Eurolino hat es schwer. Er passt nicht in den „Hollywood Star“. Da können seine Begleiter drücken und quetschen, wie sie wollen. Der Sicherheitsbügel geht nicht zu. Eurolino muss draußen bleiben, als das „Familienkarussell“ loslegt und die Hollywood-Schaukeln in die Höhe hebt, im Kreis dreht und um sich selbst kreisen lässt. Fire Fighter und Hydro-Girl, Trimmy und Franky haben es dagegen in eine der Schaukeln geschafft und lassen nun in fünf Meter Höhe die Beine baumeln.
Es ist Maskottchen-Tag auf der Dippemess, gekommen sind 15 Frankfurter Symbolfiguren. Gastgeber ist Bembli, seit einem Jahr Maskottchen der Dippemess, dem traditionellen Volksfest der Stadt am Main. Seine Gäste repräsentieren die großen Profisportklubs der Stadt, die Müllentsorgung, die Verkehrsgesellschaft, den Wäldchestag, den Sportbund, die Jugendfeuerwehr oder eben mit Eurolino die Bundesbank. Gut eine Stunde ziehen sie an diesem „Kindertag“ gemeinsam über die Dippemess, was bei Sonnenschein durchaus anstrengend für jene ist, die eine gut gepolsterte Kopfbekleidung tragen. Dafür gibt es immerhin Freifahrten, in den Autoscooter passt sogar Eurolino.
„Die Idee für ein solches Treffen lag auf der Hand. Maskottchen sorgen einfach für gute Vibes“, sagt Patrick Hausmann. Gemeinsam mit der Tourismus- und Congress-Gesellschaft Frankfurt (TCF), Veranstalter der Volksfeste, hat er die Idee gehabt. „Wir haben das Treffen im vergangenen Jahr bei der Herbst-Dippemess spontan ins Leben gerufen, und es kamen zwölf Maskottchen. Jetzt sind wir bereits 15, drei weitere mussten kurzfristig absagen.“ Hausmann spricht gewissermaßen stellvertretend für die Maskottchen, mit denen das Kommunizieren etwas schwierig ist.

Zum einen unterbindet der Volksfestlärm ohnehin fast jede Konversation. Zum anderen sind Maskottchen von Natur aus als Bär, Biene oder Löwe nicht sonderlich sprachkompetent. Die nonverbale Kommunikation ist ihre Stärke, zumindest wenn sie – anderes als Eurolino – Arme haben. „Als ich mal im Maskottchenkostüm gesteckt habe im vergangenen Jahr, habe ich anfangs immer Grimassen gezogen und gelacht, bis ich realisiert habe, dass das ja gar nicht wahrgenommen werden kann“, sagt Hausmann. „Wichtig ist nur, dass sich die Arme bewegen.“ Abklatschen müssen Maskottchen definitiv beherrschen.
Im Schatten von Attila
Das tun Dunking Kong und Trevor quasi unentwegt. Sie sind so etwas wie die Stars unter den Frankfurter Maskottchen, die routiniertesten Profis. Bei jedem Heimspiel der Basketballer der Skyliners und des Eishockeyteams Löwen sind sie im Einsatz, beide sind sportartgemäß von sehr großer Statur und nicht zu übersehen. Dunking Kong hat sich vor dem Rundgang sogar aufgewärmt und gedehnt, entsprechend beschwingt hüpft er etwas hyperaktiv über den Festplatz und steht mit Trevor auch im Mittelpunkt, als es im Autoscooter wild zur Sache geht.

Franky von der Eintracht führt da vergleichsweise ein Schattendasein, nicht nur weil das Kostüm ein bisschen gerupft aussieht. Sondern auch weil Franky irgendwie nur eine Art Ersatz ist und deshalb unter Minderwertigkeitskomplexen leidet. Schließlich hat die Eintracht schon Attila, den echten Adler. Der ist ein ebenso stolzes wie traditionsreiches Maskottchen des Vereins und dreht vor jedem Heimspiel vom Arm seines Falkners aus eine Runde durch das Stadion. Franky vertritt Attila nur bei Kinderevents, wo er zu allem Überfluss stets mit falschem Namen angesprochen wird. „Attila“, ruft auch der kleine Samir, der hinter dem Plüschadler herläuft und um ein „High Five“ und ein Selfie bittet.
Erstaunlicherweise heißt auch das Maskottchen des FSV Frankfurt Franky, was man durchaus als Zeichen der freundschaftlichen Beziehungen der beiden größten Fußballclubs der Stadt begreifen könnte. Aber der FSV-Franky hat ein ganz anderes Problem: Er ist ohne Trikot unterwegs, ihn erkennt also niemand. Da Maskottchen nun einmal nicht sprechen, kann das Erdmännchen auch nicht schlüssig erklären, weshalb es oberkörperfrei durch die Gegend läuft. Franky zeigt nur auf seine Hose, die er immerhin noch trägt. Das war einst bei Goleo, dem Maskottchen der WM 2006 in Deutschland, genau andersrum: Der „Tor-Löwe“ trug nur ein Deutschlandtrikot mit Rückennummer 06 und zur Verwunderung aller Fans keine Hose.

Den Kindern ist so etwas egal. Bei ihnen kommt das oberkörperfreie Erdmännchen fast so gut an wie Bembli oder Waldtraut. Psychologen erklären diese Beliebtheit vor allem durch das Kindchenschema. Jene Antlitze, die an die Proportionen von Kleinkindgesichtern erinnern, wecken demnach die meiste Sympathie. Geschlechtergerechtigkeit spielt dabei keine große Rolle. Stattdessen herrscht auffälliger Männerüberschuss: Waldtraut ist als einzige Identifikationsfigur alleine unterwegs, die Feuerwehrfrau Hydro-Girl und das Taunus-Wunderland-Maskottchen Betty sind ein wenig reduziert auf die Rolle der Begleiterin ihrer jeweils deutlich präsenteren Partner.
Als Grundregel für die Popularität gilt ganz offensichtlich: je beleibter, desto beliebter. Bei den dicken Maskottchen wagen auch Erwachsene eine Umarmung – weil sie bei diesen keiner Person zu nahe tritt, sondern gewissermaßen nur das Kostüm herzt. „Das tut einfach gut, da mal ganz fest zuzudrücken“, sagt eine ältere Frau, die gerade Bembli, geschützt von einem im Durchmesser fast einen Meter messenden Pläschlkostüm, umarmt hat.
Jolina und Emmy, 19 und 20 Jahre alt, finden es ebenfalls „einfach nur süß“, sich mit Bembli oder Fessi, dem Maskottchen der Entsorgungsbetriebe FES, abzulichten und die Bilder an Freundinnen zu schicken. Der sieben Jahre alte Maxi genießt es hingegen einfach, dass sich Fessi beim Drücken so schön weich anfühlt. Dafür hat er eigens seinen Schulranzen abgenommen.
Waldtraut ist der Sonnenschein
Waldtraut, so etwas wie der Sonnenschein unter den Maskottchen, ist zum Wäldchestag an Pfingsten erschaffen worden und strahlt als Biene in ihrem gelb-orangefarbenen Kostüm umgehend eine herzliche Wärme aus, die auch die Erwachsenen erreicht. Im F.A.Z.-Interview hatte sie schon nach den Tagen im Wald davon berichtet, dass ein erwachsener Mann sie gebeten habe, ihn mal fest zu drücken. „Das habe ich gemacht, und der Mann sagte dann, dass es ihm direkt viel besser gehe.“
Eurolino ist derweil wieder am Main-Bad-Bornheim angekommen, wo die Maskottchen in der Umkleide wieder aus dem Kostüm schlüpfen dürfen. Seine Begleiter berichten, dass er grundsätzlich gut ankommt, aber natürlich trotzdem auch Ziel von Häme sei. Die Frage „Haste mal ’nen Euro?“ musste er sich schon oft anhören. Und nachdem er an diesem Tag aus dem „Hollywood Star“-Karussell aussteigen musste, wurde vom Publikum natürlich auch gefrotzelt, er habe wohl nicht bezahlen können. Aber mit einem Euro kommt man auf der Dippemess auch tatsächlich nicht sehr weit.
