Was gibt Menschen Mut? Was hilft ihnen, ihren Überzeugungen zu folgen und in schwierigen Zeiten an diesen festzuhalten? In einer Zeit multipler politischer und sozialer Krisen rückt das Kronberg Festival diese zentralen Fragen in den Mittelpunkt seiner diesjährigen Ausgabe. Unter dem Motto „Courage!“ widmet sich das Festival den unterschiedlichen Facetten von Mut und knüpft damit zugleich an das Vermächtnis des Cellisten Pablo Casals an, der sich zeitlebens für Demokratie, Freiheit und Frieden einsetzte und in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag feiert.
Nur zurückblicken möchte das Festival aber nicht. Es möchte selbst Haltung zeigen, aufrütteln und zugleich ermutigen. „Wir möchten ein Zeichen setzen und die aktuelle Weltlage künstlerisch einbeziehen“, erklärt der Geiger und künstlerische Leiter der Kronberg Academy, Friedemann Eichhorn. „Wir wollen also nicht nur Musik um ihrer selbst willen machen, sondern auch widerspiegeln, was die Menschen und die Gesellschaft bewegt.“ In rund 30 Konzerten, öffentlichen Cello-Meisterkursen, Workshops und einem vielseitigen Rahmenprogramm beleuchtet das Kronberg Festival die unterschiedlichen Facetten des Begriffs „Courage“ anhand tonangebender Künstler.
„Wir sind der Überzeugung, dass Musik und Kunst helfen können, Hoffnung und Antworten zu geben“, führt Eichhorn weiter aus. Denn nicht nur heutzutage brauche es Courage, auch in der Vergangenheit seien Künstler und Komponisten politischen, gesellschaftlichen oder persönlichen Widrigkeiten ausgesetzt gewesen. „Dennoch oder gerade auch deswegen ist auch unter solchen Bedingungen großartige Kunst entstanden, und so schlagen wir eine Brücke in die heutige Zeit.“
Musikalischer Weckruf im Kampf gegen die Klimakrise
Bereits das Eröffnungskonzert führt mitten hinein in diese Auseinandersetzung. Mit Dmitri Schostakowitsch und Sergej Prokofjew stehen zwei Komponisten auf dem Programm, deren Schaffen in besonderer Weise von den politischen und ästhetischen Bedingungen ihrer Zeit geprägt war. Schostakowitsch musste sich dem Wohlwollen Josef Stalins unterordnen, um in seiner sowjetischen Heimat weiterarbeiten zu können. Prokofjew wiederum widersetzte sich immer wieder den damals etablierten Stilvorstellungen. Mit seiner ersten Sinfonie, der „Klassischen Sinfonie“, die vom hr-Sinfonieorchester unter François Leleux aufgeführt wird, komponierte Prokofjew wohl eines der humorvollsten Werke des 20. Jahrhunderts. „Aus Übermut“, wird der Komponist zitiert, „und um die Philister zu ärgern“. „Aus dem Mut heraus, auf einen kompositorischen Zeitgeist zu antworten bzw. Klassik neu zu denken“, formuliert es hingegen Eichhorn.
Zu den Künstlern, die für Eichhorn exemplarisch für diesen eigenständigen Umgang mit ihrer Kunst stehen, gehört auch Fazıl Say, der in seinen Kompositionen nicht nur aktuelle Ereignisse verarbeitet, die ihn beschäftigen, sondern auch immer wieder Elemente westlicher Musik mit Klängen aus seiner Heimat verbindet. „Say beteiligt sich nicht an Stilfragen, er hat seinen ganz eigenen Klang entwickelt, den er unbeirrt beibehält“, sagt Eichhorn.

Gemeinsam mit dem Kammerorchester Les Essences und dessen Leiter Önder Baloglu ist der türkische Pianist und Komponist am letzten Festivaltag in Kronberg zu erleben. „Mut ist im Leben sehr wichtig, denn er steht für unsere Verbundenheit dazu“, erklärt Say. Als Künstler sei es seine Aufgabe, die Stimme zu erheben, um die Kultur und die Menschen zu schützen und zu verteidigen. „Das tue ich durch meine Werke, durch die Themen, die ich in ihnen aufgreife, und durch die Titel, die ich ihnen gebe“, sagt er.
Mit seinem Klavierkonzert „Mother Earth“ komponierte er 2024 einen eindringlichen Weckruf im Kampf gegen die Klimakrise. Bereits fünf Jahre zuvor hatte er sich mit der Violinsonate „Kaz Dağları“ („Mount Ida“) gegen die Rodung eines Waldgebiets im Westen der Türkei eingesetzt.
„Das ist für mich der Inbegriff des Mutes!“
Der Begriff Courage erschöpft sich für Eichhorn aber nicht nur darin, äußere Einflüsse musikalisch umzusetzen und zu verarbeiten. Es bedeute auch, seiner Leidenschaft zu folgen und dadurch Veränderungen ins Rollen zu bringen: „Mit Blick ins Festivalprogramm denke ich da an Schumann, der in seinem Cello- und Klavierkonzert das Virtuosentum außer Acht gelassen hat und das Soloinstrument quasi als Primus inter Pares im Orchesterklang aufgehen ließ“, zählt er auf.
„Da ist aber auch ein Mozart, der mit seiner ‚Jupitersinfonie‘ unglaublichen Mut bewiesen hat, weil er keinen Auftraggeber hatte. Er hat sie also nicht aus kapitalistischen Gründen geschrieben, sondern weil er sie in sich gespürt hat. Er musste sie komponieren.“ Ähnliche Begeisterung bringt er auch für das Cellokonzert für Gulda auf. „In einer Zeit, in der Komponisten wie Pierre Boulez aktiv waren, ist diese Musik zwischen Jazz und barocken Tänzen angesiedelt und wird mit einer Bigband und einem elektrisch verstärkten Cello aufgeführt. Das ist für mich der Inbegriff des Mutes!“
Als Vorbild gehe auch Reinhard Goebel voran, der mit den Kronberg Young Soloists in einem Barockabend den Abschluss des Festivals bilden wird. Goebel habe die Barockszene in den 1970er-Jahren „regelrecht aufgemischt“, sich Anfeindungen gestellt und neue Interpretationen etabliert. Dass solch erfahrene Künstler mit dem Nachwuchs zusammenarbeiten und beispielhaft vorangehen, ist für Eichhorn ein großer Gewinn. „Die Unterstützung unserer Festivalgäste, aber auch von Musikern wie Gidon Kremer und András Schiff ist eine wahre Bereicherung für unsere Studenten“, findet er. „Das macht für mich einen couragierten Musiker aus: der einerseits spielt, andrerseits neue Musik zum Leben erweckt und schließlich sein Wissen an die nächste Generation weitergibt.“
