Herr Gross, Sie haben das Programm des DHM unter den Leitbegriff der historischen Urteilskraft gestellt. Wie passt die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“ in dieses Konzept?
Raphael Gross: Sie passt hinein, weil es bei der historischen Urteilskraft um die Fähigkeit geht, unsere gegenwärtige Situation im Licht unseres historiographischen Wissens zu beurteilen. Die Frage, ob Nationalsozialismus und Kolonialismus, faschistische und koloniale Gewalt vergleichbar sind, wird, das zeigt die Ausstellung, seit fast hundert Jahren diskutiert. Diese Debatte war am Anfang eine politische, keine wissenschaftliche. Wir zeigen jetzt den historischen Hintergrund, damit sich jeder ein eigenes Bild davon machen kann.
Herr Malinowski, wieso haben Sie die Zeitspanne, von der die Ausstellung handelt, auf sechzig Jahre begrenzt?
Stephan Malinowski: Man hätte auch bis 1492 und zur Eroberung Mexikos durch Hernán Cortés zurückgehen können. Aber bei der Planung wurde schnell klar, dass die Ausstellung nicht ein halbes Jahrtausend sinnvoll abdecken kann. Deshalb haben wir uns auf die Zeit vom Hochimperialismus um 1900 bis zur Unabhängigkeit der meisten ehemaligen europäischen Kolonien um 1960 beschränkt. Indien und Südostasien waren früher unabhängig, aber 1960 gilt in der Forschung als historischer Einschnitt. Das zweite Argument wäre, dass das Deutsche Historische Museum eben keine Gegenwartsdebatten führt.
Dass Sie Israel in der Ausstellung nicht erwähnen, wird sicher für Diskussionen sorgen.
Malinowski: Der Nahostkonflikt gehört zu den vielschichtigsten Konflikten des 20. Jahrhunderts. Ihn auf die Formel „Kolonialismus“ zu stutzen, mag politisch attraktiv sein, wird seiner historischen Komplexität aber nicht gerecht. Die Ausstellung plädiert dafür, ideologische Vereinfachungen durch empirische Genauigkeit und den Blick auf widersprüchliche Konfliktlinien zu ersetzen. Vermutlich wird man einerseits kritisieren, wir rückten den Holocaust zu nahe an den Kolonialismus, und andererseits, wir machten die Unterschiede zu stark. Das müssen wir aushalten. Die Ausstellung ist nicht dazu da, Deutungen vorzuschreiben, sondern um Denkanregungen zu geben.
Sie breiten einen historischen Meinungsstreit aus und zugleich das Material, auf das er sich stützt. Wie halten Sie diese beiden Aspekte in der Ausstellung auseinander?
Malinowski: Als Nicht-Ausstellungsmacher, der ich bis vor drei Jahren war, würde ich sagen, dass man sehr schnell lernt, wie man die Dinge in ihren Kontext rückt. Wenn man zum Beispiel sagt, Konzentrationslager gab es auch im Kolonialismus, steht man sofort vor der Frage, was genau, welche Institutionen gemeint sind, wenn man von „Lagern“ oder „concentration camps“ spricht. Die Ausstellung ist thematisch aufgeteilt in neun verschiedene Räume mit einem Prolog, und in jedem Raum stehen sich am Anfang zwei Leitzitate gegenüber, die andeuten, worum es jeweils geht: Zwangsarbeit, Widerstand, Kollaboration, Siedlung oder Vernichtung, um nur einige der Themen zu nennen. Am Ende der Ausstellung gibt es einen Raum, in dem fünf Expertinnen und Experten auf Monitoren ihre verschiedenen Sichtweisen erläutern und die Besucher auf Zetteln ihre eigene Meinung kundtun können. Mit den etwa 650 Objekten versuchen wir Schichten der empirischen Ebene anzudeuten, aber zwischen sie eingestreut sind zeitgenössische Urteile aus verschiedenen Perspektiven und Weltregionen.

Gab es bei Ihrer Recherche Fundstücke, die Sie überrascht haben?
Malinowski: Was mich am meisten überrascht hat, sind die präpanafrikanischen Intellektuellen der Dreißigerjahre, die lange vor Hannah Arendt auf die Idee kommen, Kolonialismus und Faschismus zu vergleichen. Sie sagen etwa zu den Briten, ihr wollt, dass wir mit euch gegen die Nazis kämpfen, aber dann dürft ihr uns nicht so behandeln, wie ihr es tut. Mich hat beeindruckt, mit welcher Wucht und Klarheit diese Leute debattieren und wie global vernetzt sie sind. Karibische Schriftsteller publizieren in indischen Zeitschriften, C. L. R. James, ein Intellektueller aus der Karibik, steht 1935 am Trafalgar Square und hält eine Rede gegen den italienischen Vernichtungskrieg in Abessinien. In Hitlers Reich hätte er eine solche Rede natürlich nicht halten können.
Wie machen Sie diesen Unterschied sichtbar?
Malinowski: Zum Beispiel, indem wir über Hans Litten und Mahatma Gandhi reden. Gandhi war ein an den feinsten britischen Universitäten ausgebildeter Rechtsanwalt, der in Südafrika und dann in Indien praktizierte. Dem stellen wir die Robe von Litten gegenüber, der in der Weimarer Republik linke Oppositionelle verteidigt hat und ab 1934 im KZ saß, wo er 1938 nach schwerer Folter Suizid beging. Oder der berühmte Auftritt von August Bebel im Reichstag, wo er die Nilpferdpeitsche mitbringt, um die Gewalt der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika anzuprangern. Es gibt in allen kolonialen Systemen einen Strang der Opposition, der Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte braucht, bis er wirksam wird. Im Nationalsozialismus dagegen wird der Widerstand immer weiter zerrieben, bis am Ende nur noch Staub übrig ist. Anders als der Kolonialismus wird der NS-Staat auch nicht von innen gesprengt, sondern von der Roten Armee und den Alliierten zerstört. Davon wird der Kolonialismus nicht besser. Aber sein Bild wird anders.
Aimé Césaire hat nach dem Zweiten Weltkrieg erklärt, der Westen rege sich vor allem deshalb über Hitler auf, weil sich die Gewalt diesmal gegen weiße Europäer gerichtet habe. Wie gehen Sie mit diesem Satz um?
Malinowski: Wir stellen ihn neben ein Zitat von Jean Améry, der in den Sechzigerjahren schreibt, das Grauen des Holocausts werde irgendwann untergehen in einem allgemeinen Gejammer über die Barbarei des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich glaube, man muss aushalten, dass es beide Perspektiven gibt. Wer aus Uganda oder Indien oder Kambodscha auf den Holocaust schaut, ordnet ihn oft anders ein. Man muss diese Haltung nicht übernehmen, aber mir erscheint es wichtig, sie zu kennen. Es geht um Perspektivität, um die Überprüfung und Schärfung der eigenen Sichtweise anhand der anderen. Césaire spricht, als er den Satz über Hitler und die Europäer sagt, als kommunistischer Abgeordneter im französischen Parlament. Er möchte nicht den Nationalsozialismus analysieren, von dem er denkbar wenig versteht, sondern das französische Kolonialsystem maximal diskreditieren. Wenn man sich die unmittelbare Nachkriegszeit ansieht, gibt es einen Kippmoment in dem Augenblick, in dem die afrikanischen und karibischen Freiwilligen, die wie Frantz Fanon gegen die Wehrmacht gekämpft haben, nach der Demobilisierung ihren Lohn in Form der Unabhängigkeit einfordern und nicht bekommen. Am 8. Mai 1945 töten die Franzosen in Algerien zwischen fünf- und zwanzigtausend Zivilisten, die gegen das Kolonialregime demonstriert haben. In Europa ist Frieden, aber in den Kolonien beginnt in diesem Moment der Krieg.
Wie zeigen Sie die unterschiedlichen Formen des Rassismus im Verhältnis zum Antisemitismus?
Gross: Dieser Unterschied ist einer der entscheidenden in der Ausstellung. Es gibt den historischen Moment, in dem aus der christlich-abendländischen Judenfeindschaft heraus so etwas wie eine Biologisierung stattfindet. Im Nationalsozialismus gibt es beides gleichzeitig, den „klassischen“ Rassismus und den Antisemitismus. Wenn man sich ansieht, wie in Polen die jüdische und die nichtjüdische Bevölkerung behandelt wurden, erkennt man den Unterschied: Beide Bevölkerungsgruppen werden brutal verfolgt, aber auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichen Zielen.
Malinowski: Man kann die Geschichte des Antisemitismus dreitausend Jahre zurückverfolgen oder den Bruch betonen. Raphael Gross betont eher die lange Linie. Auch ich sehe die, würde aber hervorheben, dass das Aufkommen des radikalen Antisemitismus und die pseudo-wissenschaftliche Formulierung des rassistischen Denkens am Ende des 19. Jahrhunderts ungefähr gleichzeitig stattfinden. Die meisten Antisemiten sind damals auch Rassisten und umgekehrt. Beide Systeme sind auch eine Antwort auf die marxistische Idee, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist. Gegen Klasse setzen sie Rasse. Und mit beiden Systemen lassen sich Unterjochung und Ermordung von Millionen von Menschen begründen. Während aber die Juden einerseits als minderwertig gebrandmarkt werden, wirft man ihnen vor, die Börse, die Politik, die Kultur, den Bolschewismus, die Revolution, die Presse und auch alles andere zu beherrschen. Normalerweise ist Rassismus die Abwertung von sogenannten Untermenschen. Hier hat das eine andere Gestalt.

Was gewinnt man denn wissenschaftlich, wenn man von einer Kontinuität zwischen Kolonialismus und NS-Regime ausgeht? Die Rationalität der kolonialen Ausbeutung wird doch durch den Holocaust außer Kraft gesetzt.
Gross: Die Ausstellung untersucht zunächst einzelne Aspekte, bevor sie darauf eine Antwort zu geben versucht. Giftgas wurde in Abessinien systematisch und massiv eingesetzt – auch gegen die Zivilbevölkerung. Yperit, „Senfgas“, traf Menschen und Tiere. Die Zivilbevölkerung war dieser Form der Kriegsführung weitgehend schutzlos ausgeliefert. Zwangsarbeit und extreme Formen der Ausbeutung finden wir in beiden Gewaltzusammenhängen. Ulrich Herbert zeigt im Ausstellungskatalog, dass während des Zweiten Weltkriegs etwa zwölf bis 13 Millionen Nichtdeutsche für Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten – eine Größenordnung, die an die geschätzten zwölf bis 15 Millionen Opfer des transatlantischen Sklavenhandels heranreicht. All das gehört in den Kontext des Vergleichs. Dann gibt es aber Punkte, an denen die Parallelen aufhören. Die Ausstellung erzählt, wie etwa fünfzehnhundert Juden aus Rhodos gemeinsam mit der jüdischen Bevölkerung anderer griechischer Inseln noch im Sommer 1944 über Tausende von Kilometern per Schiff und mit Zügen nach Auschwitz gebracht werden, um dort ermordet zu werden. Dafür gibt es keine ökonomische, militärische oder wie auch immer geartete Erklärung außer dem schieren Vernichtungswillen.
Malinowski: Mir erscheint der von Claus Leggewie geprägte Begriff des Extraktivismus hilfreich, um die koloniale Logik zu beschreiben. Es geht um die maximale Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft und natürlich Ressourcen. Nicht, dass der Nationalsozialismus das nicht täte. Auch bei der schrittweisen Enteignung und Entrechtung der europäischen Juden ist das Element der Ausbeutung durchaus vorhanden, sogar in seiner radikalsten Form. Aber in der zweiten Hälfte des Jahres 1941 gibt es einen welthistorischen Bruch in der Gewaltgeschichte. In dem Augenblick, in dem Polen besetzt ist und die Sowjetunion überfallen wird, passiert etwas vollkommen Neues, was man aus dem Traditionsstrom des Kolonialismus, in dem Hitlers Herrschaft bis dahin mitgeschwommen ist, nicht mehr erklären kann. Es gibt die Tradition der kolonialen Gewalt, und es gibt den Bruch mit ihr. Vielleicht sollten wir auch aufhören, von „Lagern“ zu reden, wenn wir von Treblinka, Sobibor, Belzec und Auschwitz-Birkenau sprechen. Das sind Mordstätten, an denen die meisten Menschen, die dort ankommen, die ersten vierundzwanzig Stunden nicht überleben. Solche Institutionen gibt es in der kolonialen Sphäre nicht. Deshalb hat der achte Raum der Ausstellung, der von der industriellen Massenvernichtung handelt, als einziger der Themenräume nur eine nationalsozialistische Thematik.
Sie stehen mit der Ausstellung zwischen zwei extremen Standpunkten. Der eine findet es skandalös, Kolonialismus und Holocaust überhaupt nebeneinanderzustellen, der andere zieht eine direkte Linie von Windhoek nach Auschwitz und sieht nur zwei Nuancen derselben Form von Genozid. Wie finden diese beiden Extreme in der Ausstellung zusammen?
Malinowski: Wir können nur vom denkenden Menschen ausgehen, von jemandem, der bereit ist, seine eigenen ideologischen Vernagelungen zu überprüfen. Man kann durch diese Vergleiche viel lernen, im Sinne Karl Mannheims und seines Konzepts der Seinsgebundenheit des Denkens. Was nicht bedeutet, dass alle Perspektiven gleichzeitig wahr sind. Aber wenn wir verstehen, dass sie jeweils von verschiedenen Seinsstandpunkten oder Lebenswelten herkommen, haben wir die Chance, unsere eigene Perspektive dem anzunähern, was wir als Wahrheit verstehen. Wir werden die Debatte nicht beenden, wir wollen sie entgiften. Solange es Geschichte gibt, wird man über diese Fragen streiten.
Gross: Methodisch zielen wir auf die Unterscheidungsfähigkeit. Und natürlich muss man nicht wählen, ob man sich an die Kolonialopfer oder an die Opfer der Schoa oder des Zweiten Weltkriegs erinnert. Man kann beides, und diese Ausstellung tut beides. Die Solidarität mit den Opfern wird nicht größer, wenn man die Unterschiede verwischt. Die Nationalsozialisten hatten ein genaues Wissen über Versklavung und Kolonialismus und haben ihr System von Ausbeutung und Zwangsarbeit daran ausgerichtet. Die nationalsozialistische Herrschaft und der von Deutschland entfesselte Krieg führten aber innerhalb weniger Jahre zu einer historisch beispiellosen Konzentration von Massenmord und Vernichtung.

Von postkolonialer Seite gibt es in letzter Zeit den Vorwurf, die Forschung zum Holocaust sei provinziell, weil sie Vergleichsverbote erlasse. Tatsächlich hat sie ein solches Verbot nie formuliert, sondern immer betont, dass man nur durch Vergleiche das Spezifische der Gewalt erkennen kann. War das auch ein Auslöser für die Ausstellung?
Gross: Diese Diskussionen sind in Deutschland im Zuge der Eröffnung des Humboldt-Forums aufgekommen und mit Texten über einen angeblichen Katechismus der Deutschen in Bezug auf den Holocaust befeuert worden. Wenn wir dazu beitragen können, empirisch zu zeigen, wie weit diese Debatten eigentlich zurückreichen, haben wir viel erreicht.
Malinowski: Die Schärfe der Debatte in Deutschland hängt sicher auch damit zusammen, dass die Anerkennung des Holocausts und die Abkehr von allem, wofür er steht, im Zentrum des politischen Selbstverständnisses der Bundesrepublik steht. Die Behauptung, er sei lediglich ein Genozid unter Hunderten gewesen, fordert dieses Selbstverständnis heraus. Dann beginnen fragwürdige Zahlenspiele: Sechs Millionen Ermordete werden gegen geschätzte oder akkumulierte Opferzahlen aus Kongo oder aus Indien gestellt. Zugleich muss man anerkennen, dass sich der Zivilisationsbruch, um den Begriff von Dan Diner zu verwenden, aus afrikanischer und asiatischer Perspektive anders darstellen kann. Kolonialismus und Nationalsozialismus stehen für Menschheitsverbrechen und Zusammenbrüche europäischer Zivilisation. Es gibt jedoch nicht nur politische, sondern auch analytische Gründe, das hoch verdichtete Mordgeschehen des Holocausts und den Anspruch, jeden erreichbaren Juden zu töten, als historischen Sonderfall zu betrachten.
Mit welchen Bildern im Kopf soll der historisch interessierte Betrachter aus der Ausstellung kommen?
Malinowski: Jeder wird wohl an einem anderen Objekt hängen bleiben. Das ist die Kraft, die eine solche Ausstellung hat und die sie im Vergleich zu einem Text auf besondere Weise lesbar macht.
Gross: Wir haben viel über das Modell von Auschwitz des polnischen Bildhauers Mieczysław Stobierski diskutiert. Es gibt fünf Exemplare dieses Modells, eines stand bis vor fünf Jahren in unserer Dauerausstellung. Dieses Werk hat eine ungeheure Sogkraft, weil es von den einzelnen Opfern abstrahiert und den Mechanismus der Todesfabriken zeigt.
Malinowski: Das Auschwitzmodell ist sehr drastisch, nicht nur wegen seiner schieren Größe. Man wird nicht einfach an ihm vorbeigehen können. Aber auch andere Themen, wie etwa eine Bildprojektion zur Großwildjagd, erscheinen mir eindrucksvoll. Was Abbildungen angeht, gibt es zunehmend die Forderung, antisemitische Texte oder rassistische Motive nicht zu zeigen, weil sie den Täterblick und die Gewalt angeblich perpetuieren. Ich denke aber, dass man Rassismus und Antisemitismus weder erforschen noch kritisieren kann, wenn man es nicht aushält, diese Bilder zu sehen. Wer sich dieser Gewaltgeschichte stellen möchte, kann keinen angenehmen „Safe Space“ erwarten.
Die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“ ist vom 16.10.26 bis zum 11.04.27 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen.
