geld immer noch am liebsten aufs Girokonto oder aufs Sparbuch. Weil sich das für viele Leute sicher anfühlt, obwohl sie dabei zusehen können, wie die Inflation es wegfrisst. Auch Versicherungsprodukte sind deshalb so beliebt, weil sie diesem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis entsprechen. Das Problem ist nur: Diese Anlagen wirken kurzfristig sicher, kommen den Leuten aber langfristig teuer zu stehen. Und ja, daher braucht es mehr Mut bei der Geldanlage!
Dass aus dem Volk der Sparer eins aus Anlegern wird, aus Investoren. Das rentiert sich für die, die ihr Geld investieren – und für jene, die mit diesem Geld in den Unternehmen Forschung und Entwicklung vorantreiben und neue Produkte herstellen können – eine win-win-Situation für alle. Ungefähr ein Fünftel aller Deutschen über 14 Jahren legt Geld an der Börse an.
In Amerika sind sogar zwei Drittel der privaten Haushalte so investiert. Das wäre ein sehr großer Sprung, aber 40 Prozent, eine Verdoppelung, wäre schon wünschenswert. Das von der Regierung beschlossene Altersvorsorgedepot ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Selbst wer nur wenig übrig hatte, sollte die Chance wahrnehmen.
Was braucht es, um die Deutschen von solchen Investitionen zu überzeugen?
Man sollte sich Finanzbildung aneignen. So ein Schulfach wäre toll, aber darauf kann man im föderalen Deutschland lange warten. Doch im Netz gibt es teilweise hervorragende Informationen – es gibt etwa sehr gute Personal Finance-Portale, die Anlagen verständlich erklären können – und in seriösen klassischen Medien sowieso. Der große Erfolg der ETFs hierzulande ist auch damit zu erklären, dass vor 12, 13 Jahren viele Journalisten immer wieder auf diese Anlageform hingewiesen haben. Wir sehen aber, dass sich die heute 20 bis 40-Jährigen deutlich intensiver mit dem Thema beschäftigen als frühere Generationen.
Was müsste der Staat tun?
Stärkere steuerliche Anreize für private Altersvorsorge und Vermögensaufbau setzen. Die private Vermögensbildung wurde aus meiner Sicht immer unattraktiver gemacht, etwa durch die sukzessiv erhöhte Erwerbssteuer bei Immobilien, da sind gleich die ersten 5-6% weg. Zudem waren früher Kapitalerträge für private Geldanleger nach 12 Monaten mal komplett unbesteuert.
Jetzt gibt es die Kapitalertragssteuer. Die ist mit 25 Prozent auf ein leistungsfreies Einkommen immer noch deutlich niedriger als die Steuer auf höhere Arbeits-Einkommen.
Das ist das Argument, genau. Aber da könnte man doch mit großzügigen Freigrenzen von 50 000 oder 100 000 Euro arbeiten, so dass der reiche Erbe, der nur von Erträgen lebt, zahlen muss, die breite Masse, die vorsorgen will, aber nicht.
Viele junge Leute wissen: Die Rente wird nicht reichen und sie erwarten auch nicht, dass es ihnen mal besser gehen könnte als ihren Eltern. Was raten Sie denen?
Auf der Kapitalseite würde ich so früh wie möglich anfangen, selbst kleine Beträge kontinuierlich in ein ETF-Depot zu investieren. Bitte lieber nicht versuchen, oberschlau zu sein und mit Einzelwerten den Markt zu schlagen, da kriegt man eher einen auf die Nase, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Auf der Humankapitalseite würde ich empfehlen, sich nach Firmen umzusehen, die dem Thema KI positiv gegenüberstehen, denn das wird zu erheblichen Umwälzungen führen – mit auch durchaus positiven Effekten im Sinne von Produktivität und Innovation. Viele beklagen, dass sich die Schere in der Bundesrepublik zwischen Armen und Reichen immer stärker öffnet.
Darum geht es im Grunde auch bei meiner Arbeit: Wie funktioniert Teilhabe? Indem ich an den Werten, die geschaffen werden, partizipiere. Das kann jeder, indem er in Unternehmen investiert, etwa durch die erwähnten ETF-Sparpläne. Derzeit sieht es – grob gesprochen – so aus: Die Ärmeren haben nichts, die Mitte versucht es mit Eigenheim oder Wohnung, die Vermögenden haben Aktien. Wir müssen aber viel mehr Leute zu Teilhabern als Anleger machen. Ich bin nicht naiv, das macht nicht jeden zum Millionär, aber besser als mit dem Sparbuch steht jeder da.
Was würden Sie 2036 gerne über die vergangenen zehn Jahre sagen können?
Dass wir unseren Mut wiedergefunden haben und ein Volk von Unternehmern und Investoren geworden sind. Die größten Firmen der Welt wie Apple oder Facebook sind durch Tüftler entstanden, wie es sie in Deutschland früher häufig gab, von Menschen, die einfach mal gemacht haben. Diese Art von Geist wünsche ich mir wieder überall, nicht vor lauter Bedenken, erst gar nicht anfangen. Wenn ich aber zum Beispiel auf die deutsche Start-up-Szene schaue, bin ich sehr optimistisch, dass da noch viel kommen wird.
Erik Podzuweit ist Ko-Ceo und Mitgründer der Investment-Plattform Scalable. Vor der Gründung in München 2014 hat er bei Goldman-Sachs gearbeitet.
Morgen: Teil 12 der Reihe mit Gustav Düsing.

