
Künstliche Intelligenz für alle Lebenslagen: So stellt sich Mark Zuckerberg die Zukunft vor. Der Vorstandschef des Internetkonzerns Meta spricht in jüngster Zeit viel über sogenannte KI-Agenten. Im Juli kündigte er die baldige Einführung solcher Programme an und sagte, sie könnten rund um die Uhr daran arbeiten, „euer Leben, eure Gesundheit, eure Beziehungen und eure Finanzen zu verbessern“. Vor wenigen Wochen brachte Meta dann die Smartphone-App Muse heraus und beschrieb sie als „ersten persönlichen KI-Agenten der Welt, der für alle gebaut ist“.
Muse stößt auf überraschend positive Resonanz und ist derzeit die am meisten heruntergeladene App in den amerikanischen App-Stores von Apple und Google. Das ist eine sehr willkommene Nachricht für den Betreiber von Facebook und Instagram, dem bislang nachgesagt wurde, mit seinen KI-Initiativen erheblichen Rückstand auf Wettbewerber wie den ChatGPT-Entwickler Open AI zu haben.
Seit der Vorstellung von Muse ist der Aktienkurs von Meta um mehr als 20 Prozent gestiegen. Die Analysten von JP Morgan schrieben in dieser Woche: „Es ist zwar noch früh, aber wir glauben, dass Muse das Potential dazu hat, die meistgenutzte KI-Anwendung für Endverbraucher seit ChatGPT zu werden.“
KI-Agenten sollen anders als gewöhnliche Chatbots nicht nur Fragen beantworten, sondern selbständig komplexe Aufgaben für ihre Nutzer übernehmen. Bislang wurden sie vor allem von Softwareentwicklern und Unternehmen eingesetzt, Meta will sie nun mit Muse zu einem Produkt für die breite Masse machen. Muse soll zum Beispiel in der Lage sein, für seine Nutzer im Internet einzukaufen, Reisen zu buchen, Formulare auszufüllen und sogar in ihrem Namen zu verhandeln. Metas KI-Chef Alexandr Wang sagte am Mittwoch auf einer Konferenz, Muse habe einem seiner Nutzer geholfen, die monatliche Rechnung für seinen Kabelanschluss um 85 Dollar zu senken. „Muse hat echten Leuten echtes Geld gespart.“
Zugang zu persönlichen Informationen
Damit der KI-Agent solche Aufgaben erledigen kann, müssen ihm Nutzer Zugang zu ihren persönlichen Informationen geben, also zum Beispiel zu ihren E-Mails oder ihren Konten auf Internetseiten. Muse kann auch mit Bankkonten verknüpft werden. Meta beteuert, Nutzer könnten genau festlegen, wie weit dieser Zugang reicht. Sie könnten auch entscheiden, ob Muse E-Mails nur lesen oder auch senden darf.
Muse basiert auf Metas Sprachmodell Muse Spark und ist bislang nur in Nordamerika verfügbar, soll aber bald auch in anderen Ländern eingeführt werden. In seiner Standardversion ist Muse kostenlos, Meta bietet aber auch Abonnements für 20 und 100 Dollar im Monat für Vielnutzer. Neben der eigenständigen App kann der KI-Agent über Whatsapp genutzt werden, Meta will ihn auch in seine Digitalbrillen integrieren.
Am Mittwoch stellte das Unternehmen außerdem ein eigenständiges Gerät vor, das speziell für Muse konzipiert ist. Es heißt Charm, hat die Größe eines Schlüsselanhängers und erinnert an das in den Neunzigerjahren populäre virtuelle Haustier Tamagotchi. Zuckerberg sagte, Charm ermögliche neben Brillen die schnellste Art der Kommunikation mit Muse und solle noch in diesem Jahr herauskommen. Auch Open AI arbeitet derzeit an einem speziellen KI-Gerät. Bislang ist aber unklar, wie es aussehen und wann es zu kaufen sein wird.
Nach Angaben der Marktforschungsgruppe Sensor Tower wurde die Muse-App seit ihrer Veröffentlichung mehr als 2,8 Millionen Mal heruntergeladen. Damit liege sie nicht allzu weit hinter der ChatGPT-App, die im vergleichbaren Zeitraum nach ihrer Einführung 3,7 Millionen Mal heruntergeladen worden sei. Analysten der Bank of America sagen, der gute Start von Muse gebe Anlass zu stärkerem Optimismus, dass sich Metas Investitionen in KI auszahlen.
Der Konzern will in diesem Jahr insgesamt zwischen 130 Milliarden und 145 Milliarden Dollar investieren, ein großer Teil davon soll in die KI-Infrastruktur fließen. Zuckerberg beteuert, die Investitionen schlügen sich schon heute positiv im Geschäft nieder. KI beschleunige zum Beispiel die Produktentwicklung und helfe, auf Facebook und Instagram Inhalte zu empfehlen und Anzeigen auszuwählen, die für Nutzer relevant seien. Mit eigenständigen KI-Angeboten hat Meta bislang aber noch erheblich weniger von sich reden gemacht als manche Konkurrenten. Umso mehr ist Muse nun ein Hoffnungsträger.
Bedrohung für andere Branchen?
Das große Interesse an Muse hat nicht nur den Aktienkurs von Meta bewegt. Auch die Aktien von Chipentwicklern wie Intel oder Advanced Micro Devices gewannen zu Wochenbeginn an Wert. Dahinter dürfte die Überlegung stecken, dass eine stärkere Verbreitung von KI-Agenten auch den Bedarf an Rechenkapazitäten steigen lassen würde. Dagegen fielen Kurse in Branchen, für die KI-Agenten als mögliche Bedrohung gesehen werden. Dazu zählten Finanzdienstleister oder Reiseportale.
Die Analysten der Bank of America wiesen darauf hin, dass Datenschutz ein Hindernis für Muse sein könnte. Meta hat hier nicht den besten Ruf und ist in der Vergangenheit mit einigen Datenskandalen aufgefallen. Das Unternehmen beteuert, es habe bei der Entwicklung von Muse besonders großen Wert auf Datenschutz und Sicherheit gelegt. Muse werde auf einem eigenen Computer betrieben, der isoliert und für keine anderen KI-Agenten zugänglich sei. Zudem könne Muse Passwörter und Zahlungsmethoden seiner Nutzer nicht sehen.
Am Mittwoch kündigte Meta Allianzen mit einer Reihe von Unternehmen an, die ihre Internetseiten mit Muse verknüpfen wollen. Darunter sind Einzelhändler wie Walmart oder das Reiseportal Expedia. Andere Unternehmen verweigern bislang die Zusammenarbeit. Amazon hat Muse vor wenigen Tagen blockiert. Der Onlinehändler sagt, Meta habe ihn nie informiert, dass der KI-Agent auf seiner Seite einkauft.
Meta zeigte auf seiner Konferenz noch einige andere neue Produkte, darunter eine Version seiner Digitalbrille, die keine Kameras hat. Die Brillen mit Kameras sind umstritten. Nutzern ist vorgeworfen worden, andere Menschen ungefragt und heimlich zu filmen.
