Den ersten Prototyp bauen sie neben Hühnereiern zusammen. Kurz vor Weihnachten 2019 fährt er ferngesteuert zum ersten Mal auf einem Acker, drei Monate später wird daraus eine autonome Fahrt. Zwei Jahre später tourt er durch Europa. Die Geschichte des autonomen Feldroboters „AgBot“, erdacht vom niederländischen Unternehmen AgXeed, ist die einer Zukunftsvision für die Landwirtschaft. Er soll sich rechnen und die Arbeit erleichtern, ohne der Landwirtschaft das Herz zu rauben.
Landtechnikhersteller werben heute mit zunehmend autonomen Maschinen. Der AgBot reiht sich in diese Entwicklung ein: Er fährt fahrerlos eine am Schreibtisch geplante Route auf dem Feld ab. Zuvor hat der Landwirt die Feldgrenzen mithilfe eines elektronischen Vermessungsstabs eingemessen. Auch Hindernisse wie Telefonmasten zeichnet er in einem Vorplanungssystem ein. Innerhalb dieser Grenzen arbeitet der AgBot. Sein Aufgabenbereich ist die Bodenbearbeitung.
Für weniger Bodenverdichtung
Den Roboter bringt der Landwirt mit dem Tieflader zum Feld, hängt das Anbaugerät ein, drückt auf Start und lässt ihn fahren, bis die Maschine über die App das Zeichen gibt, fertig zu sein. Hinter dem Roboter steckt ein digitales Ökosystem aus Online-Scheune, Überwachung und Sensorik, die auch die Verbindung zu älteren Anbaugeräten nicht abreißen lässt. In der Zwischenzeit kann der Landwirt anderen Aufgaben nachgehen.
Im Sommer ist auf einem abgeernteten Feld nahe Magdeburg das neueste Modell des Roboters, die T2 7 Series, in Aktion zu sehen. Für die Vorführung zieht er einen älteren Grubber, ein Gerät zur Bodenbearbeitung, das den Boden mit Zinken auflockert, aber, anders ein Pflug, die Erde nicht aufbricht. An PS hat der neue AgBot von 156 auf 230 zugelegt, außerdem an Hubkraft gewonnen auf vier Tonnen an der Front und neun Tonnen am Heck. Der Antrieb ist dieselelektrisch, der Bodendruck der Raupenlaufwerke liegt unter 0,3 bar. Die Raupenketten werden unabhängig voneinander angetrieben. In jeder Kurve rechnet der AgBot selbst aus, welche Geschwindigkeit er auf welcher Kette braucht.
Die Fahrwerke sind pendelnd aufgehangen, können sich also der Kontur des Bodens anpassen. Durch die große Aufstandsfläche ist der AgBot bodenschonender als ein konventioneller Traktor. Produktmanager Philipp Kamps erklärt es so: „Ein Elefant sorgt für weniger Bodenverdichtung als eine Frau auf Stöckelschuhen.“ Durch einstellbare Radkonfigurationen und Spurbreiten gilt dies auch für die anderen beiden AgBot-Modelle im Programm. Eins besitzt vier, das andere drei Räder und keine Raupenlaufwerke.

Die Geschichte der AgBots ist auch die einer Idee am Küchentisch. Die vier Niederländer Joris Hiddema, Lars Schmitz, Sander Pop und Rienk Landstra arbeiteten alle seit rund 20 Jahre in der Landtechnikbranche. Sie erlebten mit, wie die Maschinen immer größer, schwerer und breiter wurden. Wie Größe und Gewicht die Böden belasten und verdichten, aber auch, welcher Druck auf den Landwirten liegt. Gemeinsam gründeten sie 2018 AgXeed und entwickelten den AgBot: einen Roboter, der Arbeit abnimmt und mit verträglichem Gewicht und Größe die Felder schont.
Zwei Gründer arbeiteten in der Anfangsphase weiter in ihren Unternehmen, zwei widmeten sich bald in Vollzeit dem Aufbau des Roboters. AgXeed mietete ein kleines Büro und eine Werkstatt auf einem Geflügelhof. Kurz vor Weihnachten 2019 drehte der erste Prototyp eine Runde auf dem Acker nebenan. Ein Jahr lang testeten die Gründer die Maschine und besserten Kinderkrankheiten aus, bevor der AgBot auf Tour zu interessierten europäischen Bauernhöfen ging. Bald waren die ersten zehn Exemplare verkauft.
Das Gehirn des AgBots heißt TraxWise
Der AgBot stelle eine Alternative zum Traktor dar, die sich praktikabel in den Hofalltag integrieren lassen soll, sagt Philipp Kamps. Ältere Anbaugeräte sind, im Gegensatz zum Roboter, nicht intelligent. Dieser überwacht sich selbst, meldet im Netzwerk, wenn es Störungen gibt oder ihn ein Hindernis zum Halten zwingt. Die Verbindung zwischen ihm und einem Anbaugerät besteht nur aus Dreipunkt und Gelenkwelle. Klemmt ein Stein oder es entsteht Schlupf, kann Schaden entstehen.
AgXeed hat für solche Fälle eine Werkzeugsteuerungseinheit entwickelt, die verschiedene Funktionen von Anbaugeräten überwacht, beispielsweise die Walzengeschwindigkeit. Unterlaufen diese einen definierten Schwellenwert, gibt die Steuerung eine Warnmeldung an das Gehirn des AgBots ab. In einer digitalen Scheune kann der Landwirt jede Maschine, egal, ob Roboter oder Grubber, hinterlegen.

Mit einem tiefen Surren fährt der AgBot auf dem Feld in der Magdeburger Börde hoch. Ein Lasersensor blinkt grün und zeigt Fahrbereitschaft an: Der Auftrag ist angekommen. Philipp Kamps drückt auf Start. Der AgBot beschwert sich. Die Menschen stehen im Risikobereich. Erst, als sie zur Seite treten, setzt sich der Roboter in Bewegung. Er senkt den Grubber ab, die Gelenkwelle dreht sich und treibt das Gerät an. Über die App kann Kamps die Geschwindigkeit des AgBots oder das Absenken der Hubwerke nach Belieben anpassen.
Der Laser hat den Durchblick bis zu 80 Meter nach vorn und ab 40 Zentimeter Höhe. Registriert er ein Hindernis, drosselt der AgBot die Geschwindigkeit. Ist er dem Hindernis zu nahe, bleibt er stehen. Der Landwirt kann über Portal und App verfolgen, was dem Fahrzeug im Wege steht. Handelt es sich nur um einen letzten Maisstängel, darf der AgBot seine Route fortsetzen. Ein begriffsstutziges Wildtier wird im Zweifel mit dem Sicherheitsbumper, ausgerüstet mit Radar- und Ultraschallsensorik, angestupst. Währenddessen geht der AgBot jedoch in den Ruhemodus und muss neu gestartet werden. Im Zweifel muss der Landwirt rausfahren und den Weg freiräumen.
Aus den vier Gründern ist mittlerweile eine 65 Mann starke Firma geworden. Rund 140 AgBots sind aktuell im Einsatz, die meisten davon in Deutschland. Lars Schmitz, heute technischer Geschäftsführer von AgXeed, erinnert sich noch gut an den ersten Kunden. Eilig habe es er es gehabt. Seine Skepsis zeigte der Landwirt unverhohlen. Bis der AgBot losfuhr, sich am Feldrand von allein drehte und zurückkehrte. Ungläubig stellte der Kunde viele Fragen, verabschiedete sich schließlich gehetzt – und kam am nächsten Tag als Käufer zurück.
