
Das Goethe-Institut ist eine prestigeträchtige Institution, die „weltweit die deutsche Sprache und den internationalen Kulturaustausch“ fördert, so die Selbsteinschätzung. Es wird mit knapp 230 Millionen Euro vom Auswärtigen Amt finanziert, hinzu kommen eigene Einkünfte etwa aus Sprachkursgebühren. Es ist das Aushängeschild Deutschlands für Sprache und Kultur auf der internationalen Bühne. Man sollte meinen, dass man dort als Schriftstellerin an der richtigen Adresse ist.
Was die Mitarbeitenden vor Ort angeht, stimmt das auch in den allermeisten Fällen. Die sind engagiert, hilfsbereit, zugewandt. Blickt man allerdings auf die Arbeitsbedingungen, ist eine solche Annahme weit gefehlt. Offensichtlich geht man in der Zentrale des Goethe-Instituts davon aus, dass Kulturschaffende entweder gar kein Geld brauchen oder auch nach Jahrzehnten Berufserfahrung wie Werkstudenten zu entlohnen sind. Ach, nein, Werkstudenten bekommen ja zumindest einen Mindestlohn. Das ist beim Goethe-Institut oft genug für auftretende Künstler nicht drin.
Glück gehabt: Der Mindestlohn ist für Freiberufler auch nicht gesetzlich verpflichtend. Wohl auch deshalb hat vor zwei Jahren die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth eine Rahmenrichtlinie für Mindesthonorare erlassen, die freiberuflichen Kulturschaffenden zu zahlen sind, wenigstens von Institutionen, die von Steuergeldern leben. Doch auch daran orientiert sich das Goethe-Institut nicht.
Genügt es schon, dass Kultur nicht staatlicher Zensur unterworfen ist?
Kürzlich wurden mir für rund dreißig Stunden Arbeitsaufwand 250 Euro angeboten. Das sind 8,33 Euro pro Stunde, sechzig Prozent des Mindestlohns. Natürlich, als Freiberuflerin trage ich meine ökonomischen Risiken, niemand hat mich dazu gezwungen, diesen seltsamen Beruf zu ergreifen. Aber bei einer Dienstleistung, für die ich angefragt werde, erstaunen mich solche Angebote dann doch. Ein Lieferando-Fahrer erhält knapp das Doppelte, plus Trinkgeld, und auch bei ihm würde ich nicht von fairer Bezahlung sprechen. Das Goethe-Institut unterschreitet so großzügig selbst die Entlohnungen prekärster Jobs, dass ich mich frage, ob die Bezahlung von Autorinnen auch der Wertschätzung entspricht, die eine der prestigeträchtigsten deutschen Kultureinrichtungen der Kultur entgegenbringt.
Was soll’s, kann man sich sagen, unseren Goethe haben wir ja schon. Das Goethe-Institut ist nicht dazu da, heutigen Kulturschaffenden einen roten Teppich auszurollen oder sie für Auftritte mit Reichtümern zu überschütten. Das ist wahr. Doch sollte man von einer Institution, die 230 Millionen jährlich aus Steuermitteln erhält, erwarten dürfen, dass sie Menschen so bezahlt, dass die davon leben können. Zumindest schlecht, wenn schon nicht recht.
Als freiberufliche Schriftstellerin bin ich leider auch auf Auftrittshonorare angewiesen, und das gilt für andere noch mehr als für mich. Die Wenigsten in meiner Zunft können sich rein marktwirtschaftlich über den Buchverkauf finanzieren. Es ist ohnehin eine seltsame Logik, dass wir in Deutschland zwar Wissenschafts- und Kunstfreiheit im Grundgesetz in einem Atemzug nennen, aber doch etwas ganz anderes darunter verstehen. Wissenschaft soll selbstverständlich staatlich finanziert sein, sonst wäre ihre Freiheit in Gefahr, bei Literatur aber genügt es, wenn sie nicht staatlicher Zensur unterworfen ist. Da haben wir wieder den schönen Unterschied zwischen positiver und negativer Freiheit. Kaum jemand stößt sich daran.
Wer Exzellenz in der Kunst erwartet, muss sich das auch etwas kosten lassen
Nun bin ich die Letzte, die eine Verbeamtung von Schriftstellern für eine brillante Idee hielte oder meint, für den Lebensunterhalt von Autorinnen sei umfassend der Staat zuständig. Aber zum einen muss man sich überlegen, ob deutschsprachige Literatur wirklich nur jene sein soll, die sich massentauglich gibt, oder ob es auch einen intellektuellen Anspruch geben darf, wie man ihn sich in der Wissenschaft leisten darf. Dort wird gern von Exzellenz gesprochen.
Wenn man die auch in der Kunst will, kann man Arbeit nicht auf einem Niveau bezahlen, das auf dem meines ersten Jugendjobs als Zeitungsausträgerin liegt. Zum anderen und ganz bodenständig gefragt: Wenn eine deutsche Institution einen Handwerker bestellt, weil eine Sicherung durchgebrannt ist, muss sie diesen nicht angemessen bezahlen? Es ist nicht erklärlich, warum das bei jenen Dienstleistungen, mit denen das Goethe-Institut öffentlich wirbt, nicht der Fall sein sollte.
Wie viel ist Deutschland Kultur wert? Das einstige Land der Dichter und Denker ist heute das der Ingenieure, Facharbeiter und Beamten. Fair enough, Zeiten ändern sich. Aber ist das Goethe-Institut mit so einer Politik noch eine Kulturinstitution oder doch eher eine staatlich subventionierte Sprachschule und ein Reiseveranstalter für alle, die nicht von ihren Auftritten leben müssen? Wenn dem so ist, sollte man es zumindest zugeben. Kein Geld für Kultur meint dann auch keine Kultur.
Nora Bossong ist Schriftstellerin und vielfach preisgekrönt. In der kommenden Woche erscheint ihr Plädoyer „Welt mit anderen Mitteln – Für mehr Glauben in erschöpften Zeiten“ (Kösel Verlag).
