Anand begrüßt ihren Gast am Freitagmittag auf Deutsch und sagt dann, Ministerpräsident Mark Carney habe gerade im EU-Parlament in Straßburg die Vertiefung der Beziehungen zu Europa angekündigt. Für ihr Land stehe dabei Deutschland im Zentrum: handelspolitisch, sicherheitspolitisch und auch mit Blick auf die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste. Dann fügt sie hinzu, die Beziehungen zu Deutschland hätten für sie auch eine persönliche Dimension. Die Tochter indischer Einwanderer hat Deutsch studiert. Zudem leben enge Verwandte in Deutschland.
Wadephul macht sodann deutlich, warum die Vertiefung der Beziehungen dringlich ist: Man lebe in einer Zeit, in der „Gewissheiten schwinden und alte Abhängigkeiten zu neuen Verwundbarkeiten“ führten. Der Name Donald Trump fällt nicht. In einer solchen Situation, sagt der Deutsche auf seine Gastgeberin blickend stattdessen, sei es gut, zu wissen, auf wen man sich verlassen könne.
Rubio fehlt bei Treffen der G-7-Außenminister
Die Reise Wadephuls nach Ottawa war schon länger geplant. Der Deutsche und die Kanadierin sehen sich häufig; auch war der Außenminister im vergangenen Jahr schon beim G-7-Außenministertreffen auf der kanadischen Seite der Niagara-Fälle. Doch ein Antrittsbesuch in Ottawa stand aus. So nahm er die Reise zur UN-Generaldebatte in New York zum Anlass für einen kurzen Abstecher nach Kanada. Der Zeitpunkt stand also in keinem Zusammenhang mit dem Besuch Carneys Mitte September in Straßburg, wo dieser und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angesichts von Trumps Abkehr von den westlichen Verbündeten eine Vertiefung ihrer Beziehungen verkündeten. Nun freilich stand der Schritt im Zentrum der Gespräche.
Wadephul und Anand hatten dieser Tage die amerikanische Gleichgültigkeit noch einmal deutlich zu spüren gekommen. Außenminister Marco Rubio, eigentlich derjenige in der Trump-Regierung, der noch am ehesten die Interessen der westlichen Verbündeten im Auge hat, fehlte beim Treffen der G-7-Außenminister am East River, was Diplomaten bei allem Verständnis für den dichten Terminkalender Rubios, der auch Trumps Nationaler Sicherheitsberater ist, enttäuscht als Desinteresse werteten.
„Toughe“ Verhandlungen mit Kanada über U-Boot-Deal
Kanada, das von Trump mit einem Handelskrieg überzogen wird, reagiert auf die neue Lage mit einer Mittelmächte-Strategie. Das hat Anand schon am Donnerstagabend hervorgehoben, als sie nach der Ankunft Wadephuls die Residenz des deutschen Botschafters in Ottawa besuchte, in dessen Garten sowohl (etwas verfrüht) der Tag der Deutschen Einheit als auch 75 Jahre deutsch-kanadische Beziehungen gefeiert wurden – im Oktoberfeststil: Die beiden Minister, ausgestattet mit Schürzen, stachen gemeinsam ein Bierfass an. Botschafter Matthias Lüttenberg verwies schmunzelnd auf das Logo zum diplomatischen Jubiläum, das eine Verschmelzung eines Ahorn- und eines Eichenblattes zeigt.

Wadephul hob schon im Botschaftergarten die Bedeutung der neuen Verteidigungspartnerschaft mit Kanada hervor – angesichts „einer schwierigen geopolitischen Umgebung“. Kanada hatte kürzlich dem deutschen U-Boot-Bauer Thyssenkrupp Marine Systems den Zuschlag für den Bau der neuen kanadischen U-Boot-Flotte erteilt. Der Vertrag über zwölf U-Boote wird noch ausverhandelt. Wadephul, der am Freitag auch ein Gespräch mit Verteidigungsminister David McGuinty führte, nannte das einen „Meilenstein“.
Dass das Verhältnis Wadephuls zu seiner kanadischen Kollegin eng und vertraut ist, bedeutet nicht, dass immer alles gleich glattläuft. Die Kanadier, denen auch ein Angebot Südkoreas vorlag, hatten sich in den Verhandlungen über den Rüstungsdeal durchaus „tough“ gezeigt, wie Diplomaten berichten.
Die noch junge strategische Partnerschaft umfasst auch die Geheimdienste: Im Außenministerium unterzeichneten Anand und Wadephul am Freitag ein Geheimschutzabkommen, das den Austausch nachrichtendienstlicher Erkenntnisse regelt.
Wadephul: Trumps G-20-Einladung an Putin ein „Lackmustest“
So wird die Mittelmächte-Strategie ganz konkret. Von der Leyens Formel von der „assoziierten Partnerschaft“ schoss allerdings über das Ziel hinaus. Insofern verwunderte es nicht, dass Berlin vorsichtig auf Distanz ging: Die Bundesregierung sei zwar offen dafür, „neue Modelle zu diskutieren, die dem besonderen Stellenwert der Beziehungen Rechnung tragen“, sagte Regierungssprecher Stefan Kornelius. „Aber ich denke, wir sollten über den Begriff auch nochmal nachdenken.“ Anand stellte klar, dass es nicht um „Label“ gehe. Und auch Wadephul machte das deutlich.
Am Freitagnachmittag ging es für beide Minister zurück zu den Vereinten Nationen nach New York – Wadephul nahm Anand in seinem Regierungsflugzeug mit. Längst stand wieder der Ukrainekrieg auf der Tagesordnung. Trump hatte Wladimir Putin zum G-20-Gipfel im Dezember nach Miami eingeladen. Anand gestand ein, davon überrascht worden zu sein. Auch gab sie zu erkennen, dass sie Bauchschmerzen mit der Entscheidung hat. Die Prinzipien der kanadischen Ukraine-Politik seien klar, sagte sie. Einen Boykott des Gipfels schloss sie aber aus.
Auch Wadephul wollte sich nicht zu „hypothetischen“ Fragen äußern. Er glaube, Trump wolle den russischen Machthaber an den Verhandlungstisch bekommen, schließlich wird auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Florida erwartet. „Diese Einladung, die ja jede Präsidentschaft aussprechen kann, wird ein Lackmustest sein für Wladimir Putin, ob er bereit ist, ernsthaft zu verhandeln“, sagte er. Derartige Chancen müssten genutzt werden.
