Die Tote hieß Maria Catharine Alewyn und stammte aus Amsterdam. Eigentlich war sie nur auf der Durchreise in Frankfurt gewesen. Doch während ihres Aufenthalts im Luxushotel „Zum Schwan“ am Steinweg war sie mit 52 Jahren gestorben. So wurde sie auf dem „Neuen Friedhof“ beigesetzt, der gerade erst eröffnet worden war oder vielmehr mit ihrem Begräbnis eröffnet wurde. Noch heute erinnert im Gewann D, direkt an der Friedhofsmauer zur Rat-Beil-Straße, eine Gedenkplatte: „An dieser Stelle befand sich das Grab von Maria Catharine Alewyn. Sie wurde am 1. Juli 1828 beigesetzt. / Es war die erste Grabstätte auf dem Neuen Friedhof.“
Seitdem sind etwa 65.000 Gräber auf dem „Neuen Friedhof“ entstanden, dem heutigen Frankfurter Hauptfriedhof – darunter die Gräber zahlreicher bekannter Persönlichkeiten. Ein Spaziergang über den Hauptfriedhof gleicht dem Blättern durch ein Personenlexikon.
Die Philosophen Arthur Schopenhauer und Theodor W. Adorno, der Begründer des modernen Strafrechts Anselm von Feuerbach, die Psychoanalytiker Margarete und Alexander Mitscherlich, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Arzt Alois Alzheimer, der Arzt und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann, der Architekt und Stadtplaner Ernst May, die Schriftsteller Ricarda Huch, Robert Gernhardt und Wilhelm Genazino, die Jazzmusiker Albert und Emil Mangelsdorff, der Journalist und Dialektdichter Friedrich Stoltze, die Volksschauspielerin Liesel Christ, die Frauenrechtlerin Meta Quarck-Hammerschlag, die erste deutsche Bundesministerin Elisabeth Schwarzhaupt – sie alle liegen hier beerdigt. Hinzu kommen zahlreiche Frankfurter Oberbürgermeister, etwa Johannes von Miquel, Franz Adickes, Ludwig Landmann, Walter Kolb oder Walter Wallmann. Auch Frankfurter Patrizier und Bankiers haben hier Familiengräber, etwa die Familien von Metzler und Bethmann.
Vom Peterskirchhof zum Hauptfriedhof
Einen bekannten Frankfurter Familiennamen sucht man allerdings vergeblich: Goethe. Johann Wolfgang von Goethe starb in Weimar und wurde auch dort beerdigt. Auch seine Eltern, die beide in Frankfurt starben, liegen anderswo begraben. Ihre Gräber befinden sich auf dem Peterskirchhof, zwischen Stephan- und Bleichstraße. Nicht mehr viel erinnert daran, dass er zuvor der Hauptfriedhof der Stadt gewesen war.

Von seiner früheren Größe ist nur noch ein Drittel geblieben. Nach seiner Schließung wurde der Peterskirchhof weitgehend überbaut. Johann Caspar Goethes Grab befindet sich noch immer dort. Dagegen liegt Catharina Elisabeth Goethe, geborene Textor, im Familiengrab der Textors inzwischen unter dem Schulhof der benachbarten Liebfrauenschule.
Dass der Peterskirchhof so lange in Benutzung war, hat auch mit der Reformation zu tun. Mit ihr wandelte er sich zum rein protestantischen Friedhof und musste weniger Toten Platz bieten als noch zuvor. Katholiken wurden auf den Kirchhöfen ihrer Kirchen beigesetzt. Die Frankfurter Juden hatten einen Friedhof an der Judengasse. Umgekehrt wurde der Peterskirchhof aber schnell zu klein, als er 1811 wieder zum allgemeinen christlichen Friedhof wurde. Zu dieser Zeit war die Stadtgrenze bereits an ihn herangewachsen. Auch die steigende Einwohnerzahl überstieg inzwischen sein Fassungsvermögen.
Daraus ergaben sich gleich zwei Probleme. Zum einen konnte man die Toten nicht mehr vor der Stadt beisetzen, wie es üblich war, um Verwesungsgeruch und Krankheiten fernzuhalten. Zum anderen musste man die Toten nun früher ausgraben, um die Gräber wieder freizugeben. Das Ergebnis: unschöne Szenen bei den Exhumierungen, Klagen aus der Nachbarschaft über Leichengeruch, Wertminderung der umliegenden Grundstücke. Die einzige Lösung: ein neuer Friedhof, wieder außerhalb der Stadt.
Nördlich vor der Stadt fand man einen Rübenacker. Den Weg dorthin baute man aus und säumte ihn mit einer Reihe Linden auf jeder Straßenseite. Heute kennt man ihn als Eckenheimer Landstraße.
Zwischen Engeln und Scheintod
Mit der Anlage des „Neuen Friedhofs“ beauftragte die Stadt Frankfurt den Senator und hessischen Geheimen Hofrat Johann Adam Beil, Namensgeber der angrenzenden Rat-Beil-Straße. Die genaue Ausgestaltung übernahmen der Architekt Friedrich Rumpf und der Stadtgärtner Sebastian Rinz. Rumpf hatte unter anderem die Villa gestaltet, in der sich heute das Jüdische Museum befindet. Rinz war der Schöpfer der Frankfurter Wallanlagen. Beide haben Ehrengräber auf dem Hauptfriedhof.
Für die gärtnerische Gestaltung nahm Sebastian Rinz sich die englischen Landschaftsgärten zum Vorbild. Friedrich Rumpf schuf ein klassizistisches Portal, auf dessen Giebel ursprünglich Sphinx-Figuren stehen sollten. Doch die Frankfurter Geistlichen wandten sich gegen diese heidnischen Symbole. Aufgestellt wurden stattdessen Engel.

Eine besondere Bedeutung kam dem angrenzenden Leichenhaus zu. Bevor es zu einer Bestattung kam, sollte der Tod in ihm zunächst zweifelsfrei festgestellt werden. Die Angst dahinter war begründet: Bis weit ins 19. Jahrhundert war der Scheintod kaum vom Tod zu unterscheiden. Lebendig begraben zu werden, war also nicht nur ein Topos aus Schauerromanen. In der Leichenhalle wurde deshalb eine Drei-Tages-Frist bis zur Bestattung gewahrt.
Wie schnell die ursprüngliche Friedhofsfläche, vom Alten Portal bis zur Gruftenhalle, ebenfalls zu klein werden sollte, ahnte bei Maria Catharine Alewyns Bestattung am 1. Juli 1828 wohl noch niemand. Über die kommenden Jahrzehnte wuchs die Stadtbevölkerung aber rasant. 1828 lebten etwa 45.000 Menschen in Frankfurt. Um die Jahrhundertwende waren es bereits 280.000. Mehrfach wurde der Hauptfriedhof deshalb erweitert. Hinzu kamen zunächst die mit Buchstaben gekennzeichneten Gewanne E bis N, die um den jüdischen Friedhof herum liegen. Danach folgten die Gewanne, die mit römischen Zahlen gekennzeichnet wurden. Um mehr als das Zehnfache wuchs der Hauptfriedhof damit. Seit der letzten Erweiterung in den Fünfzigerjahren umfasst er etwa 70 Hektar – mehr als Grüneburgpark, Günthersburgpark und Ostpark zusammen.
Auch ein Neues Portal wurde 1912 eröffnet. Es liegt etwas weiter nördlich an der Eckenheimer Landstraße und ist Teil eines Ensembles aus Trauerhalle, Kapelle und Krematorium. Eine Friedhofsmauer um diesen neuen Teil fehlte zunächst. Nur ein Stacheldrahtzaun fasste das Gelände ein, was allgemein als unwürdig empfunden wurde.
Mauer aus Steinen der zerstörten Synagoge
Weniger sensibel reagierte die Bevölkerung auf das Baumaterial, das dann für einen Mauerbau benutzt wurde. Der 165 Meter lange Abschnitt, der im oberen Teil an der Eckenheimer Landstraße liegt, besteht aus Steinen der zerstörten Haupt- und Börneplatzsynagoge. Sie hatten die Nationalsozialisten beim Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Brand gesetzt. Dieses Vorgehen war typisch: Stets ließen die Nationalsozialisten die deutsche Mehrheitsbevölkerung von der Verfolgung und Ermordung profitieren. Das sollte Proteste verhindern, das Einverständnis sichern oder sogar zur Mittäterschaft verleiten.
Das Pogrom vom November 1938 erlebte der damals 18 Jahre alte Marcel Reich schon nur noch aus der Ferne. Erst kurz zuvor hatten ihn die NS-Behörden aus Deutschland ausgewiesen. Sein Abitur hatte er noch in Berlin ablegen können. Zum Germanistikstudium wurde er schon nicht mehr zugelassen. Nur durch Flucht und Untertauchen überlebte er das Warschauer Ghetto. Seine Familie wurde ermordet. Gemeinsam mit seiner Frau Teofila, genannt Tosia, kehrte Marcel Reich später in die Bundesrepublik zurück. Von 1974 an lebte er im Frankfurter Dichterviertel. Als Marcel Reich-Ranicki wurde er zum einflussreichsten Literaturkritiker Deutschlands. Ebenso schlicht, wie seine Frau und er gelebt hatten, sind beide im Urnenhain des Hauptfriedhofs beerdigt. Eine einfache Granitplatte mit beiden Namen sowie den Geburts- und Sterbedaten erinnert an sie.

Das nahegelegene Mausoleum Gans ist dagegen das größte Grab des Friedhofs. Direkt an einem Hauptweg gelegen und nach italienischem Vorbild gestaltet, hatte es sich der Frankfurter Industrielle Friedrich Ludwig Gans erbauen lassen. Er starb 1920. Seit 1932 werden in dem Mausoleum auch andere Urnen beigesetzt.
Figuren aus dem „Struwwelpeter“
Fast ebenso imposant ist das Grab des Frankfurter Mäzens Karl Kotzenberg, weiter östlich im Gewann VI. Damit verbunden ist eine besonders tragische Geschichte. Denn das monumentale Grab mit eigener Allee und überlebensgroßem Grabwächter ließ Kotzenberg sich lange vor seinem Tod anlegen. Über die Wirtschaftskrisen der Zwanzigerjahre verlor er jedoch sein gesamtes beträchtliches Vermögen. Aus seiner Bockenheimer Villa musste er ausziehen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1940 lebte er in einer billigen Mansardenwohnung. Völlig verarmt wurde er in jenem Grab beerdigt, das er sich als reicher Kaufmann hatte bauen lassen.

Das Leben als Tragödie – das entsprach ganz der Sichtweise des Philosophen Arthur Schopenhauer, der ebenfalls auf dem Hauptfriedhof begraben liegt. Er schreibt: „Das Leben jedes Einzelnen ist, wenn man es im Ganzen und Allgemeinen übersieht und nur die bedeutsamsten Züge heraushebt, eigentlich immer ein Trauerspiel.“ Im Kleinen dagegen sei das Leben, mit seinen Zufällen und Ungeschicken, aber eine Komödie. Schopenhauers Fazit: Der Mensch sei eine Komödienfigur, die in einer Tragödie lebe. Auffällig ist an Schopenhauers Grabplatte im Gewann A nahe dem Alten Portal, dass sie nur seinen Namen nennt. Kein Geburts- oder Sterbejahr. Offenbar wollte er für alle Zeiten gelten.
Zeitgebunden mag dagegen ein Kinderbuch erscheinen, das der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann verfasste: „Der Struwwelpeter“. Kinder verbrennen darin, verhungern oder bekommen ihre Daumen abgeschnitten. Die Geschichten sollten Kindern aber weniger Angst einjagen, als sie vielmehr davon abhalten, die gezeigten Fehler selbst zu begehen. Für „Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug“ nahm sich Hoffmann ein reales Vorbild: die Frankfurter Arzttochter Pauline Schmidt, eine Freundin seiner Kinder. Auch sie hatte mit Feuer gespielt und dabei zumindest eine Gardine in Brand gesetzt. Mit 15 Jahren starb sie an der Tuberkulose. Ein weiteres Vorbild für Hoffmann war der Frankfurter Arzt Philipp Julius von Fabricius. Im „Struwwelpeter“ erscheint er als der sprichwörtlich gewordene „Zappelphilipp“. Alle drei, Hoffmann, Schmidt und von Fabricius, liegen in Ehrengräbern auf dem Hauptfriedhof.
Während fast alle diese Gräber Menschen mit einer mehr oder weniger vollständigen Biographie die letzte Ruhestätte bieten, werden in den beiden Grabstätten „Ein Hauch von Leben“, in den Gewannen C und E, Menschen beerdigt, die nie zu einer Biographie kamen. Beigesetzt werden dort Kinder, die vor Ablauf der 24. Schwangerschaftswoche starben oder mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm tot geboren wurden. Die beiden Grabstätten sollen auch den Eltern einen Ort zum Trauern geben.
In seiner Eigenschaft als Ort der Totenruhe ist der Frankfurter Hauptfriedhof aber auch ein Ort des blühenden Lebens. Denn weitgehend ungestört können hier Pflanzen, Vögel und Insekten leben. So kommt es, dass hier mehr als 370 Pflanzenarten wachsen. Mehr als sechzig Vogelarten nisten auf den rund 6000 Bäumen. Wildblumenwiesen, ein Wildbienengarten und Insektenhotels ziehen Schmetterlinge, Bienen und Insekten an. Damit ist der Hauptfriedhof einer der Orte mit der größten Artenvielfalt in der Stadt. Ein neu eingerichteter Naturlehrpfad zeigt diese wenig bekannte Seite. Neben einem Ort des persönlichen Gedenkens und der gesellschaftlichen Erinnerung ist der Hauptfriedhof also auch das: Frankfurts vielleicht schönster Stadtpark.
