
Vito kämpft gegen Donald Trump, nicht gegen den amerikanischen Präsidenten direkt, aber gegen seine Zölle. Denn Vito hilft Unternehmen dabei, diese Zölle zu umgehen. „Transshipment“ heißt diese häufig illegale Praxis auf Englisch. „Wir erhalten viele Anfragen chinesischer Produzenten, die ihre Waren via Malaysia in die USA liefern wollen“, schreibt der chinesische Unternehmer der F.A.Z. auf Xiaohongshu, einem chinesischen sozialen Netzwerk, das im Westen auch als „Red Note“ bekannt ist. „Viele Kunden glauben, man müsse nur den Container wechseln. Aber man muss auch die Verpackung und die Etiketten ändern. Die Zertifikate und die Zollerklärung müssen zur Lieferung passen. Das dauert mindestens zwei Wochen.“ Seine Botschaft: Zollbetrug ist gar nicht so einfach.
Was der chinesische Unternehmer Vito in Malaysia im Kleinen macht, wächst sich durch das Verhalten von Millionen Menschen zur Geopolitik aus. Als Trump im Jahr 2017 zu seiner ersten Amtszeit antrat, wollte er die Uhr zurückdrehen in eine Zeit, als in den Vereinigten Staaten Fabriken brummten, Schornsteine rauchten und mit China meistens Porzellan gemeint war und nicht die aufstrebende Weltmacht, die die globale Technologie- und Produktionsführerschaft anstrebt.
Damals begann Trump das Großprojekt Entkoppelung von China und setzt es seit dem vergangenen Jahr in seiner zweiten Amtszeit mit neuer Entschlossenheit fort – vor allem mit Zöllen. Die amerikanische Abhängigkeit von Lieferungen aus China soll schwinden, das Handelsbilanzdefizit schrumpfen, und die Fabriken sollen zurückkehren.
Die Statistik zeigt einen Etikettenschwindel
Wenn Chinas Präsident und Staatslenker Xi Jinping am kommenden Donnerstag in Washington zu Besuch ist, ist Trump mit diesem Großprojekt seiner Präsidentschaft noch nicht weit gekommen. Die nackten Zahlen deuten zwar darauf hin, dass er – zumindest was das Handelsbilanzdefizit im Güterhandel mit China betrifft – erfolgreich war. Das bilaterale Defizit hat sich von 418 Milliarden im Jahr 2018, als der Handelskrieg begann, auf zuletzt 203 Milliarden Dollar halbiert. Die amerikanische Wareneinfuhr aus China sank allein im vergangenen Jahr preisbereinigt um 28 Prozent, während die Einfuhr aus dem Rest der Welt um neun Prozent zunahm, rechnet Chad Bown von der Denkfabrik Petersen Institute for International Economics in einem Aufsatz vor. Chinas Anteil an der amerikanischen Einfuhr fiel von knapp 22 Prozent vor dem Handelskrieg 2018 auf nur noch neun Prozent im vergangenen Jahr.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Selbst wenn auf den Importgütern China nicht als Herkunftsland draufsteht, könnte in den Importen viel China enthalten sein. Das zeigt das Beispiel von Vito und vielen anderen Zwischenhändlern. Die Ökonomin Mary Lovely vom Peterson Institute stellt deshalb die Frage: Wie viel chinesische Wertschöpfung steckt in Amerikas Einfuhr? Das überraschende Ergebnis für den Zeitraum 2017 bis 2024 ist: Der chinesische Wertschöpfungsanteil am amerikanischen Import sank von 17,7 auf 15,4 Prozent – um gerade einmal 2,3 Prozentpunkte. Seit Trumps Zollkrieg werden offenbar deutlich mehr Güter in anderen Ländern mit chinesischen Vorprodukten hergestellt, um sie dann in die Vereinigten Staaten zu verschiffen.
„Rerouting“ und „Transshipment“ sind die Wörter der Stunde. Sie beschreiben die Praxis, Güter über Drittländer mit günstigen Zöllen zu versenden, um hohe Einfuhrzölle zu vermeiden. Lieferungen aus Malaysia belegen die USA nach Angaben der Bank CIMB derzeit mit einem durchschnittlichen effektiven Zollsatz von rund fünf Prozent, Lieferungen aus China dagegen nach Berechnungen von Ökonomen der Universität von Pennsylvania mit fast 23 Prozent. Nach Lovelys Überzeugung geht ein Großteil der scheinbaren Entkoppelung, für die die Regierung von Trump sich derzeit feiert, auf diese Umleitung von Waren zurück.
Das ist häufig, aber nicht immer illegal. Am kriminellen Ende werden Güter in China hergestellt, Händler wie Vito bringen sie nach Malaysia oder nach Vietnam, etikettieren die Waren um, und weiter geht es Richtung Amerika. „Das war schon immer echter Zollbetrug“, sagt William Reinsch von der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies, ein Handelsveteran mit viel Erfahrung in der politischen und geschäftlichen Außenwirtschaftsdiplomatie. Der New Yorker Immobilienunternehmer Trump hatte diese Umgehung seiner Zölle durch findige Geschäftsleute wohl nicht im Blick.
Am anderen Ende stehen legale Geschäftsmodelle. Wenn China zum Beispiel Stahlbrammen produziert und sie nach Südkorea liefert, werden sie dort zu Blechen, Bändern oder Draht weiterverarbeitet und anschließend in die USA exportiert. Oder wenn chinesische Produzenten Fabriken für Möbel, Reifen, Elektronik oder Spielzeug in Kambodscha bauen, wie es der chinesische Logistikunternehmer Hua berichtet. „Das Modell ist: chinesische Lieferkette, Produktion oder Montage in Kambodscha, US-Markt.“ Nach den internationalen Zollregeln gilt all das als wesentliche Verarbeitung – und die Waren gelten trotz eines hohen Anteils chinesischer Zulieferungen als südkoreanische oder kambodschanische Produkte.
Legal oder illegal?
Wie viel dieser Warenumleitung illegal ist, ist nicht leicht zu ermitteln. Seit Trump mit vielen seiner Zölle vor dem Obersten Gerichtshof eine Niederlage erlitten hat, beträgt die Zolldifferenz zwischen China und anderen Ländern im Durchschnitt nur noch rund 15 Prozent. Damit sinkt für Exporteure Richtung Amerika der Anreiz, das rechtliche Risiko einer illegalen Handelsumleitung einzugehen. Hua sagt, dass die Umschiffung der Zölle derzeit unbeliebter werde. Darauf deutet auch hin, dass die chinesische Ausfuhr in die Vereinigten Staaten in diesem Jahr schon wieder steigt. Bis Ende August lagen sie gemäß chinesischer Zolldaten um 6,2 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum.
Aus Sicht des Weißen Hauses ist das Volumen der Zollumgehung zu groß. Die Regierung will nun die amerikanische Zollbehörde mit Künstlicher Intelligenz ausrüsten, um Betrügern auf die Schliche zu kommen. Das kündigte Trumps Handelszar Peter Navarro im August an, als er eine Studie über den Zollbetrug vorstellte mit dem fast filmreifen Titel „The Great Transshipment Scam“. Das Handelsministerium schätzt, dass im vergangenen Jahr chinesische Waren im Wert von rund 67 Milliarden Dollar illegal über drei zentrale Drehscheiben in die USA umgeleitet wurden: Mexiko, Indien und Vietnam.
Dem Fiskus entgingen dadurch nach Regierungsangaben rund 28 Milliarden Dollar an Zolleinnahmen. Als weitere große Umschlagplätze nennt die Regierung Kanada, die Europäische Union, Japan, Südkorea und Taiwan. Während Navarro Umleitungen über andere Länder pauschal geißelt, hat die Ökonomin Caroline Freund von der Universität von San Diego Produkte untersucht, die unter amerikanische Zölle zur Abwehr unfairer oder diskriminierender Handelspraktiken fallen (Sektion 301). Ihr Ergebnis: Knapp zehn Prozent der umgeleiteten Produkte sind reiner Etikettenschwindel.
Doch es gibt auch echte Produktionsverlagerungen als Reaktion auf Trumps Zölle. Als die USA iPhones aus chinesischer Produktion Anfang 2025 mit Einfuhrzöllen belasteten, reagierte Apple schnell. Der Konzern verlagerte Produktion nach Indien. So erzählt es Bown vom Peterson Institute.
Das ist für die amerikanische Handelsbilanz nicht unerheblich. Im Jahr 2024, im Jahr vor Trumps zweiter Regierungszeit, machten Smartphones fast zehn Prozent der amerikanischen Einfuhr aus China aus. Rund 80 Prozent aller in die USA importierten Smartphones kamen aus China. Apple ist dabei ein wichtiger Spieler mit einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent.
Warum Apple sich nach Indien orientiert
Apple und seine Auftragsfertiger Foxconn oder Tata Electronics arbeiten schon seit Jahren daran, Indien zu einem neuen Zentrum für die Endmontage auszubauen. Das hatte mit Zöllen und anderen Handelshemmnissen zu tun, mit denen die indische Regierung die Tech-Produktion nach Indien lenken will. So konnte Apple unmittelbar nach den ersten amerikanischen Smartphonezöllen gegen China seine Lieferströme schnell und in großem Stil umlenken. Von März bis Mai 2025 gingen rund 97 Prozent der von Foxconn in Indien gefertigten iPhones in die USA, erklärt Bown. Bei Tata Electronics waren es im März und April 86 Prozent. Im Jahr 2024 hatte der Anteil bei beiden Unternehmen nur rund 50 Prozent betragen. In den letzten neun Monaten des Jahres kamen nur noch 40 Prozent der amerikanischen Einfuhr an Smartphones aus China, 46 Prozent dagegen aus Indien. Die Produktionsverlagerung war möglich, weil Apple sie jahrelang aus Gründen vorbereitet hatte, die mit Trumps Zollpolitik nichts zu tun hatten.
Lovelys Schlüsselfrage bleibt dabei offen: Wie viel China steckt in indischen Smartphones? Apple ist in dieser Hinsicht verschwiegen. Dank der Marktforscher von iSuppli weiß man, dass iPhones aus mehr als 2500 Komponenten bestehen, die aus vielen Ländern stammen und üblicherweise in China zusammengefügt werden. Doch China hat sich vom Montagestandort zum Produzenten von Hightech-Elementen entwickelt und hat damit einen immer größeren Wertschöpfungsanteil in den Smartphones. Das nutzte die Regierung in Peking, um die Verlagerung der iPhone-Produktion nach Indien gezielt zu erschweren.
Trumps Zölle erschweren die Entkopplung
Die Ökonomin vom Peterson Institute erwartet, dass Trump mit seinen jetzigen Zollrunden in Sachen Abkopplung nicht viel mehr erreichen wird als in seiner ersten Amtszeit. Breit angelegte Zölle können die Abhängigkeit von China nur begrenzt verringern. In den Bereichen, in denen China die Märkte für Vorprodukte dominiert und andere Optionen fehlen, schafft ein höherer Zoll keine neuen Lieferanten. Die Produktion wandert dann häufig nur von China in ein Drittland.
Teile von Trumps Zollpolitik könnten die Entkopplung sogar erschweren. Einfuhrzölle auf Waren aus Vietnam, Indien oder aus anderen möglichen Ersatzstandorten verteuern die Verlagerung von Produktion dorthin. Der Druck, chinesische Vorprodukte sofort zu ersetzen, kann in Ländern wie Vietnam den Aufbau eigener Lieferketten behindern, weil heimische Zulieferer noch fehlen. Lovely hat nichts gegen Zölle auf chinesische Importe. Diese sollten aber gezielt alternative Anbieter begünstigen und müssten durch gezielte Industriepolitik flankiert werden, sagt sie.
Der Chinafachmann Scott Kennedy vom Center of Strategic and International Studies in Washington glaubt, dass die USA sich nie ernsthaft von China hätten entkoppeln wollen, sondern nur kritische Abhängigkeiten reduzieren wollten. Leider sei man dabei nicht erfolgreich gewesen. Er erwartet in der kommenden Woche ein eher oberflächliches Treffen der beiden Staatschefs. „Im besten Fall verlängern beide Seiten die derzeitige Waffenruhe“, sagt Kenedy. „China sagt weitere Lieferungen Seltener Erden zu, die USA verpflichten sich, die Zölle nicht über ein bestimmtes Niveau hinaus anzuheben.“ Weitere Ankündigungen könnte es bei Agrarprodukten oder Boeing-Flugzeugen geben. „Bei den großen Streitfragen zwischen beiden Ländern rechne ich dagegen nicht mit einem Durchbruch.“
Der Logistikunternehmer Hua hat derweil einen klaren Wunsch an Xi und Trump: „Wir hoffen auf reibungslose Handelsströme und Verbesserungen in der Zollabwicklung.“
