
Der deutsche Aktienmarkt schwankt zwischen den Sorgen um die Automobilindustrie und den Hoffnungen auf KI, der Ölpreisentwicklung und einer sich belebenden Konjunktur. Am Mittwoch notierte der deutsche Leitindex Dax zur Mittagszeit bei 25.466 Punkten und damit 0,4 Prozent unterhalb des Schlusskurses vom Dienstag.
Der Widerstand bei 25.800 Punkten sei „wie ein Deckel auf dem Markt“, kommentiert Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank. Während viele globale Aktienindizes auf neue Rekordhochs stiegen, lasse die politische Unsicherheit nach den Landtagswahlen internationale Anleger derzeit einen großen Bogen um deutsche Aktien machen.
Zumindest der Druck der Ölpreise ließ zuletzt wieder etwas nach. Nachdem der internationale Referenzpreis der Sorte Brent knapp zwei Wochen oberhalb der Marke von 100 Dollar je Barrel (Fass à 159 Liter) notierte, unterschritt er diese am Dienstag wieder. Am Mittwoch betrug er zeitweise wieder knapp über 100 Dollar.
Bundesbank schließt restriktive Geldpolitik nicht aus
Belastet wurde der Rohölpreis zuvor nicht nur durch den Krieg der USA gegen den Iran, sondern auch durch die Blockade der südlichen Einfahrt ins Rote Meer durch die jemenitischen Huthi-Rebellen. Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline, die beide Blockaden umgeht, soll nun Berichten zufolge den Betrieb wieder aufgenommen haben. „Ein Hoffnungsschimmer“ sind zudem nach Worten von Katja Müller, Senior Economist der LBBW, die Unterredungen der Vertreter des Iran und der USA am Rande der UN-Vollversammlung. Seit Juni gab es zuvor keine direkten Gespräche mehr.
Damit einher geht die Hoffnung, dass sich die weiteren Preissteigerungen durch die Energiekosten in Grenzen halten. Schon heute ist der Preisdruck so hoch, dass Bundesbankpräsident Joachim Nagel einen künftigen konjunkturdämpfenden Kurs der Europäischen Zentralbank nicht ausschließt. Nach der jüngsten Zinserhöhung auf 2,5 Prozent bewege sich das Zinsniveau in einem Bereich, der die Wirtschaft weder dämpfe noch anschiebe. „Ich kann nicht ausschließen, dass wir bei anhaltend hohen Energiepreisen in einen Bereich leicht restriktiver Geldpolitik übergehen müssen“, sagte er in London.
Von der Konjunktur in Deutschland und der Eurozone kamen derweil erfreuliche Meldungen. Der Einkaufsmanagerindex für Industrie und Dienstleister legte im September um zwei volle Punkte auf 53,8 Zähler zu, wie der Finanzdienstleister S&P Global am Mittwoch mitteilte. Die Marke von 50 Zählern markiert die Schwelle zum Wachstum. So hoch stand er zuletzt vor elf Monaten. Auch in der Eurozone vermerkte der Index das stärkste Wachstum seit April 2023.
Wachstumsprognose angehoben
Besonders positiv sticht die Entwicklung der Dienstleister in Deutschland hervor, dort sprang der Index von 49,7 auf 52,9. „Fast zu schön, um wahr zu sein“, nannte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt für die Eurozone der ING, diesen Sprung. Bleibe die Eurozone weiterhin verschont von Einbrüchen durch den Energiepreisschock und Lieferkettenprobleme, wäre das eine hochwillkommene Überraschung. „Hoffen wir, dass es sich nicht als Trugbild entpuppt.“
Die OECD geht ebenfalls von einer verbesserten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland aus. Ihre Analysten erhöhten die Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 0,7 auf 1,1 Prozent. „Im ersten Halbjahr 2026 sind die Exporte überraschend stark gestiegen, was unter anderem an der steigenden Nachfrage nach elektronischen Produkten und Ausrüstungen im Zuge des KI-Booms liegt“, sagte OECD-Experte Robert Grundke der Nachrichtenagentur Reuters.
Die KI bewegt auch die Kurse der Dax-Titel und das in beide Richtungen. Der Chiphersteller Infineon stand mit seinem Aktienkurs zeitweise bei minus 3,1 Prozent am Mittwoch, trotzdem steigerte sich die Aktie auf Wochensicht mehr als jeder andere Dax-Wert. Mit Siemens Energy steht auch auf Platz zwei der Wochengewinner ein KI-Profiteur.
Die größten Verliere waren zuletzt Autoaktien. Der Kurs der Volkswagen-Vorzugsaktie stand am Mittwoch zwischenzeitlich bei minus 2,3 Prozent, in der vergangenen Woche verlor sie 7,2 Prozent an Wert und damit mehr als jeder andere Dax-Titel. Die jüngsten Gewinnrückgänge machen Volkswagen zu schaffen, im kommenden Jahr wird nur noch eine operative Umsatzrendite von einem Prozent erwartet. Die Lohnverhandlungen mit der IG Metall könnten zudem konfliktreich werden. Die Gewerkschaft beschloss, mit Forderungen von fünf Prozent in die Tarifrunde zu gehen. Die Mehrzahl der vom Finanzdienstleister Bloomberg befragten Analysten sieht nichtsdestotrotz Potential für künftige Wertsteigerungen und empfiehlt den Kauf der Aktie.
