Aus heiterem Himmel kam dieser Erfolg gewiss nicht. So wie nichts aus reinem Zufall geschieht im Ausdauersport, wo glückliche Umstände mal eine Rolle spielen können beim Ausgang eines Rennens, aber nie allein über Sieg oder Niederlage entscheiden. Einen Fluke gibt es im Snooker, wenn eine Kugel als unvorhergesehener Glückstreffer ins Loch fällt – aber nicht im Radsport.
Und trotzdem sprach Franziska Koch zu Wochenbeginn in Montreal bei der Weltmeisterschaft schnell wieder über Erwartungen, die sie übertroffen hatte: „Ich glaube, ich habe andere noch mehr überrascht als mich selber“, sagte die deutsche Radsportlerin der ARD nach ihrer Bronzemedaille im Einzelzeitfahren.
So läuft das nun schon eine ganze Weile: Bei Franziska Koch folgt eine vermeintliche Überraschung auf die nächste. Bis wirklich alle verstanden haben, dass der verlässliche und kraftvolle Tritt in die Pedale dieser Frau eher zu den vorhersehbaren Ereignissen zählt.
„Unser Ziel ist und bleibt eine Medaille“
Es ist bisher Kochs großes Jahr. Seit die Sechsundzwanzigjährige zum Spitzenteam FDJ United-Suez gewechselt ist, läuft es blendend. Im April gewann sie als erste Deutsche den Klassiker Paris–Roubaix. Danach fuhr sie weitere Topergebnisse ein. Ende Juni gewann Koch zum dritten Mal in Serie das Straßenrennen bei der deutschen Meisterschaft und sicherte sich zum ersten Mal auch im Einzelzeitfahren Platz eins, weshalb man schon ahnen konnte, dass es in dieser Disziplin in Montreal für sie ebenfalls weit gehen könnte.
Doch das Rennen der Frauen am Samstag dürfte nicht minder interessant werden – vor allem aus Sicht der Deutschen, die Großes vorhaben: „Wir haben eine Mannschaft, die flexibel ist, und das werden wir sicherlich nutzen“, sagt Frauen-Bundestrainer André Korff: „Unser Ziel ist und bleibt eine Medaille. Ich denke, das sollte auch unser Anspruch sein.“
Koch ist Teil eines Teams, das große Klasse verkörpert: Mit Antonia Niedermaier steht die Gesamtzweite des Giro d’Italia und Gewinnerin der Nachwuchswertung bei der Tour de France am Start. Sie ist wie Liane Lippert eine Fahrerin, die gut über die Berge kommt. „Es ist auf jeden Fall eine anspruchsvolle Strecke“, sagt Niedermaier: „Aber wir sind auch wirklich ein gutes Team hier. Ich denke, wir sind alle gut bergfest und können einen Unterschied machen.“
Viel Selbstbewusstsein
Wie weit es für Koch gehen kann, wird auch davon abhängen, wie hart dieses Rennen gefahren wird. Schafft sie es mit den Spitzenleuten über die Anstiege, ist sie als endschnellere Fahrerin in einer guten Position für das Podest. 180 Kilometer mit 2570 Höhenmetern müssen überwunden werden. Der Klassikerspezialistin Koch, die ein „definitiv hartes Rennen“ erwartet, ist das in der jetzigen Form zuzutrauen. „Es ist wie ein Klassiker-Kurs. Ich erwarte ein Ausscheidungsfahren“, prognostiziert Teamkollegin Lippert: „Und ich glaube, dass wir die Mannschaft dafür haben.“
Was auffällt beim deutschen Team, ist die Art und Weise, wie klar die Ziele kommuniziert werden: So sprechen Fahrerinnen, die Selbstbewusstsein haben. Liane Lippert war lange die Frontfrau des deutschen Frauen-Radsports. Inzwischen hat sie Gesellschaft bekommen. Von Niedermaier. Und von Koch, die sich nach ihrem Sieg bei Paris–Roubaix im Sommer nicht zu schade war, sich während der Tour de France in den Dienst ihrer Kapitänin und späteren Siegerin Demi Vollering zu stellen. Die Niederländerin zählt auch am Samstag wieder zu den größten Favoritinnen in einem Starterfeld voller Sieganwärterinnen – wird aber gewiss nicht den Fehler machen, Koch und die Deutschen zu unterschätzen.
Wie es also ausgehen könnte, lässt sich kaum sagen. Zumindest im vergangenen Jahr war die WM der Frauen auch für eine echte Überraschung gut. Damals gewann Magdeleine Vallières aus Kanada das Straßenrennen, das bei einer Weltmeisterschaft chaotischer abläuft als bei anderen Terminen im Jahr, weil die Fahrerinnen keine sportliche Leitung über Funk im Ohr haben und es die gewohnten Helferstrukturen aus den Teams nicht gibt.
Wie unerwartet dieser Sieg von Vallières kam, verdeutlicht auch ein Blick auf die aktuellen Ergebnislisten: An keinem ihrer 42 Renntage in diesem Jahr schaffte es die Weltmeisterin – wie schon 2025 vor dem WM-Rennen – auf das Podest. Bei den interkontinentalen Titelkämpfen in der Heimat wird die Fünfundzwanzigjährige an diesem Samstag trotzdem wieder starten. Noch mal weit vorn zu landen, trauen ihr wohl die wenigsten zu. Bei Franziska Koch ist das anders. Ein Sieg von ihr ist nicht unbedingt zu erwarten. Es wäre aber auch keine Überraschung mehr.
