
Mein elfjähriger Sohn will eine neue Partei gründen. Offenbar hat er gespürt, wie sein Vater am Berliner Wahlsonntag mit gequältem Blick zum Wahllokal ging und nach der ersten Hochrechnung den Fernseher ausschaltete. Seine Partei soll – so sind die ganz, ganz Jungen heute – tatsächlich konservativ sein. Zuallererst aber kinderfreundlich und klimafreundlich. Und schulfördernd (saubere Toiletten, besseres Mensaessen, keine ständig durchgekochten, wabbeligen Nudeln).
Die Partei soll weder kommunistisch noch imperialistisch sein, das bedeutet: Eine Kugel Eis darf höchstens einen Euro kosten, nicht zwei wie inzwischen fast überall in Berlin. Marshmallows obendrauf gibt es gratis. Rente, Pflege und Benzinrabatt sind ihm egal. Friedrich Merz findet er noch schlechter als Olaf Scholz. Er versteht auch nicht, warum es keine Bundeskanzler ohne Glatze gibt.
Die CDU vergleicht er mit einem Stück Parmesan: Nach nur zwei Wahlgängen ist es zerrieben und weg. Der AfD will er eine Umbenennung vorschlagen: „Adolf-freundliches Deutschland“. „Afrikaner für Deutschland“ fände er auch schön, aber auch darauf wird sich die AfD wahrscheinlich nicht einlassen. Der dumpf-dreiste Satz des AfD-Chefs, dass die CDU nun „außerparlamentarisch ihre Fischbrötchen essen muss“, amüsierte meinen Sohn. Seitdem stelle ich mir Philipp Amthor mit einem Bismarckbrötchen in einer außerparlamentarischen Fischbude in Mecklenburg-Vorpommern vor. Die FDP, die mein Sohn nur aus Erzählungen seines Vaters kennt, nennt er „Förderung Deutscher Porschefahrer“, die deshalb keiner wählt, weil in Berlin alle Lastenräder fahren oder asiatische Autos.
Sprechpuppe mit einer Taste
Wie man die Linke in Berlin nennen könnte, fragte ich mich selbst. Und wer ist die Linke überhaupt? Man kennt vor allem die Spitzenkandidatin. Sie wirkt ja auf den ersten Blick sehr sympathisch, aber im Wahlkampf klang sie wie eine Sprechpuppe mit nur einer Taste (Enteignen! Enteignen! Enteignen!).
„Wird unsere Wohnung nun enteignet, und bekommt sie ein Linker?“, fragte mein Sohn. „Nein, nein“, sagte ich. „Das ist aber ein wichtiger Punkt. Das haben die Wähler der Linkspartei wahrscheinlich gar nicht so richtig verstanden. Man nimmt den Wohnungskonzernen nicht einfach die Wohnungen weg, sondern man muss sie vergesellschaften. Man muss auch jene, deren Besitz man vergesellschaftet, entschädigen.“ „Ganz schön kompliziert“, sagte mein Sohn.
Das wird richtig teuer!
„Und richtig teuer!“, sagte ich. Die Linkspartei hat offenbar selbst keine Ahnung, was das kosten wird. Die glaubt, die bekommt das alles unter Marktwert. Aber die Zeche wird groß sein. Die zahlt dann mein Sohn. Dann gibt es in den Schulen wahrscheinlich überhaupt keine Nudeln oder Toiletten mehr. Der jetzige Berliner Senat rechnet mit 36 Milliarden Euro für den Steuerzahler, plus Zinsen!
Vielleicht, dachte ich, könnte ja dieser eine ominöse Gast von der Wahlparty etwas dazugeben? Mitglieder seines Clans sollen für den Diebstahl der 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum verantwortlich sein: 3,75 Millionen Euro. Ebenso für den Raub von 21 Schmuckstücken mit Juwelen und Diamanten aus dem Grünen Gewölbe in Dresden: 113,8 Millionen Euro! Reicht noch nicht? Ich empfehle dem Clan und der Linken den Pergamonaltar, Zufahrt über den Kupfergraben!
Den Abtransport des Pergamonaltars muss man genau planen. Da braucht man Leute, die wissen, was sie tun. Ein ähnliches Know-how wünschte man sich in der Berliner Wohnungspolitik. Dem Hören nach sollen von den 47 Abgeordneten, die jetzt für die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus sitzen, gut 40 komplette Berufsanfänger sein. Wenn man Politik tatsächlich als eine Art Beruf bezeichnen würde, wäre es dann nicht beruhigend, wenn die, die Politik im Abgeordnetenhaus machen, nicht nur eine Gesinnung haben, sondern auch etwas von Politik verstehen? In Max Webers Schrift „Politik als Beruf“ von 1919 findet sich die Formulierung, dass „Gesinnungspolitiker in neun von zehn Fällen Windbeutel“ seien.
Mein Sohn braucht für seine Partei noch einen Namen. Die Kugel Eis soll auf jeden Fall einen Euro kosten. Eisrabatt. „Und die Marshmallows obendrauf?“, fragte ich. „Wer zahlt die?“ – „Du!“, sagte er. Bei uns ist die Finanzierung wenigstens geklärt.
Moritz Rinke ist Autor und Dramatiker und lebt in Berlin.
