
„Eine Verlegung von sogenannten ‚Stolpersteinen‘ im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich wird künftig abgelehnt“, beschließt der Heidenauer Stadtrat. Anlass gab ein Antrag zur Verlegung sieben weiterer Steine in der Stadt. Dass es gerade jetzt zu einem solchen Beschluss kommt, ist so erschreckend wie symptomatisch.
Der Stolperstein ist Symbol des Erinnerns an jüdisches Leben. Umso absurder klingt der Vorschlag, dieses nicht nur aus dem Stadtraum, sondern auf den Friedhof abzuschieben und dort in eine „Gedenkfläche für die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“ zu integrieren.
Die Tatorte der Deportationen markieren
Dabei ging es dem Künstler Gunter Demnig gerade um das Dezentralisieren der Erinnerung, darum, die Namen der Opfer an die Orte ihres Lebens zu tragen, nicht auf den Friedhof. Es geht darum, die Tatorte der Deportationen zu markieren, an denen Menschen getreten, verprügelt und aus dem Leben gerissen worden sind, während andere weggeschaut haben.
Es geht um die einzelnen Schicksale in der Nachbarschaft, um Familien, die in den Häusern lebten, die wir jetzt bewohnen. Sechs Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten in Europa zusammengetrieben und ermordet wurden, bleiben eine ungeheuerliche, aber abstrakte Zahl. Durch den Gedenkstein ist es möglich, den Menschen ihre Namen zurückzugeben, die ihnen genommen wurden, um sie zu einer Opfergemeinschaft zu degradieren. Durch die Spuren, die er zu legen begann, ist es Gunter Demnig 1992, als er vor dem Historischen Rathaus in Köln den ersten Stolperstein verlegte, gelungen, eine eigene Ästhetik und Praxis des Erinnerns, eine Art Gegendenkmal zu schaffen.
Wer die Opfer des Nationalsozialismus wieder aus dem Stadtbild zu verbannen und das Gedenken auf den Friedhof abzuschieben sucht, betreibt eine beängstigende Form der Verdrängung. Das ist mehr als Kommunalpolitik, denn es geht darum, sich von den Gespenstern der Vergangenheit nicht länger stören zu lassen, um Raum zu schaffen für vermeintlich positive Geschichten.
