Als der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann am 11. August 1926 an das Rednerpult der Paulskirche trat, hatte er schon mehrere Kämpfe austragen müssen. Die lokale NSDAP hatte das Friedrich-Ebert-Denkmal zwar nicht mehr verhindern können, aber auch der deutschnationale Kirchenvorstand der Paulskirche hatte sich lange dagegen gewehrt. Immerhin ehrte das Denkmal den ersten Präsidenten des neuen, demokratischen Deutschlands und damit auch den neuen, demokratischen Staat: die Weimarer Republik. Nicht zufällig hatte sich Landmann für die Enthüllung den 11. August ausgesucht, den damaligen Verfassungstag.
„Wir sind versammelt, um den Geburtstag der Republik zu feiern“, zitierte das „Städtische Anzeigeblatt“ Landmanns Rede. Dafür hatte er auch die Paulskirche bewusst gewählt. Dort hatte die Revolution von 1848/49 ihren Höhepunkt gefunden – und die erste demokratische Verfassung Deutschlands hervorgebracht. Zwar war diese Verfassung durch das Scheitern der Revolution nie in Kraft getreten, doch die Weimarer Republik hatte sie als Vorlage für ihre Verfassung herangezogen. Damit gab es also eine Tradition. Landmann sah die Paulskirche als einen Ort, „wo die Besten unseres Volkes den Traum geträumt haben, dem unsere Zeit die Erfüllung brachte“.

Dieses Werben für die Demokratie war mehr als bloße Symbolpolitik. Gerade in den deutschen Führungsschichten herrschten noch antidemokratische Tendenzen vor. War die Republik nicht erst durch den Zusammenbruch des Kaiserreichs entstanden? Hatte sie anfangs nicht bürgerkriegsähnliche Zustände und wirtschaftliche Miseren mit sich gebracht? Ebendiesen Ressentiments wollte Landmann etwas entgegensetzen. Nicht der Aufbau der Demokratie habe die Krisen ausgelöst, sondern, im Gegenteil, der Zusammenbruch der Monarchie. Doch damit sei es nun vorbei: „Die Aufrichtung der demokratischen Republik hat das deutsche Volk zum ersten Mal zum Herrn seines Geschicks gemacht“, so Landmann.
Lebhafter Beifall für Landmann
Er habe in „klaren und überzeugenden Worten“ gesprochen und „lebhaften Beifall“ erhalten, hieß es in damaligen Presseberichten. Dabei war der Mann am Rednerpult wahrlich kein geborener Redner. Selbst wer Landmann näher kannte, erlebte ihn als einen stillen Menschen. Sein Biograph Dieter Rebentisch schreibt über ihn: „Mittelgroß, untersetzt und beleibt, genau zwei Zentner schwer, glich er eher einem behäbigen, den angenehmen Seiten des Lebens zugewandten Mann als einer zu öffentlicher Wirksamkeit berufenen Kämpfernatur.“ Und Landmanns weiterer Biograph Wilhelm von Sternburg ergänzt: „Er sprach leise und hatte vor öffentlichen Auftritten stets starkes Lampenfieber.“

Trotzdem war Ludwig Landmann ein Politiker mit festen Überzeugungen und mit der Fähigkeit, diese auch durchzusetzen. Zu diesen Überzeugungen gehörte insbesondere die Demokratie.
Der Regen hatte gerade aufgehört, als Landmann seine Rede schloss und die Zuhörer nach draußen vor die Paulskirche führte. Sogar die Sonne war herausgekommen. Nach einer kurzen Ansprache enthüllte Landmann die bis dahin in Schwarz-Rot-Gold verhangene Statue an der Paulskirche. Doch die Verwunderung der Zuschauer war groß: Dieser nackte Jüngling, der aus der Hocke hochfuhr und den Arm reckte – das sollte Friedrich Ebert sein? Die „Frankfurter Volksstimme“ zitierte einen Schaulustigen: „Wissen Sie, mit diesem Denkmal weiß kein Mensch etwas anzufangen.“ Ein anderer soll spöttisch gefragt haben, ob Friedrich Ebert denn ein Förderer der Nacktkultur gewesen sei.
Diese Verwunderung war durchaus aussagekräftig. Sie zeigte das Fortbestehen eines gewissen Untertanengeists. Gewöhnt war man an Denkmäler zur Heldenverehrung – Otto von Bismarck, Kaiser Wilhelm I. oder Wilhelm II. als Reiterstandbilder. Genau davon sollte sich die neue Ebert-Statue abwenden. Sie sollte weniger ihn als Präsidenten zeigen als vielmehr das, was er verkörpert hatte: die Weimarer Demokratie. Eine Deutungsoffenheit war dabei vorgesehen. Statt zu einer Heldenstatue aufzublicken, sollte jeder sich seine Gedanken machen können. Darin auch stecke die Erinnerung daran, „dass heute jeder den Staat mitträgt“, sagte Landmann.

Entsprechend wenige Vorgaben hatte er dem Bildhauer Richard Scheibe, Leiter des Städelschen Kunstinstituts, bei der Auftragsvergabe gemacht. Stattdessen hatte man ihm weitgehend freie Hand gelassen. Die „Frankfurter Zeitung“ schrieb dazu: „Vor allem hat man dem Künstler gegeben, was des Künstlers ist: die Freiheit.“ Umgekehrt verband sich damit auch der unbequeme Interpretationsauftrag. Die „Frankfurter Zeitung“ formulierte es so: „Der Beschauer bekommt Arbeit, und das liebt er nicht.“
Hinzu kam eine Peinlichkeit: Der Schriftzug unter der Statue gab Friedrich Eberts Todesjahr falsch an – 1924 statt 1925. Erst als man den Schriftzug drei Jahre nach der Enthüllung durch Bronzebuchstaben ersetzte, wurde dieser Fehler korrigiert. Nicht lange darauf begann allerdings schon der Zusammenbruch der Weimarer Demokratie.
Nationalsozialisten entfernten Statue
Unmittelbar nach ihrer Machtübernahme 1933 entfernten die Nationalsozialisten das Ebert-Denkmal und den Schriftzug. Eine demokratische Erinnerungskultur war nicht mehr vorgesehen. Auch die Kunst änderte sich. Der Kirchenvorstand der Paulskirche zeigte sich davon angetan. So schrieb Pfarrer Georg Struckmeier in einem damaligen Zeitungsbeitrag: „Wir wollen eine Kunst, die aus deutscher Haltung heraus schafft und die dem deutschen – auch dem schlichten Manne – etwas zu sagen hat.“
Ludwig Landmann war bei der Abnahme der Statue bereits aus Frankfurt nach Berlin gegangen. Seine jüdische Herkunft und sein demokratisches Engagement hatten ihn zur Zielscheibe der nationalsozialistischen Agitation gemacht. Noch wenige Wochen vor Kriegsende sollte er untergetaucht sterben. Das Original der Ebert-Statue befindet sich heute im Historischen Museum Frankfurt. Eine Neufassung, ebenfalls von Richard Scheibe, steht seit 1950 wieder an der Paulskirche.
