Wer bin ich? Woher komme ich? Was ist das für eine Welt, in der ich existiere? Wann immer man Gedichte von Roberta Dapunt liest, hat man das Gefühl, sie wären aus einem tiefen Brunnen aufgestiegen, dessen Schacht bis an die Wurzeln der Südtiroler Dolomiten führt, aus dem sie abstammen. Die Überwältigung kommt auf leisen Sohlen, häufig mit einfachen Worten.
Die Dichterin empfängt im zweiten Stock ihres bis ins kleinste Detail geschmackvoll restaurierten Bauernhauses in Ciaminades, einem Ortsteil von Badia, das auch unter dem deutschen Namen Abtei bekannt ist. Nach Osten zu dominiert das Massiv der Fanes-Gruppe mit Heiligkreuzkofel und Cunturines-Spitze, einem Dreitausender, das Gadertal.
Schon ihr Debüt wurde bei Einaudi verlegt
Sie sitzt aufrecht und mit ernstem, aber zugewandtem Blick an einem quadratischen Holztisch mit Gebrauchsspuren. Schwarzes Leinen, langes dunkles Haar mit silbernen Fäden durchwirkt. Lebhafte Gesten, die Hände sprechen mit. Spult keine Routinesätze ab, überlegt, bevor sie antwortet, möchte den Dingen auf den Grund gehen und auf den Punkt bringen. Es geht um Klarheit, im Leben wie in der Dichtung. Die Mittfünfzigerin muss sich nicht bemühen, die Dichterin zu geben, sie ist eine.
Das Potential, den kommenden Rang Roberta Dapunts gespürt hat der Neapolitaner Erri de Luca, ein politischer Querkopf, der sie Einaudi empfahl. Der Turiner Verlag folgte der Empfehlung und publizierte ihr erstes Buch in der berühmten Weißen Reihe, das ist für Lyrik oberste Etage in Italien. 2008 erschien „La terra più del paradiso“ (2008), das acht Jahre später in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Dies mehr als Paradies“ bei Folio erschien, übersetzt vom Kollektiv Versatorium unter Führung von Peter Waterhouse. Auch „Le beatitudini della malattia“ (2013, deutsch: „Die Krankheit Wunder“, 2020) geht auf deren Konto.

Den 2012 erschienenen ladinischen Gedichtzyklus „Nauz“ übertrug die im Grödnertal geborene Alma Vallazza ins Deutsche. Sie räumt ein, dass der grödnerische Dialekt (Gherdëina) im Gadertal nur bedingt hilfreich war. Aus dem Italienischen übersetzte sie „Sincope“ (2018, deutsch: „Synkope“, 2021) und nun auch den neuesten Band „Il verbo di fronte“ (2024), der kommende Woche unter dem Titel „Das Wort gegenüber“ (Folio Verlag) in den Buchhandel kommt.
Ihre Muttersprache Ladinisch nennt Roberta Dapunt „den Dialekt des Unbewussten“. Ladinisch, eine von drei Amtssprachen in Südtirol, ist ein rätoromanischer Dialekt, der vom Aussterben bedroht ist. Nur noch rund 35.000 Sprecher in fünf Dolomitentälern – Gröden, Fassatal, Buchenstein, Gadertal, Cortina d’Ampezzo – beherrschen ihn. In Abtei spricht man Badiot, eine von sechs Varianten des Ladinischen.
Die Sprachfrage ist untrennbar mit der Identitätsfrage verbunden, und mit Zuschreibungen von außen. „In welche Schublade gehöre ich?“, fragt Dapunt nicht wirklich rhetorisch, auch wenn sie sich längst für das Italienische als Literatursprache entschieden hat. Das sei eine „Stilentscheidung“ gewesen, die sie traf, als sie das Istituto Professionale per il Commercio, eine Handelsschule, besuchte. Dort habe sie sich immer auf den Italienischunterricht gefreut, die Sprache regelrecht aufgesogen. Sie öffnete ihr die Weite der Welt.

An die Literatur herangeführt wurde Roberta Dapunt im Elternhaus nicht, ihre Lektüren seien wahllos gewesen. Sie las, was sie erwischte, aus der Gemeindebücherei in Bruneck, kaufte billige Bücher. „Was das angeht, habe ich Chaos im Kopf“, zuckt sie mit den Achseln. Und erzählt von der prägenden Lehrerin aus Kalabrien, die „ein wunderbares Italienisch gesprochen hat und uns im Unterricht vermittelte, wie man eine Zeitung liest“.
Einmal in der Woche durfte sich die Schülerin Bücher aus der privaten Bibliothek der Lehrerin leihen. „So bin ich mit der Sprache in eine Beziehung gekommen. Die Sizilianer nennen Italienisch ,Sonntagssprache‘, das gefällt mir.“ Auch Deutsch hat sie gelernt, das sei die schwierigste Sprache gewesen – und bis heute geblieben, obwohl sie es mühelos spricht.
Dapunt stammt aus dem Ortsteil Pedraces, aus einfachen Verhältnissen, zwei Geschwister, die Mutter kochte in den Hotels, der Vater war Maurer, dem Alkohol verfallen. Die Hausaufgaben hat sie in der Bar Dolomio gemacht, die heute noch existiert. Dort hat sie auch Kinder von Urlaubern getroffen, mit denen sie sich angefreundete. Und dann lernte sie den Bauernsohn von der anderen Talseite lieben, Lois Anvidalfarei, der in Wien bei Joannis Avramidis Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste studierte.
„Menschen sollten wiederkäuen können“
Ihm wollte sie nach Wien folgen, sich dort ansiedeln, aber dann kam der Ruf aus der Heimat – Lois erbte den Hof seiner Eltern, und so wurde Roberta Dapunt Bäuerin, eine Profession, von der sie keine Ahnung hatte. „Das war mein Praktikum. Ich habe im Stall gelernt, dadurch habe ich meine Sprache besser gelernt, denn ich lernte ganz neues Vokabular meiner Muttersprache kennen.“
Das Resultat dieser Lehrzeit ist in dem bereits erwähnten Band „Nauz“, ladinisch für Futtertrog, nachzulesen. Gedichte, die sich aus der Beobachtung von Tieren, Pflanzen, Wald speisen, das Innehalten der Kühe beschreiben, wenn ein Mensch den Stall betritt. „Menschen sollten wiederkäuen können.“ Der Satz fällt in dem Dokumentarfilm „Roberta Dapunt – Laute schreibe ich“ (2020) von Antonio Dalla Palma und Pier Paolo Giarolo. Dort spricht sie über ihre Faszination für das Wiederkäuen der Kühe, das eine besondere Form von Stille mit sich bringe.
Ein Herz für Außenseiter
Gedichte, die die Poesie des Geruchs erfassen, der in der Luft liegt, kurz bevor im Herbst der erste Schnee fällt. „Ich kam aus dem Stall zurück und wusste, was ich schreiben wollte. Das Kreatürliche dringt in dich ein, und dadurch dringst du selbst in dich ein“, beschreibt sie diesen Transformationsprozess, der die Sinneswahrnehmung in gesprochene, dann geschriebene Sprache verwandelt. Während sie darüber spricht, wendet sich ihr Blick nach innen, dorthin, wo die Erinnerung schlummert. Er erfasst auch jene seltsamen Figuren, die im Dorf Außenseiter sind, aber ihre Existenzberechtigung nicht beweisen müssen. So wird ein armer, verschrobener Alter namens Linert im Gedicht zu einem Engel.
Ciaminades sei ihre Rettung gewesen. Alles wohlgeordnet, ruhig und gemessen sei der Alltag durch die Hofarbeit strukturiert gewesen. Und verankert im Glauben, den sie selbst nicht teilt. „Vor dem Unterricht wurde jeden Tag die Messe gefeiert. Und auf dem Hof wurde vor allem und nach allem ein Gebet gesprochen.“ So wuchs sie inmitten gelebter religiöser Praxis auf, die bis heute nachhallt: „Ich mag einfach liturgisches Vokabular.“

Diese geordnete Gleichförmigkeit des bäuerlichen Alltags, das Leben mit der Natur, zwei Kinder, die sie gebar, all das hat ihr geholfen, die unruhige Seele in Schach zu halten. Bei der Hochzeit hat ihr die Schwiegermutter den Stab übergeben, das bedeutete, am Ende auch ihre Pflege zu übernehmen. Erst starb der Schwiegervater, dann begann ein zehnjähriger aussichtsloser Kampf gegen die Alzheimerkrankheit, die sich der Hausherrin, die hier Uma genannt wird, bemächtigt hatte. Sie habe viel gelernt in diesen Jahren, sagt Dapunt, „über die Würde der Gepflegten und die der Pflegenden“. Die Erinnerung bewahrt sie in den Kammern, die die Schwiegereltern bewohnten im ersten Stock. „bewohnen ist das wort das das heute mit dem morgen verbindet“, heißt es in einem Gedicht.
„Mein Mikrokosmos ist Ciaminades, Abtei, das Gadertal, Südtirol.“ Aber das bedeutet nicht, dass sie zu den „Eingenähten“ zählen würde, die nicht über ihr Tal hinausschauen könnten. Ihr Verleger Ludwig Paulmichl beschreibt seine Autorin als bestens informiert über die politische Großwetterlage. „Ich bin sehr verwandt mit der Außenwelt“, sagt die Autorin Roberta Dapunt, und lässt erkennen, wie unglücklich sie diese aktuell mache.
„Sie sollte mal einen großen Preis erhalten“, sagt Michael Krüger
Und auch wenn sie den Zweifel als existenziellen Bestandteil ihrer Dichtung beschreibt, zehrt dessen beständige Anwesenheit doch an ihren Nerven. In „Bußgebet“ zweifelt das lyrische Ich am bislang Erreichten: „Ein halbes Jahrhundert nun seit dem ersten Atemzug, erweist sich die Parabel meines einzigen Talents kümmerlich (…). Nicht das gedachte Wort, es zählt in der Dichtung die Spur der Worte.“ Dass sie mit einer Schreibkrise kämpft, hat auch damit zu tun, wie sehr sich ihr Mikrokosmos verwandelt hat. Nach den Schwiegereltern starben ihre Eltern, die Kinder gingen hinaus in die Welt, was in Südtirol oft bedeutet, nach Wien. Die Landwirtschaft wurde verpachtet, die Arbeit war nicht mehr zu stemmen.
„Ich spreche gegen meine eigenen Interessen, wenn ich sage, das halbe Buch ist nicht gut“, hadert die Dichterin mit ihrem Werk. Das sehen Kundige wie der langjährige Verleger und Schriftsteller Michael Krüger freilich anders: „Roberta Dapunt ist eine große Dichterin der Natur, aber ohne den Kitsch, der die Naturliebhaber oft so unerträglich macht. Sie sollte mal einen großen Preis erhalten, damit wenigstens ein paar Menschen Gelegenheit haben, sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie zu lesen.“
Südtirol ist für Italiener nicht Italien?
Den großen Preis bekam sie im Juni, als man ihr in Mailand den Premio Montale verlieh, eine prestigeträchtige Auszeichnung, die an den Literaturnobelpreisträger Eugenio Montale erinnert. Wenn sich die italienische Kulturpresse dennoch schwer mit ihr tut, liege das eben doch an ihrer Herkunft: „In Südtirol bin ich Südtirolerin, in Italien aber bin ich eine deutsche Südtirolerin, weil ich aus Alto Adige komme, und das ist für Italiener nicht Italien.“ Mit Schaudern erinnert sie sich an das Jahr 2012, als sie bei den Rauriser Literaturtagen als „Südtiroler Bäuerin“ vorgestellt wurde. Das Etikett „Dichterin aus dem Gadertal“ würde sie gern loswerden.
Aus nachvollziehbaren Gründen, denn in „Das Wort gegenüber“ erweist sich Dapunt als politisch hellwache Zeitgenossin. Dort ist zu lesen: „Gleichgültigkeit empört und beleidigt mich. Jene zumal, die den Gedanken, Fakten und der Realität gegenüber äußerlich mit ruhigem und gesittetem Zuhören und Zuschauen begegnet. Innerlich aber mit Eitelkeit und Vorurteil auf das Zuhören und Zuschauen reagiert, sich entzieht und in die eigene Tasche steckt, wie ein schmutziges Taschentuch, das lieber im Verborgenen bleibt.“
Die Regeln des Literaturbetriebs kümmern sie wenig
Doch Gedichte über Gaza oder die Ukraine zu schreiben, sei ihr nicht möglich. „Ich würde nie ein modernes Wort wie ,online‘ verwenden.“ Da ist sie wieder, diese Widerborstigkeit, die manchen italienischen Feuilletonisten Schwierigkeiten bereitet. Denn Dapunt, die keine Universität besucht hat, weigert sich beharrlich, sich in Traditionslinien oder Schubladen stecken zu lassen. Dass man nach den Regeln des Literaturbetriebs spielen muss, wenn man dazugehören will, kümmert sie wenig. Sie bedient diese Regeln bei Lesungen, hat eine neue Rolle gelernt, die das Image des Bäuerlichen mit Eleganz abräumt.

Als literarische Vorbilder nennt sie zwei Filmregisseure: Andrej Tarkowski, dessen Filme sie vor vielen Jahren bei einer Retrospektive in Wien als Schule des Sehens für sich entdeckt hat, und in späteren Jahren Béla Tarr. Es fällt kein Dichtername, schon gar nicht jener des geographisch naheliegendsten Andrea Zanzotto, der im Veneto lebte. Wenn überhaupt, da sind sich Paulmichl und Vallazza einig, gibt es eine geheime Leidenschaft Dapunts für die Lyrik der Österreicherin Christine Lavant.
Wie man den Overtourism in die Schranken weist
Lange Zeit haben die Dörfler in Abtei mit der Arbeit des Künstlerpaars gefremdelt, wie man das im Dorf eben macht. Noch nicht einmal im Fall von „Nauz“ gab es eine Lesung im Tal, doch mittlerweile ist die Frage, warum Roberta Dapunt nicht ladinisch dichte, verstummt. Lois Anvidalfarei wurde von der Gemeinde gebeten, aus einem Parkplatz einen Platz zu machen, der den Namen verdient. Jetzt erinnert die mannshohe Skulptur eines Arms an den als Deserteur hingerichteten Merch Dapunt, einen entfernten Verwandten.
„Wahrhaftig“ seien die Menschen im Gadertal sagt Alma Vallaza, sie hätten sich noch nicht ganz den Zwängen des Tourismus unterworfen. Roberta Dapunt stimmt dieser These zu, auch wenn man vom Balkon aus auf zwei architektonisch banale Wellnesshotels blickt. Der Bauernstand sei noch intakt, das könne man auch daran ablesen, dass im Gadertal pro Jahr noch sechzig bis achtzig Schweine geschlachtet werden – und im Grödnertal kein einziges mehr.
Der Platz, an dem sie schreibt, ist eine Wortwerkstatt, in der noch Handarbeit stattfindet. Und laut mitgesprochen wird. Immer und immer wieder. Diese Ausdauer für das Feilen am Wortkörper habe sie von ihrem Bildhauer-Mann abgeschaut. Erst wenn sie denkt, die handschriftlichen Entwürfe seien fertig, wird das Gedicht in den Computer getippt, und der Ausdruck an die Wand gepinnt oder an eine Leine gehängt. Dort reifen die Texte weiter, manchmal jahrelang. „So lange Zeit ließ ich, Gedicht, dich hängen / ohne Gedanken und Schreiben, einsam an der Wand, / hörte auf, dich zu lesen, schrieb nicht noch redigierte ich dich.“
Dichtung, das ist für Roberta Dapunt auch ein Transportvehikel zur Erkundung der Geschichte. Weil sie zum Ausdruck bringen kann, was Menschen vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden dachten und empfanden, in manchen Fällen besser, als es Historiker vermögen. Dichtung ist harte Arbeit, man ist allein mit dem Sprachschöpfungsprozess. Was sie aus diesem Brunnen ans Licht befördert, kommt nur aus ihr. Immer wieder stößt sie dabei an Grenzen, durchlebt, um wie viel schwieriger es ist, bekannte Orte zu erfassen, denn unbekannte.
So sehnt sie sich im letzten Gedicht des neuen Bandes, es trägt den Titel „das Wort gegenüber II“, nach Erlösung von dieser Fron. Sie träumt davon, dass ihre langjährige Inspirationsquelle nicht versiegen möge: „Meine Wiese, / das Gewohnte ihrer Farben zu übersetzen, / um der einen geschriebenen Zeile willen. Mich derart / aufzulösen zwischen Form und Inhalt, / um wiederum und erneut meine Wiese zu beschreiben.“
