Der berittene Krieger ist gut zu erkennen. Mit einem Speer in der hocherhobenen Rechten scheint er auf etwas einzustechen, vielleicht einen am Boden liegenden Feind. Links vor ihm, an der dem Betrachter zugewandten Seite seines Pferdes, ist ein Schild befestigt. Dieses Bild ist in eine tönerne Öllampe eingeprägt, die in einem Innenhof des Höchster Bolongaropalastes auf einem Tisch steht.
Genauso wie weitere an diesem Vormittag präsentierte Funde, darunter Tongeschirr und Lanzenspitzen, wurde sie vor 25 Jahren ganz in der Nähe bei Ausgrabungen des Frankfurter Denkmalamts entdeckt: Überbleibsel eines neun Hektar großen Militärlagers, das römische Soldaten hier vor zwei Jahrtausenden im Auftrag Roms errichtet haben. Wie dieses Lager auf einem Geländesporn hoch über dem Main neueren Forschungen zufolge ausgesehen haben mag und warum es überhaupt entstand, kann jetzt in einer umfangreichen zweiteiligen Publikation nachgelesen werden.
Denn wie Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig (SPD) bei der Vorstellung der neuen Bände der Schriftenreihe des Archäologischen Museums Frankfurt sagt: „Ein archäologischer Fund erzählt seine Geschichte nicht von selbst“ – auch dann nicht, kann hier hinzugefügt werden, wenn wie im Falle der Öllampe Zweck und Dekoration eine klare Sprache sprechen. Um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, ist es nötig, jede Einzelheit zu erfassen, den historischen Hintergrund und Vergleichsfunde einzubeziehen sowie etwa die Naturwissenschaften zurate zu ziehen.
Mit diesem Anspruch sind die in den Jahren 2001 und 2002 und auch 2014 im Umfeld des Bolongaropalastes geborgenen römerzeitlichen Metall- und Tonrelikte, die vielen Pflanzenreste, Muscheln und Tierknochen sowie Fragmente aus Bein, Horn und Glas, die Überreste von Straßenzügen, Gebäuden, einer Umwehrung sowie etwa Schmiede- und Töpferöfen in aller Ausführlichkeit beschrieben worden.
„Logistikzentrum“ für die römische Expansion
Allerdings kommen römische Hinterlassenschaften in Frankfurt an vielen Stellen zum Vorschein, man denke nur an den Hauptort der Civitas Taunensium, Nida im Stadtteil Heddernheim. Warum also sind antike Funde aus Höchst es wert, auf 616 Buchseiten in knapp 20 Kapiteln, mit mehr als 100 Abbildungen, 46 Tabellen und zahlreichen Kartenausschnitten sowie in einem extra Katalogteil vorgestellt zu werden? „Weil es sich um einen Forschungsgegenstand von internationaler Bedeutung handelt“, sagt Hartwig. „Hier hat sich Weltgeschichte abgespielt.“

Worin diese Historie bestand, erklärt Peter Fasold, ehemaliger Kustos für die Römerzeit im Archäologischen Museum Frankfurt. Gemeinsam mit der Leiterin des Frankfurter Denkmalamts, Andrea Hampel, ist er Herausgeber der Publikation. Vom Jahr zehn vor Christus an haben die Römer auf dem Plateau über der Mündung der Nidda in den Main, in der Nähe von nord- und ostwärts führenden Fluss- und Landwegen ein Kastell errichtet. Von diesem „Logistikzentrum“ aus habe, so Fasold, die Eroberung der rechtsrheinischen germanischen Gebiete ausgehen sollen. Auch die wenig später errichtete Römerstadt bei Lahnau-Waldgirmes im Lahn-Dill-Kreis, zu deren Überresten der auf der Saalburg ausgestellte vergoldete Pferdekopf einer antiken Reiterstatue gehört, sieht er als Teil dieser Eroberungsstrategie an. Doch dann habe Rom seine Politik geändert. Um das Jahr 15 nach Christus haben die Römer das heutige Höchst, offenbar planvoll, wieder verlassen. Ein Jahr später wurde auch Waldgirmes geräumt.
Älteste bekannte Präsenz der Römer im Stadtgebiet
Die Gründe mögen vielfältig sein. Auf jeden Fall spielt Fasold zufolge dabei der Tod des römischen Feldherrn Drusus, eines Stiefsohns von Kaiser Augustus, nach einem Germanenfeldzug eine Rolle. Auch die Niederlage der Römer und der Verlust von drei ihrer Legionen bei der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr neun nach Christus könnte weitreichende Folgen gehabt haben. Die Hinterlassenschaften der Römer in Höchst – die oben geschilderten Funde sowie ein riesiges Konvolut aus jüngeren und aktuellen, noch nicht publizierten Grabungsergebnissen des Frankfurter Denkmalamts an diesem Ort – stammen aus der Ära von Augustus, der, in eine Münze geprägt, das Cover der neuen Publikation schmückt. Damit stehen die Funde aus dem wohl auch zivil genutzten Kastell in Höchst für die älteste derzeit bekannte Präsenz der Römer auf Frankfurter Stadtgebiet. Erst um 70 nach Christus begannen sie dann, hier abermals eine Rolle zu spielen.
Die antike Vergangenheit von Höchst sei zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts bekannt gewesen, sagt der Direktor des Archäologischen Museums, Wolfgang David, bei der Buchpräsentation. „Doch waren im dicht bebauten Höchster Stadtgebiet lange Zeit nur kleinere Sondagen möglich.“ Erst 2001 und dann 2014 konnten größere Flächen untersucht werden, die ein aussagekräftiges Bild entstehen ließen. „Daraus“, so David, „entstand ein gemeinsames Forschungsprojekt von städtischem Denkmalamt und Archäologischem Museum.“ An diesem Vorhaben waren Hartwig zufolge unter anderen die in Frankfurt beheimatete Römisch-Germanische Kommission, das Deutsche Archäologische Institut, die Goethe-Universität und einzelne Spezialisten beteiligt. Die Stadt Frankfurt habe das Buchprojekt finanziell unterstützt, trage sie doch eine Verantwortung für die Bewahrung und Erforschung ihres historischen Erbes.
Einer der vielen interessanten Aspekte des römischen Höchst ist das offensichtlich friedliche Nebeneinander von Einheimischen und Besatzern. Das legen Keramikfunde nahe, wie sie neben der Öllampe präsentiert werden: dickwandige handgeformte, mit Kammstrichen verzierte germanische Scherben, die sowohl in einer Siedlung in Nied als auch im Höchster Kastell gefunden wurden. Die große Ausdehnung diese Anlage, die an der konkreten Geländesituation orientiert sei, erklärt sich Fasold zufolge auch dadurch, dass hier bis zu 20.000 Mann, Soldaten und Hilfstruppen, stationiert gewesen seien. „Und die mussten alle versorgt werden.“ Möglicherweise trafen hier Welten aufeinander, die der Einheimischen und die der römischen Zivilisation. Davon erzählen zwei mit der Töpferscheibe hergestellte Teller feinen rötlichen, Terra sigillata genannten römischen Tafelgeschirrs.
Peter Fasold und Andrea Hampel (Herausgeber): „Forschungen zum römischen Höchst, Stadt Frankfurt am Main“, Schriften des Archäologischen Museums Frankfurt 23/2 und 23/3, Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2026, 616 Seiten, 50 Euro.
