Die Reiseziele, die sich Dennis und Jasmin Raue regelmäßig heraussuchen, klingen nicht nach Ruhe und Entspannung. Im Gegenteil. Dort, wo es sie hinzieht, ist es laut und trubelig. Das Ehepaar fliegt nicht an die schönsten Strände der Welt, sondern besucht die größten Kirmessen des Landes. In diesem Jahr haben sie die Dippemess in Frankfurt angesteuert. Denn die Raues haben ein außergewöhnliches Hobby: Sie bauen Kirmesmodelle.
Und damit ihre kleinen Modelle den großen Originalen möglichst ähnlich sehen, versuchen sie möglichst viel Zeit vor Ort zu verbringen, um die Fahrgeschäfte bis ins kleinste Detail zu studieren. Geweckt wurde die Leidenschaft des Ehepaares eher zufällig beim klassischen Modellbau im heimischen Keller in der Nähe des schleswig-holsteinischen Bad Segeberg. Seit 20 Jahren werkeln sie dort an ihrer Modelleisenbahnanlage im Maßstab 1:87 herum. Vor 14 Jahren erweiterten sie die Anlage um ein Riesenrad eines bekannten deutschen Modellbauherstellers. „Wir sind dann extra nach Bad Dürkheim gefahren und haben uns mit dem Schausteller verabredet, um uns das Riesenrad in echt anzusehen“, sagt Raue. So konnten sie auch Details wir Blumentöpfe und andere Dekorationen perfekt nachbilden. „Das sah richtig toll aus, aber keine Kirmes besteht nur aus einem Riesenrad“, sagt Dennis Raue. Sie wollten den Rummelplatz erweitern, stießen aber bald an die Grenzen des Sortiments auf dem Markt.

2022 kamen sie dann auf die Idee, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie kauften sich eine programmierbare Fräse. Mehr als eintausend Euro haben sie dafür investiert. „Ich hatte vorher noch nie eine CNC-Fräse bedient“, erinnert sich Dennis Raue an die Anfänge. Und sie schrieben Schausteller an, die ihrer Ansicht nach interessante Fahrgeschäfte oder auch Stände betreiben. Den ersten Stand, den sie nachbauten, war das Spielgeschäft „Fliegende Frösche“ – ein Geschicklichkeitsspiel mit Kultstatus. Dennis Raue, der in seinem beruflichen Alltag nur wenig filigran arbeiten muss, erinnert sich noch gut an die ersten Versuche, den Stand maßstabsgetreu nachzubilden. „Das war learning by doing“, sagt Raue, der hauptberuflich Unternehmen beim Energieeinkauf berät. Ehefrau Jasmin brachte schon ein bisschen mehr Routine im Umgang mit Skizzen, Plänen und Maßeinheiten mit. Sie arbeitet als Bauzeichnerin.
Aus den ersten Versuchen ist längst ein kleines Geschäftsmodell geworden. Die Raues bieten inzwischen auf ihrer eigenen Website zehn Modellbausätze zum Kauf an. „Wir bauen die Modelle für uns. Aber wenn man sich die Arbeit macht, kann man die auch an andere Kirmes-Enthusiasten weitergeben“, sagt Dennis Raue.
Aus dem Keller in die deutsche Kirmes-Welt
Für ihr neustes Modell, das den Namen „Pool Party“ trägt, sind die Raues kürzlich nach Frankfurt gereist. Ihr Ziel: die Dippemess. Hier haben sie den Besitzern des großen Originals, der Familie Weinheimer, eine kleine Kopie ihres Fahrgeschäfts übergeben. Immer einer der schönsten Momente für das Ehepaar, ist es doch der Abschluss oft monatelanger Tüftelarbeit. In der „Pool Party“ sitzen die Fahrgäste in einer Art Boot, das durch zwei Arme nach oben, unten, vorne und hinten katapultiert werden kann. Vor zwei Jahren hatten die Raues erstmals Kontakt zu Schaustellerfamilie Weinheimer aufgenommen und gefragt, ob sie ihr Fahrgeschäft nachbauen dürften. „Da geht es auch immer um Marken- und Nutzungsrechte.“ Die Schaustellerfamilie war einverstanden.
Als die Weinheimers das Fahrgeschäft das nächste Mal aufbauten, waren die Modellbauer mit dabei. „Wir fotografieren jedes Detail, wir nehmen die Farben mit einer Farbkarte ab und wir messen jedes Teil aus.“ Zu Hause bearbeitet Dennis Raue die Fotos so, dass aus ihnen Selbstklebefolien werden können. Jasmin Raue zeichnet gleichzeitig das Fahrgeschäft auf dem Computer. „Wenn wir merken, uns fehlt etwas, fahren wir noch mal zum Schausteller“, sagt Dennis Raue. Insgesamt dreimal haben die Raues den Aufbau der „Pool Party“ begleitet: auf der Kieler Woche, dem Schützenfest Hannover und dem Hamburger Dom.
„Während des Zeichnens überlegt man sich, wo die Technik eingebaut werden kann“, sagt Jasmin Raue. Denn auch wenn das Modell von außen möglichst genauso aussehen soll wie das Original – die Technik verteilt sich darin ganz anders. „Wir brauchen die Freiheit, auch etwas abweichen zu dürfen, damit es funktioniert.“ Die Rückwand des „Pool Party“-Modells ist beispielsweise dicker, als sie maßstabsgetreu wäre, damit Zahnräder in ihr versteckt werden können.

„Wir haben mehrere Möglichkeiten durchgespielt, wie die Bewegung weitergeleitet wird“, sagt Dennis Raue. Oft gehe es um millimetergenaues Arbeiten und Planen. Am Abendbrottisch säßen sie oft zusammen und überlegten, wie die beste Lösung aussehen könne, erzählt Dennis Raue. Die Abweichungen dürfen nicht zu groß sein. Aus den Zeichnungen werden Pläne, nach denen die CNC-Fräse einzelne Teile aus Polystyrol-Platten fräst. Fünf Prototypen stellten sie im Falle des Fahrgeschäfts Pool Party her, bis sie mit allem zufrieden waren.
Bauteile, die nicht aus einer Polystyrol-Platte hergestellt werden können, geben die Modellbauer in Auftrag. Sie werden von einem 3D-Drucker gefertigt. Die knallpinken Schwimmringe in Schwanenform, die sich auf dem Dach des Fahrgeschäfts befinden, sind genau solche Bauteile. Zu der genauen Nachbildung des Originals gehört für die Raues auch die Programmierung des Fahrtenverlaufs. Die Modellbauer haben dafür das Fahrgeschäft bei mehreren Fahrten aufgenommen, die Fahrweise studiert und nachprogrammiert. Das kleine Fahrgeschäft kann zwischen mehreren Programmen wechseln – genau wie das große Original.
Wo Volksfeste beliebt sind, werden sie auch nachgebaut
Die meisten Bestellungen erreichen das Ehepaar, das auch Bausätze im Maßstab 1:160 anbietet, aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg. Volksfeste seien in diesen Regionen des Landes verbreiteter, das spiegle sich auch im Modellbau wider, sagt Dennis Raue. „Hier ist die Szene sehr stark. Bei uns in Schleswig-Holstein nicht.“ Ein wichtiger Faktor, damit sich ein Modell gut verkaufe, sei die Bekanntheit eines Fahrgeschäfts, wie Dennis Raue sagt. „Jeder baut, wofür sein Herz schlägt. Im Norden baut man vielleicht eher Küsten nach.“ Das Herz der Raues schlägt aber für die Kirmes.
Die meisten ihrer Kunden seien, ebenso wie die Raues, begeisterte Kirmesbesucher und versierte Modellbauer. Bei einigen sei die Kirmes aber auch nur Teil der Modelleisenbahnlandschaft. Aber es geht auch umgekehrt. „Etliche bauen auch nur Kirmessen, ohne Modellbahn“, sagt Dennis Raue. Ein Trend, den mittlerweile auch andere erkannt haben. „Auf der Intermodellbau in Dortmund gab es eine eigene Halle für Kirmes-Modellbau“, berichtet Dennis Raue, der dort erstmals das neueste Modell, „Pool Parrty“, einem größeren Publikum präsentierte. Die Messe sei fast wie ein Familientreffen. In der Szene gebe es ein gutes Miteinander, man unterstütze sich gegenseitig. „Damit habe ich vorher nicht gerechnet.“
Das Fahrgeschäft „Pool Party“ nachzubauen, hat das Ehepaar oft vor große Herausforderungen gestellt. Sie gemeinsam gemeistert zu haben, motiviert die Raues. Sie sind schon wieder auf der Suche nach dem nächsten Fahrgeschäft, am besten mit Kultcharakter, das sie nachbauen können. „Es schwirrt uns vieles im Hinterkopf herum“, sagt Dennis Raue, der die Projekte mit Bedacht wählt. Schließlich gehe es auch um die Realisierbarkeit. Manch ein Modell scheitere auch an der Physik, sagt er. Die bekannte Achterbahn „Olympia-Looping“, die aktuell beispielsweise auf dem Münchener Oktoberfest steht, so nachzubauen, dass die kleinen Fahrwagen die fünf Loopings hintereinander schaffen, sei nicht möglich. „Der Schwung des Fahrzeugs wäre zu gering und die Schwerkraft zu stark.“ Im Original sitzt der Antrieb in den Fahrzeugen selbst, im Modell im Maßstab 1:87 wären die Fahrzeuge zu klein, um darin einen Antrieb zu verstecken. Noch hat kein Modellbauer eine Lösung für das Problem. Aber genau solche kniffeligen Aufgaben sind ein Ansporn für das Paar. „Man denkt immer: Irgendwie müsste es doch funktionieren.“
