Ein Patient zur Wiederbelebung ist die Deutsche Oper Berlin bestimmt nicht nach zwölf Jahren Intendanz von Dietmar Schwarz und siebzehn Jahren Wirken von Sir Donald Runnicles als Generalmusikdirektor. Beide hinterließen ein gut bestelltes Haus, es wurde geräuscharm zusammengearbeitet und dabei manches auf die Beine gestellt, was dann doch Geräusch machte: zahlreiche Uraufführungen, aber auch ein starker Zyklus mit Opern von Richard Strauss, inszeniert von Tobias Kratzer, oder auch – als opulentes Riesenprojekt – John Adams’ „Nixon in China“.
Die Außendarstellung war so ruhig, dass es angesichts der harten Konkurrenzsituation in Berlin mit drei Opernhäusern schon etwas mehr Radau hätte sein dürfen. Dass an der Bismarckstraße stabil starkes Musiktheater gemacht wurde, verschwand oft hinter dem Promi-Glanz der Staatsoper.
Der Auftritt der Deutschen Oper ist deutlich präsenter, seit Aviel Cahn Intendant ist. In Farbe (rot) und Schriftart ähnelt das neue Corporate Design der „Bild“-Zeitung, zum Saisonbeginn wurde das gesamte Haus bespielt: Musiker aus dem Orchester traten in den Winkeln der Foyers aus der Anonymität des Orchestergrabens hervor, das neue Kinder- und Jugendprogramm wurde vorgestellt – nur der moosige Gruft-Duft, der das Haus durchzog, verwirrte. War das nur der Verwesungsgeruch der Tradition?
Programmatisch nimmt Aviel Cahn derweil die künstlerische Erstarrung an der Staatsoper als Steilvorlage. Zu zeigen, dass man beweglicher, hipper, phantasievoller ist als am Haus Unter den Linden, fällt derzeit nicht allzu schwer. Dazu bräuchte es nicht einmal die Oberteile in strahlendem FDJ-Blau, in die das Abendpersonal neuerdings gesteckt wird. Mit ihrem ballonartig weiten Schnitt sollen sie wohl von Bequemlichkeit wie von Arbeiter-Ethos erzählen.
Die Musik hebt ab
Im Falle der Eröffnungspremiere der Saison erweist sich auch die Astronauten-Anmutung dieser Kleidung als dienlich: Von fernen Sternen und Galaxien wird man in den kommenden viereinhalb Stunden ja viel hören. Dass Karlheinz Stockhausens „Mittwoch aus Licht“, der dritte Abend seines Opern-Zyklus „Licht“, zur Saisoneröffnung gezeigt wird, ist natürlich ein Coup. In Deutschland bislang szenisch nicht auf die Bühne gebracht (die Uraufführung erfolgte 2012 in Birmingham), taugt das Stück gut, um die Deutsche Oper als neuen Raum für Phantasie vorzustellen.
Mit entwaffnender Kindlichkeit gestaltet Stockhausen seine Kosmologie, über der ein Gott schwebt, der nicht mehr konfessionell angebetet, aber doch spirituell erfühlt werden soll. Es geht um den Widerstreit von Gut und Böse, um Werden und Vergehen, vor allem aber um ein Anheben alles Musikalischen in einen Bereich des Sphärischen.

Mittwoch, so wird in der ersten Szene gesungen, die vom Chor der Deutschen Oper rein a capella gestaltet wird, ist „Tag der Liebe, Tag der Versöhnung, Tag der Gleichberechtigung der Frau“, aber auch „Tag des Fliegens“ und „Mittwoch der Lüfte“. Alles drängt hinauf, nur weg von der Schwerkraft: Das „Welt-Parlament“, dargestellt vom Chor, das in einem Glaspavillon in der Höhe über die Liebe diskutiert („Liebe ist Vergebung“ – „Nicht immer!“ – „Ach, so!“); die „Orchester-Finalisten“, Instrumentalisten, die ins Schweben geraten; schließlich das Streichquartett in Hubschraubern, der wohl bekannteste Teil von „Mittwoch aus Licht“.
Stockhausens kindlich ungehindertes Einfach-mal-machen findet hier zur Höchstform, Technik und Kunst verbinden sich in einer monströsen Nummer. Wenn die vier Musiker, jeder in einem eigenen Helikopter sitzend, abheben, nimmt ein knapp dreißigminütiges Stück seinen Lauf, das für den Hörer puren Stress bedeutet. Das Dröhnen der Rotorblätter mischt sich mit dem Dauer-Tremolo der Streicher, dagegen schreien die Musiker Zahlenreihen wie galaktische Hexen ihr Einmaleins. Eine nicht enden wollende Demonstration von Macht und Gewalt, in merkwürdiger Weise gemischt mit Lust an technischer Spielerei.
Ist es ein dramaturgisches Manko, dass das Streichquartett der Deutschen Oper nicht live in die Hubschrauber steigt, sondern die Szene Wochen zuvor auf einem Flugplatz südlich von Berlin aufgenommen wurde? Man darf beruhigend vermelden, dass sich der Event-Charakter, aber auch die Dringlichkeit der akustischen Brutalität schon durch die Wiedergabe des bloß Aufgezeichneten mitteilt.
Am „Tag der Liebe“ ist das Helikopter-Quartett der Albtraum von Gewalt und damit Stockhausens bewusst gesetzter Kontrapunkt zum elektronisch wie konkret hervorgebrachten Kling-Klang und Sing-Sang der „Licht“-Musik. Stockhausens besessener Formwille, der stundenweise Musik logisch durchkonstruiert, muss dabei eine melodiöse Sparsamkeit ausgleichen, die sich im Guten als kraftvolle Schlichtheit mitteilt, im weniger Guten als gefühlsmäßige Dürre. Weltallmäßig gekühlt wirkt Vieles von dem, was Stockhausen über Kurzwelle vom Stern Sirius zu empfangen meinte.
Die Regisseurin Susanne Kennedy, der Bühnenbildner Markus Selg und die Ausstatterin Andra Dumitrascu inszenieren bei den strengen Vorgaben des Komponisten ein Ritual mit katholisch inspirierter Motivik: eine Art steinerner Hochaltar in der Mitte, ein Ambo davor, Chorsänger in wallenden Roben, die exzellenten Musiker des französischen Spezialisten-Ensembles „Le Balcon“ wiederum (Leitung: Maxime Pascal) in Hippie-Kluft. Video-Projektionen führen durch die Lüfte, durch gotische Kathedralen, ins Abendrot oder gleich nach Mittelerde. Das hat seine kitschigen Seiten.
Aber zeigt sich darin nicht ein tiefes Verständnis für Stockhausens großäugig präsentierte Kosmo-Welten? Noch im Foyer tönt die Musik nach der Vorstellung: Stockhausen will seine Hörer einfach nicht loslassen. Die Deutsche Oper aber hofft auf ihre Wiederkehr in der eben begonnen Saison.
