
Als Elif Eralp am Sonntagabend auf der Wahlparty der Linken in Berlin-Treptow spricht, gibt es einen Moment, der sich stark von den üblichen Ritualen an Wahlabenden unterscheidet: Eralp begrüßt „Christoph von Amnesty“. Er hat für sie eine besondere Bedeutung: „Er hat mich und meine Familie vor 45 Jahren vor dem Flüchtlingsheim bewahrt“, erzählt sie auf der Bühne. „Danke, dass es solche Menschen wie dich gibt“. Die Partygäste bejubeln den Mann. Sie besingen die „internationale Solidarität“. Am Ende ihrer Rede rief sie auf Türkisch in den Saal: „Wir haben Geschichte geschrieben, Freunde.“
Die Spitzenkandidatin der Berliner Linken, die für ihre Partei in der Hauptstadt ein Rekordergebnis geholt hat, wurde 1981 in München geboren. Ihre Eltern waren als Sozialisten in der Türkei politisch aktiv. Nach dem dortigen Militärputsch im Jahr 1980 verließen sie das Land. Später zog die Familie nach Hamburg, wo Eralp zur Schule ging, Jura studierte und am dortigen Amtsgericht ihr Referendariat absolvierte. In der Linken war sie damals noch nicht, erst 2017 trat sie in die Partei ein.
Eralp will ein Wahlrecht für Ausländer
Danach machte sie schnell Karriere: Zunächst gründete sie 2019 mit einigen Mitstreitern die Linken-Arbeitsgemeinschaft „Migrantische Linke/Links*Kanax“. Zwei Jahre später zog sie ins Berliner Abgeordnetenhaus ein. Zuvor hatte sie als juristische Referentin in der Linken-Bundestagsfraktion gearbeitet. Diese Expertise konnte die Berliner Linkspartei gut gebrauchen: Als Parlamentsneuling wurde Eralp 2021 an den damaligen Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen beteiligt. Sie setzte sich dort für eine Bundesratsinitiative für ein Wahlrecht für Ausländer ein.
Bei der Wiederholungswahl 2023 verteidigte Eralp ihr Mandat im Abgeordnetenhaus – und die Linke landete in der Opposition. Ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt. Katina Schubert, Urgestein der Berliner Linken und damals Landesvorsitzende, förderte sie. Im vergangenen Jahr fragten dann Schuberts Nachfolger Eralp, ob sie sich die Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters zutraue. Eralp bejahte das.
Schafft sie es, die Neumitglieder von Kompromissen zu überzeugen?
Anschließend gelang es ihr, die sehr unterschiedlichen Mitglieder der Berliner Linkspartei hinter sich zu versammeln: Junge Palästina-Aktivisten machten ebenso Wahlkampf für sie wie Senioren aus den Ostbezirken mit SED-Biographie. Im Wahlkampf setzte Eralp vor allem auf die Themen Miete, Müll und Nahverkehr. Sie wiederholte immer wieder ihre Forderungen nach der Enteignung großer Wohnungsunternehmen, kostenlosen Sperrmülltagen und günstigeren Preisen bei Bus und Bahn.
Wer sich unter Linken-Mitgliedern umhört, die mit Eralp enger zusammenarbeiten, bekommt oft erzählt, dass die Juristin fleißig und detailgenau arbeite. Sie soll zudem hohe Ansprüche an ihre Genossen formulieren.
Eine Belastung für die Spitzenkandidatin ist die Eigenwilligkeit des Linken-Bezirksverbands Neukölln. Nach dem Auftritt des Rappers Dahabflex, der bei den Neuköllner Linken die „Intifada“ besungen und der israelischen Armee den Tod gewünscht hatte, fiel es ihr erkennbar schwer, die dortige Parteiführung zur Rechenschaft zu ziehen. Eralp forderte zwar Konsequenzen und sagte, die Verantwortlichen hätten intervenieren müssen. Ein Schiedsgerichtsverfahren leitete die Linkspartei aber nicht ein. Es ist unklar, wie stark sich Eralp dafür intern einsetzte.
In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob Eralp ihre Partei im Griff hat. In den vergangenen zweieinhalb Jahren ist die Berliner Linke von etwa 7000 auf über 19.000 Mitglieder angewachsen. Viele junge Aktivisten sind in die Partei eingetreten. Ob Eralp sie während möglicher Koalitionsverhandlungen mit Grünen und SPD auch von schmerzhaften Kompromissen überzeugen kann, wird wohl darüber entscheiden, ob sie langfristig Erfolg hat. Ein erster Test für Eralp steht am Freitag an: Dann will die Linke auf einem Landesparteitag über die Aufnahme von Sondierungsgesprächen entscheiden.
