Manchmal entscheidet allein der Lichteinfall darüber, ob eine Inschrift sichtbar wird. Dieses Phänomen ist sowohl Feldarchäologen als auch Kunsthistorikern bekannt, die verwitterte Bronzen im öffentlichen Raum untersuchen. Flaches, hartes Streiflicht lässt selbst geringe Vertiefungen Schatten werfen, die bei diffusem oder senkrechtem Licht kaum wahrzunehmen sind.
Das gilt auch für die Bronze-Pferdegruppe im Berliner Olympiapark. Die beiden Tiere wurden bereits mehrfach aus der Nähe betrachtet und fotografiert, ohne dass sich eine Signatur oder ein anderer Hinweis auf ihre Urheberschaft erkennen ließ. Deshalb untersuchte der hier unlängst unter der Überschrift „Die Rosse schreiten sanft und weich“ publizierte Beitrag die Herkunft der Gruppe anhand ihres Standorts, ihrer vermutlichen Entstehungszeit und ihrer Formensprache. Dabei wurde Hans Joachim Ihle als möglicher Urheber erörtert, ohne dass sich daraus eine gesicherte Zuschreibung ableiten ließ.
Feine Vertiefungen an zwei Hinterbeinen
Bei einer erneuten Untersuchung zeigte sich die Bronze jetzt in einem anderen Licht. Die tief stehende Sonne fiel seitlich auf die schlanken Hinterbeine der Figuren. In diesem Streiflicht zeichneten sich feine Vertiefungen im Metall ab. An einem Hinterbein wurde die etwa fünf Millimeter hohe Signatur „A. Haage“ sichtbar, daneben ließ sich die Zahl „66“ schwach erkennen. An einem weiteren Hinterbein befindet sich die Inschrift „Guss · W. Füssel · Berlin 10“ – der Gießereivermerk mit dem alten Postbezirk.

Durch die Künstlersignatur kann die Pferdegruppe als Werk von Annemarie Haage (1917 bis 2015) benannt werden. Die in Berlin tätige Bildhauerin und Grafikerin widmete sich insbesondere der Tierplastik und signierte ihre Bronzen mit „A. Haage“. Sie soll bei Fritz Diederich, einem Schüler von Peter Christian Breuer, sowie bei Toni Stadler studiert haben. In der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ des Jahres 1943 war sie mit einem „Pferd im Schritt“ vertreten. 1947 wurde sie wie Fritz Cremer und Bernhard Heiliger von der Jury der Berliner Ausstellung „Junge Generation“ ausgewählt. Das Kunstamt Wedding und das Bezirksamt Schöneberg publizierten 1962 und 1968 Katalogbroschüren.
Die nachgestellte „66“ ermöglicht nun die Datierung ins Jahr 1966, während die zweite Inschrift belegt, dass das Werk in der Charlottenburger Kunstgießerei Wilhelm Füssel ausgeführt wurde. Die nun bei genauerem Hinsehen entdeckte Signatur ermöglicht die kunsthistorische Bestimmung der Plastik und verleiht der Nachkriegsgeschichte der künstlerischen Ausstattung des Olympiaparks weitere Kontur. Das Werk war seit sechs Jahrzehnten öffentlich zugänglich, wurde in den vorhandenen Unterlagen jedoch als anonym geführt. Nun kann es dem bislang noch nicht erschlossenen Œuvre der Berliner Bildhauerin zugeordnet werden.
