So holprig die Lage auch nach der Antrittsspielzeit des neuen Intendanz-Duos aus Pınar Karabulut und Rafael Sanchez am Schauspiel Zürich noch sein mag, hat man mit 36 ausverkauften Vorstellungen von Karabuluts „Gattopardo“-Adaption immerhin einen kleinen Erfolg vorzuweisen. Nun steht die neue Spielzeit ganz im Zeichen des 100‑jährigen Jubiläums des Pfauens, und Karabulut legt mit einer Inszenierung von Brechts „Dreigroschenoper“ nach, von der man sich einen ähnlichen Publikumserfolg erhofft.
Nach dem opulenten Ausstattungstheater des „Gattopardo“ mit Reifröcken und Offiziersuniformen kehrt sie hier wieder zu ihrer etablierten Ästhetik zurück: ausgefallene Kostüme, viel Farbe und eine auffällige Haptik, gesetzt in einem reduzierten, aber wandelbaren Bühnenbild, das in diesem Fall an Stummfilmkulissen erinnern soll. Das Bild dominieren vor Haarspray triefende Wellenfrisuren, quietschbunte Fake-Pelze, riesige Puffärmel und wuchtige Kleider aus Folienstoffen, die aussehen wie Geschenkverpackungen aus den Achtzigern. Selbst im dämmrigen Zwielicht Sohos blitzen diese Camp-Looks noch hervor, als wollten sie die Zuschauer daran erinnern, wie falsch und fragil diese schillernde Gangstertümelei doch ist.
Leicht verdauliche Sozialkritik
Kostümbildnerin Claudia Irro erklärte vorab, dass sie die Figuren mit ihren Kostümen „hierarchiefrei erzählen“ wolle; sicher eine noble, doch undramatische Entscheidung bei einem Stück, das sich gerade mit den Machtgefällen unter den Randständigen der Gesellschaft auseinandersetzt. Das nimmt dem Abend zwar etwas von seiner Wucht, doch um eine konkrete Verortung oder ganz klare sozialkritische Bezüge geht es Karabuluts Inszenierung ohnehin nicht; eher arbeitet sie assoziativ mit ihrem wilden Stilkonglomerat, hebt im Schauspiel auf das Zwischenmenschliche und die individuellen Gefühlslagen ab. Gerade bei der Dreigroschenoper mit ihrer für Brechts Verhältnisse leicht verdaulichen Sozialkritik funktioniert das erwiesenermaßen gut.

Mit ihren fein durchgearbeiteten und gezielt gebrochenen Charakterzeichnungen ist Karabulut dann aber wieder ganz nah bei Brecht, und das Hausensemble spielt fulminant: Schon Zeynep Bozbay als Polly ist ein Ereignis für sich. In den ersten zehn Minuten als nervig quengelnde Braut will man sie gerade schon verabscheuen, doch dann stimmt sie ihr Lied von der Seeräuber-Jenny an, und allmählich dämmert uns, mit was für einer Polly wir es hier zu tun haben. Sie selbst zerschießt mit fünfzig Kanonen unser Bild vom verwöhnten Töchterchen auf Rebellionskurs und zeigt stattdessen, dass ihr Geschäftssinn sogar den des Vaters übersteigt. Nicht einmal vor dem Galgen macht er halt. Wie Bozbay hier mit ihrer Stimme spielt, wie flimmrig sie ihre Hände bewegt, wann sie das performativ genervte Augenrollen aufsetzt: Das alles zeugt von ihrer feinen Beobachtungsgabe, die auch aus dem Repertoire der Gen Z schöpft und sich hier aufs Beste mit ihrer selbstbewussten Bühnenpräsenz verbindet.
Großer Revuerausch
Ihr Mackie Messer, Thomas Wodianka, bleibt hingegen so undurchschaubar wie sein auffallend schlichtes schwarzes Kostüm. Den kaltblütigen Rüpel will man ihm kaum abnehmen, so charmant wiegt er das Publikum in sein schmalzlockiges Entertainergetue. Sogar Polizeichef Tiger-Brown wickelt er damit um den Finger, der seit dem gemeinsamen Indien-Einsatz immer noch an die großen Kameradschaftsgefühle glaubt. Diese exzentrischen Momente, die Karabulut auch Jeremiah Peachum (Lukas Darnstädt) abverlangt, geraten teils zu albern und verdicken den ansonsten wunderbar leichtfüßigen Abend unnötig. Denn das Zusammenspiel all dieser überdrehten Egomanen choreographiert sie zu einem großen Revuerausch, der zum vollen Griff in die Bühnensprache ausholt. Ein Kabaretttanz hier, ein bisschen Keaton-Slapstick da, dazwischen Akrobatik oder große Tableaus – das Ensemble schöpft das Potential der unsterblichen Weill-Songs körperlich und stimmlich beeindruckend aus.
Bettina Ostermeier und ihre sechsköpfige Band liefern dazu satten Tanzkappellensound, der sich auch bei kleineren Ungenauigkeiten der Bühne sofort anpasst und sich als eigenständiger Kommentator des Geschehens etabliert.
Bleibt nur zu hoffen, dass die nächsten Inszenierungen großer Klassiker in Zürich an diese Klarheit und diese unverkopfte Spielfreude anschließen können.
