Der Konflikt um die Deutung des Terrorangriffs auf Israel vom 7. Oktober 2023 und des anschließenden Kriegs in Gaza geht unvermindert weiter. In Deutschland zeigt sich dies unter anderem in der Skandalisierung von Begriffen, die in der internationalen Wissenschaft Teil sachbezogener Debatten sind. Das jüngste Beispiel sind die Vorwürfe gegen die Jurorin des Deutschen Buchpreises, Maha El Hissy. Nachdem El Hissy im Frühjahr in die Jury des Preises berufen worden war, kritisierten mehrere Zeitungsartikel diese Entscheidung, unter anderem in der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Jüdischen Allgemeinen“. Auch der „Tagesspiegel“ berichtete. Stein des Anstoßes war eine Essay-Reihe über palästinensische Literatur, die El Hissy zwischen Sommer 2025 und Frühjahr 2026 in der Zeitschrift „Berlin Review“ veröffentlicht hat. Darin verwendet die Literaturwissenschaftlerin auch die Bezeichnung „Siedlerkolonialismus“ in Bezug auf Israel und dessen Geschichte.
Es ist unter anderem dieser Begriff, der zu den Forderungen nach El Hissys Abberufung geführt hat. Claudius Seidl zeigt sich in der „Süddeutschen Zeitung“ empört darüber, dass El Hissy von einer „vorkolonialen“ Zeit in Palästina schreibe, und prangert eine „postkoloniale Lüge“ an, „wonach Israel eine westliche Kolonie und seine Existenz allein schon ein Unrecht sei“. Daniel Neumann behauptet in der „Jüdischen Allgemeinen“, der Begriff „Siedlerkolonialismus“ gehöre zu einer „Dämonisierungsrhetorik“, die den Judenhass weltweit befeuere.
Hokkaido und die Sami
Doch wie verhält es sich mit diesem Begriff? Die Skandalisierung wird dem Forschungsstand in der Geschichtswissenschaft nicht gerecht. Zunächst lässt sich festhalten, dass Typologisierungen, die von bestimmten Siedlerkolonien ausgehen, ebenso wie der Analysebegriff Siedlerkolonialismus in der allgemeinen Kolonialgeschichte gut eingeführt sind. Über die Anwendbarkeit des Begriffs auf Palästina und Israel kann daher vergleichend diskutiert werden. Als prominente Beispiele für Siedlerkolonialismus gelten Australien, die Vereinigten Staaten und Algerien. Auch über diese bekannten Fälle der Kolonialgeschichte hinaus findet der Begriff Verwendung. Historiker nutzen ihn heute in der Forschung zum japanischen Vorgehen gegenüber der Ainu-Bevölkerung auf Hokkaido ebenso wie bei der Analyse des staatlichen Umgangs mit den Sami im Norden Finnlands.

Die ersten Überlegungen zur Geschichte Israels als Teil einer Geschichte des Siedlerkolonialismus wurden in den Sechzigerjahren angestellt. 1965 veröffentlichte der palästinensische Intellektuelle Fayiz Sayigh ein Buch über „zionistischen Kolonialismus in Palästina“. Knapp zwei Jahre später verfasste der französische Soziologe und Historiker Maxime Rodinson seinen Aufsatz „Israel: fait colonial?“, der später auf Englisch übersetzt als „Israel – a settler colonial state“ ohne Fragezeichen erschien. Rodinsons Arbeit, die keinen direkten Bezug auf Sayigh nimmt, entstand nur wenige Woche vor dem Sechstagekrieg von 1967 als Teil eines Sonderhefts zum Nahostkonflikt der von Jean-Paul Sartre herausgegebenen Zeitschrift „Les Temps Modernes“. Sayigh und Rodinson schrieben über Israel in den Grenzen von 1948 und damit über die Frage, ob der Zionismus ein koloniales Projekt darstelle, noch vor der Besetzung des Westjordanlands, Gazas und der Golan-Höhen sowie der Siedlungspolitik der folgenden Jahrzehnte.

In der Geschichtswissenschaft hat „Siedlerkolonialismus“ in den vergangenen drei Jahrzehnten insgesamt eine breitere Verwendung gefunden. 2005 legten die an der Columbia University tätige Historikerin Susan Pedersen und ihre in Harvard lehrende Kollegin Caroline Elkins in einem von ihnen herausgegebenen komparatistischen Sammelband dar, dass es sich um einen noch relativ wenig benutzten Begriff handele, der aber deutlichen analytischen Mehrwert für historische Forschung biete. Sie definierten Siedlerkolonialismus dabei als eine Vierecksbeziehung zwischen imperialer Metropole, lokaler Kolonialverwaltung, einer indigenen Bevölkerung und einer gut vernetzten Siedlergesellschaft. Da in den Fällen von Israel und Südafrika eine imperiale Strategie und Unterstützung gefehlt hätten, bezeichneten Elkins und Pedersen beide als historische Beispiele für „Siedlerstaaten“ und nicht „Siedlerkolonien“. Andere Historiker lehnen die Bezeichnung „Siedlerkolonialismus“ für Israel strikt ab, da es sich bei der jüdischen Bevölkerung des Völkerbundsmandats für Palästina und des späteren Staates Israel um Geflüchtete gehandelt habe, die grundsätzlich nicht mit kolonialen Siedlergesellschaften vergleichbar seien.
Es fehlt das imperiale Mutterland
Vor wenigen Monaten haben die beiden an der Tel-Hai-Universität in Israel tätigen Historiker Amir Goldstein und Elad Nahshon noch einmal das Für und Wider dieses Begriffs abgewogen. In einem Artikel, der im angesehenen „Journal of Imperial and Commonwealth History“ erschienen ist, plädieren sie für eine stärkere Historisierung des Verhältnisses zwischen Zionismus und Siedlerkolonialismus. Goldstein und Nahshon untersuchen in ihrer Studie die rechtsgerichtete paramilitärische Organisation Irgun, die von 1931 bis 1948 existierte, und den Revisionistischen Zionismus unter Zeev Jabotinsky. Sie betonen, dass vor allem zwei Kriterien den Zionismus von klassischen Beispielen des Siedlerkolonialismus unterscheiden: das Fehlen der Verbindung zu einer imperialen Metropole als Heimatland und der Bezug des Judentums zum Land Israel, der lange vor dem Zionismus existierte.
Gleichzeitig verweisen die beiden Historiker auf Vergleiche, die Jabotinsky zu anderen kolonialen Siedlergesellschaften, etwa in Südrhodesien und Kenia, zog. Jabotinsky habe die Vorstellung einer Partnerschaft mit dem britischen Empire bis zu seinem Tod im August 1940 nie aufgegeben. Ebenso führen Goldstein und Nahshon verschiedene Dokumente des Irgun an, die bis in die Vierzigerjahre hinein koloniale Siedlergesellschaften als Vorbilder nannten. Erst um 1945, so die Autoren, kam es zu einer klaren anti-imperialen Wende im Irgun, in deren Verlauf die Betonung jüdischer Indigenität die Identifikation mit Siedlergesellschaften ablöste.

Goldstein und Nashon heben immer wieder die Grenzen ihrer Untersuchung hervor. Sie betonen, dass der Irgun und der Revisionistische Zionismus nur eine und zu diesem Zeitpunkt nicht die dominante Strömung innerhalb des Zionismus darstellten. Ebenso geht es ihnen nicht um die Klärung der Frage, ob der Zionismus als solcher die Kriterien des Siedlerkolonialismus erfüllt. Vielmehr fokussieren die beiden Historiker auf die Selbstidentifikationen mit kolonialen Siedlergesellschaften innerhalb des rechten Zionismus während eines begrenzten Zeitraums vor der Staatsgründung Israels. Doch gerade in solchen differenzierten Darstellungen wird deutlich, dass der Begriff „Siedlerkolonialismus“ in Bezug auf Israel nicht einfach als „postkoloniale Ideologie“ abgetan werden kann. Keine Frage: Der Begriff ist umstritten, auch in der Geschichtswissenschaft. Gleichzeitig ist er jedoch Teil einer sachlich geführten wissenschaftlichen Debatte.
In den Einwänden gegen die Verwendung des Begriffs in Deutschland zeigt sich somit mehr als bloße Kritik in der Sache. So wie jetzt im Fall El Hissy wird die Verwendung des Begriffs pauschal als antisemitische Aussage abgetan, ohne dass die differenzierten Einsichten der Geschichtswissenschaft eine Rolle spielen. Es verhält sich dabei ähnlich wie mit dem Begriff Genozid, ein weiteres Wort, dessen Verwendung El Hissy vorgeworfen wird. Obwohl im Völkerrecht in der Sache diskutiert wird, ob das israelische Vorgehen in Gaza den Tatbestand des Genozids erfüllt, ist es gängig, diesen Begriff als eindeutigen Nachweis für antisemitische Rhetorik einzuordnen. Natürlich lassen sich Einwände gegen Begriffe wie Siedlerkolonialismus und Genozid in Bezug auf Israel formulieren. Zu suggerieren, dass diese Begriffe jeder Sachebene entbehren und sich außerhalb des wissenschaftlich Diskutierten bewegen, ist jedoch falsch. Letztlich droht eine solche Position den sachlichen Streit und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt insgesamt negativ zu beeinflussen. Auch darin liegt eine der Gefahren unserer Zeit.
